Fusionsenergie: Wie vermeintliche Weltenretter Millionen einsammeln

Fusionsenergie: Wie vermeintliche Weltenretter Millionen einsammeln

von Wolfgang Kempkens

Ein deutsches Unternehmen will aus Wasser Diesel machen und erhält Millionen - u.a. von der Windkraftfirma Prokon.

Martin Fleischmann machte die größte Entdeckung der Menschheit seit dem Feuer: Er baute die Sonne bei Zimmertemperatur in einem Wasserglas nach - und löste damit die Energieprobleme der Menschheit bis in alle Ewigkeit.

Mit diesen Worten beschreibt die US-Tageszeitung New York Times das Ziel des Chemikers Fleischmann, der als Kind vor den Nazis aus Osteuropa nach England geflohen war, später in die USA weiterzog und 1989 mit einem spektakulären Experiment auf sich aufmerksam machte: Er behauptete, zusammen mit seinem Assistenten Stanley Pons, in einem Labor der Universität von Utah eine als kalte Fusion bekannte physikalische Reaktion ausgelöst zu haben.

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Dabei handelt es sich um die Verschmelzung von Atomen, bei der gigantische Mengen Energie freiwerden. Also genau der Prozess, der auch in der Sonne abläuft; nur bei Zimmertemperatur.

Im Labor von Fleischmann und Pons sah der Sensationsversuch aber eher nach einem Schulexperiment aus: Sie leiteten Strom in ein Glas voller Wasser, in dem sich ein Edelmetall als Reaktionsbeschleuniger befand. Das Wasser habe sich bei diesem Experiment überraschend stark erhitzt, berichteten die Forscher begeistert.

Sie nahmen das als Beweis für eine Verschmelzung von Atomkernen, ein Vorgang der auch als Kernfusion bekannt ist. In ihrem Glas, behaupteten die beiden, hätten sich Wasserstoffatome vereint. Dieser Prozess habe mehr Energie produziert, als ursprünglich in das Glas geleitet worden sei.

Stern in der Flasche entpuppte sich als fauler ZauberZeitungen und Zeitschriften, auch in Deutschland, brachten lange Artikel über das Experiment von Fleischmann und Pons. Als "Stern im Becher" machte das Experiment Schlagzeilen.

Das Problem: Kein Wissenschaftler konnte das Experiment der beiden wiederholen. Unter Physikern und Chemikern gelten sie seitdem als Scharlatane. Die überwiegende Mehrheit der Forscher in aller Welt ist sicher, dass eine solche Verschmelzung von Atomen wenn überhaupt, dann nur bei Temperaturen von mehr als 100 Millionen Grad Celsius möglich ist.

Fleischmann starb im August 2012 vereinsamt und in der akademischen Welt diskreditiert.

Dennoch arbeiten bis heute einige Forscher, Ingenieure und Unternehmer daran, Atome unter Einsatz von sehr wenig Energie zu verändern. Der Grund ist einfach: Wäre eine solche Reaktion tatsächlich möglich, wären die Rohstoffsorgen der Menschheit wohl gelöst und eine saubere und unerschöpfliche Energiequelle gefunden. Um nicht in den Strudel von Pons und Fleischmann zu geraten, sprechen die Verfechter der kalten Fusion heute nur noch von Low Energy Nuclear Reactions (LENR) – also von nuklearen Reaktionen, die wenig Energie erfordern.

Auch in Deutschland gibt es Versuche, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, das Wunderverfahren doch noch zum Laufen zu bringen. EGM-International, ein Unternehmen aus Papenburg an der Ems, glaubt, einen solchen LENR-Prozess entwickelt zu haben. Er soll auf eine ganz eigene Weise unendlich viel Energie produzieren – nämlich indem er Wasser in einen dieselähnlichen Treibstoff verwandelt.

Wundermaschine produziert Diesel aus WasserDazu vermischen die EGM-Entwickler Diesel, wie er aus der Zapfsäule kommt, mit einer ebenso großen Menge Wasser. In einem Kavitator genannten Behälter, in dem Strömungsbleche montiert sind, wird das Wasser-Diesel-Gemisch mit großer Kraft durcheinandergewirbelt. Das Ergebnis des Prozesses: Am Ende ist mehr Diesel im Wasser als die Ingenieure vorher in den Behälter hineingegeben haben.

Aus jeweils 1,5 Liter Diesel und Wasser entstehen so laut Angaben von EGM 2,1 Liter Neu-Diesel und Wasser. Die Treibstoffmenge hat sich auf wundersame Weise um 40 Prozent vermehrt.

„Das kriegen wir noch besser hin“, glaubt Jürgen Axmann, Physiker und Mitarbeiter von EGM-Chef Wolfgang Gesen, der das von der Wissenschaft skeptisch beäugte Verfahren mitentwickelt hat.

