Fracking-Lobbyismus an Schulen? Niedersachsen stoppt umstrittene Projekte

Biz: Fracking-Lobbyismus an Schulen? Niedersachsen stoppt umstrittene Projekte

von Peter Vollmer

Das Land Niedersachsen stellt ein Schulprojekt ein, bei dem unter anderen ExxonMobil beteiligt war.

Den Begriff „Lobbyismus“ verbinden viele Bürger mit hoch dotierten Beraterposten, Luxus-Reisen und vor allem dunklen Hinterzimmern – weniger mit hell beleuchteten Klassenräumen. Doch auch hier versuchen Unternehmen, junge Menschen für ihre Geschäfte und ihre Branche zu begeistern.

So auch der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG), der - wie der Name nahe legt - die Interessen der Unternehmen in diesem Bereich unter anderem gegenüber der Politik vertritt. Er arbeitete bis vor kurzem in Niedersachsen mit fünf weiterführenden Schulen zusammen. Für den Geschmack des Kultusministeriums war diese Zusammenarbeit aber etwas zu eng – das Ministerium beendete die Kooperationen nun.

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Praxisnähe oder Lobbyarbeit?Den Grund kann der WEG nicht nachvollziehen. Es gehe nur um eine „fächerübergreifende und praxisnahe Heranführung an technisch-naturwissenschaftliche Themen“, rechtfertigt sich der Verband. Und die Schüler nähmen diese „sehr gerne an“.

Der WEG bot den Schülern zum Beispiel an, ihre Seminararbeiten etwa beim Ölgiganten ExxonMobil, dem mittlerweile in Engie umbenannten französischen Konzern GDF Suez oder der unlängst von RWE verkauften Deutschen Erdöl AG (DEA) zu schreiben.

Ein einfacher Einblick in die Praxis also, alles halb so wild?

Dieser Darstellung widerspricht der Lobbyismus-kritische Verein Lobbycontrol entschieden. Schon Anfang 2013 hatte die Watchdog-Organisation das Projekt kritisiert. Nicht zuletzt, weil Vertreter des WEG in einer Dokumentation die Ziele des Schulprojekts als „Verbesserung der Reputation der Branche“ und „Versachlichung der Darstellungen über die Erdöl- und Erdgasproduktion in Schulen“ formulierte.

Schulen bekamen 10.000 EuroExxonMobil soll den beteiligten Schulen 10.000 Euro im Jahr gezahlt haben, GDF Suez 3000 Euro. „Hinzu kommt, dass die Kooperationen in einer Gegend stattfinden, in der die umstrittene Fracking-Technik vermehrt zum Einsatz kommt“, kritisiert Felix Kamella von Lobbycontrol und nennt die Kooperation „einen der deutlichsten Fälle von Lobbyismus an Schulen“.

2007 war es die Regierung unter Christian Wulff (CDU), die das Projekt auf den Weg brachte – übrigens keine drei Jahre, nachdem dieselbe Regierung die Landeszentrale für politische Bildung schloss, die bis dahin unabhängige Bildungsangebote erstellt hatte.

Der Beschluss, die Kooperation zu beenden, kommt nun aus dem von Frauke Heiligenstadt (SPD) geführten Kultusministerium – mit Hinweis auf eine derzeit gültige Antikorruptionsrichtlinie.

„Schülerinnen und Schüler müssen sich frei und ohne einseitigen Einfluss ihr eigenes Urteil bilden können, in diesem Fall war dies nach unserer Einschätzung nicht mehr gewährleistet“, heißt es aus dem Ministerium. Den darin mitschwingenden Vorwurf der unzulässigen Beeinflussung weist der WEG wiederum von sich.

Kooperationen mit Unternehmen sind an vielen Schulen üblich. Diese profitieren vom externen Wissen. Die vielerorts marode Infrastruktur macht Schulen aber auch für materielle Unterstützungen empfänglich, etwa Laptops oder Tafeln. Anders als zum Beispiel angehende Mediziner werden Lehrer in ihrer Ausbildung noch nicht für Lobbyismus sensibilisiert.

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