Laut Axmann soll die Reaktion ungefähr so funktionieren: Die Tortur im Kavitator zerstört die Sauerstoffatome im Wasser und verwandelt sie in Kohlenstoffatome. Diese vereinen sich wiederum mit Wasserstoff, der auch aus den zerstörten Wassermolekülen stammt. Das Ergebnis ist eine organische Flüssigkeit, die Diesel sehr ähnlich ist.

Land der Ideen in PapenburgZwar wirbt EGM auf seiner Webseite mit mehr als einem Dutzend Tests und Gutachten. Doch das Problem wie bei allen ähnlichen Prozessen bisher: Ist am Ende des Prozesses wirklich mehr Energie entstanden, als hineingesteckt wurde? Denn auch der Kavitator benötigt Strom. Auch in diesem Fall fehlt die Bestätigung seriöser Wissenschaftler.

Warum sollte man sich also darum kümmern? Weil inzwischen viele Leute daran glauben, dass dieses Verfahren wirklich funktionieren könnte. Unter anderem wurde EGM im Jahr 2010 von der Regierungs-Initiative Land der Ideen ausgezeichnet, deren Schirmherr der deutsche Bundespräsident ist.

Außerdem gab und gibt es prominente Geldgeber und Unterstützer für das Verfahren: Dazu gehören arabische Investoren ebenso wie der insolvent gegangene deutsche Windanlagenprojektierer Prokon.

In Deutschland sollte EGM seine erste kommerzielle Anlage in Itzehoe errichten, nahe dem Unternehmenssitz von Prokon. Zusammen mit EGM gründeten die Schleswig-Holsteiner im September 2013 sogar ein neues Unternehmen, die Prokon-EGM Technology GmbH, das den Wassersprit vertreiben sollte. Die Anleger von Prokon erfuhren von dem Projekt lediglich in der Fußnote eines Rundbriefs, den Prokon im Juni 2013 verschickte (hier als PDF). Das Ziel des mit 200.000 Euro Startkapital ausgestatteten Unternehmens:"Der Gesellschaftszweck erstreckt sich auf die Veredelung von fossilen und pflanzlichen Kraftstoffen unter Verwendung eines speziellen Verfahrens, bei dem den Kraftstoffen Wasser beigemischt wird."

Fudschaira geht voranDer kühne Plan  lässt sich wohl nicht mehr realisieren. Denn Prokon stolperte Anfang des Jahres in die Insolvenz. Rund 75.000 Anleger bangen derzeit um ihre Einlagen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro. Wie viel Geld genau in das gewagte Joint-Venture mit Gesen floss, ist nicht bekannt.

Nun wird das Verfahren wohl zuerst in Fudschaira erprobt – einem der sieben Emirate, die sich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zusammengeschlossen haben. Das Land, halb so groß wie das Saarland, hat kein eigenes Öl. Es wird per Pipeline aus Abu Dhabi geliefert und in einer Raffinerie weiterverarbeitet.

Noch in diesem Jahr möchte Fudschaira aber eigenen Diesel produzieren. EGM baut dort derzeit eine Anlage mit einer Jahreskapazität von 2,2 Millionen Litern. An der Universität von Abu Dhabi ging in diesem Januar außerdem eine Forschungs- und Versuchsanlage in Betrieb. 2010 spendierten Investoren aus Abu Dhabi zudem eine nicht näher bezifferte Millionensumme für ein Forschungszentrum von EGM in Papenburg.

200 Millionen Euro von der KunststiftungIm Februar 2012 erhielt ein vom deutschen Firmenchef Gesen geführter Ableger von EGM in Dubai, EGM World, außerdem rund 200 Millionen Euro von der US-Kunststiftung The Lamb Umbrellas for Peace, um die Technologie weiter zu entwickeln (Meldung als PDF).

Die Stiftung hat sich laut eigener Aussage dem Weltfrieden verschrieben und ihre Vorsitzende, Sheila Lamb Gabler, pflegt enge Kontakte zu Politikern und einflussreichen Familien in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Unter anderem zu Abdulla Mangoosh. Er war wissenschaftlicher Berater der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate und ist Vorsitzender des Investment-Unternehmens Emirates House Group, das Geld für das Forschungszentrum in Papenburg gab. Inzwischen arbeitet er auch als Projektmanager von EGM World in Dubai.

Gesen kann sich also über gute Kontakte zu einflussreichen Geldgebern freuen. Zwar sind 200 Millionen Euro in den öl- und gasreichen Scheichtümern nicht viel Geld, aber dennoch ist es keine kleine Summe für ein Verfahren, von dem kaum ein Experte glaubt, dass es funktionieren kann.

„Immer wieder hat man uns unterstellt, dass wir schummeln“, klagte Gesen kürzlich in der „Ostfriesen-Zeitung“. Zu glauben, dass das Wunderverfahren tatsächlich funktioniert, ist aber nicht leicht, erinnert es doch stark an den Flop von Pons und Fleischmann.

Ein neuer Einstein aus Italien?Gesen und sein Physiker Axmann glauben dennoch, dass sie mit ihrem Kavitator den Schlüssel zu einer Art kalten Fusion entdeckt haben. Dass die Reaktion tatsächlich stattfindet, sei eben indirekt zu beweisen, sagt Axmann, weil am Ende des Prozesses mehr Diesel da sei als zuvor. „Anders lässt sich das nicht erklären."

Dass das physikalische Phänomen einer nuklearen Reaktion bei niedrigen Temperaturen tatsächlich möglich ist, glauben auch andere Wissenschaftler. Allerdings ist ihre Zahl weitaus geringer als die der Skeptiker.

Der wohl derzeit prominenteste Vertreter der kalten Fusion ist Andrea Rossi, ein italienischer Unternehmer und Erfinder. Er arbeitete jahrelang mit dem Professor und Nuklearexperten Sergio Focardi von der Universität Bologna an dem derzeit wohl spektakulärsten LENR-Projekt.

Die beiden haben in einem Laborreaktor in einem Lagerhaus in Bologna Deuterium, ein Wasserstoffisotop, das auch als schwerer Wasserstoff bekannt ist, durch Nickelstaub geleitet. Das glänzende Metall, so Rossis Erklärung, baut den Wasserstoffkern, der aus einem einzigen Proton besteht, in seinen eigenen Kern mit 28 Protonen ein. So wird aus Nickel Kupfer, und zudem entsteht noch Energie.

Rossi hat seinen Versuchsaufbau mehrfach präsentiert, aber keinem fremden Wissenschaftler wirklich Einblick in den Reaktor gegeben. Deshalb gilt er bei vielen Forschern als Aufschneider. Dennoch will Rossi seinen sogenannten Energy Catalyzer jetzt weltweit vermarkten.

Fusionsreaktoren für DeutschlandFür kurze Zeit wollte sogar ein Unternehmen Namens E-Cat-Deutschland in Stuttgart die Fusions-Kraftwerke vertreiben. Allerdings, so heißt es in Stuttgart mittlerweile, seien die versprochenen Anlagen nie geliefert worden. Rossi sucht mit seiner Technologie nun in den USA sein Heil und Geld.

In den Vereinigten Staaten aber trifft Rossi auf harte Konkurrenz. Dort behauptet auch das Unternehmen Blacklight Power, das ein Mediziner der Harvard Universität gegründet hat, einen Prozess entwickelt zu haben, der ähnlich einer kalten Fusion abläuft. Nach eigener Aussage hat das Unternehmen 60 Millionen Dollar an Risikokapital eingesammelt, um seinen Prozess zur Marktreife zu bringen - unter anderem von zwei US-Energieversorgern.

So verrückt es erscheinen mag, es gibt doch einige Fürsprecher des EGM-Projekts aus Papenburg, des Fusions-Reaktors von Andrea Rossi und einem halben Dutzend ähnlicher Projekte. Ein Forscher beim schwedischen Energieriesen Vattenfall etwa glaubt, Rossis Innovation könnte zur Stromerzeugung genutzt werden, wenn die schwedischen Kernkraftwerke ihre maximale Lebensdauer erreicht haben. Sie dürfen noch bis zum Jahr 2050 betrieben werden. „Diese Technik wird vielleicht die Welt revolutionieren“, sagte Vattenfall-Physiker Anders Aberg vor einem Jahr dem schwedischen Rundfunk.

Das glaubt auch Yasuhiro Iwamura, Physiker im japanischen Mischkonzern Mitsubishi, der auch Technik für Kernkraftwerke herstellt. Rund 14 Jahre lang experimentierte er mit der kalten Fusion. Er beschoss seine Metalle mit 60 bis 80 Grad Celsius warmem Deuterium, das auch Andrea Rossi verwendet, und wandelte sie so in andere Metalle um. Bei dem Prozess soll gleichzeitig Energie entstanden sein. Iwamura schaffte, wenn er nicht geschummelt hat, Erstaunliches.

Physiker des Autobauers Toyota stellten die Experimente nach. Sie gelangen, doch die Ausbeute war geringer. Die Mengen, die umgesetzt werden, sind ohnehin kaum nennenswert, haben also – noch – keine wirtschaftliche Bedeutung.

Ob die kalte Fusion jemals andere als leichtsinnige Geldgeber überzeugen wird, ist dabei fraglich. Bisher gibt es im Shop auf der Internetseite des Unternehmens ECat in den USA, das die Technologie des Italieners Andrea Rossi vertreiben will, nur einen Link zum Online-Kaufhaus Amazon. Die Käufer von Fusionsreaktoren werden wohl noch etwas warten müssen.

Mitarbeit: Benjamin Reuter

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