Gastbeitrag: Das ist die Zukunft der Energiewende

Gastbeitrag: Das ist die Zukunft der Energiewende

Bild vergrößern

Das Kohlekraftwerk Mehrum (Niedersachsen) muss hinter den Windrädern zurückstehen.

Dass die Bundesregierung die Energiewende mit dem Ausschreibungsverfahren planbarer machen will, ist gut - doch mit der Regulierung macht die Regierung nicht alles richtig.

Unmittelbar vor der Sommerpause hat die Bundesregierung richtungweisende Gesetze im Energiesektor auf den Weg gebracht: Die Novelle zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die Beschlüsse zum Strommarktgesetz sowie zum Gesetz der Digitalisierung der Energiewende. Für Bundeswirtschaftsminister Gabriel ist das Paket nicht nur ein „Paradigmenwechsel“, sondern vielmehr „die größte Reform des Strommarktes seit seiner Liberalisierung in den 90er Jahren“. Die Opposition hingegen spricht von einer „Kehrtwende bei der Ökostromförderung“, gar von der „Ökostrombremse“. Einig sind sich beide Seiten nur darin, dass nichts bleibt, wie es ist.

Wohin steuert die Energiewende?

Anzeige

Verschärfter Wettbewerb

Tatsächlich bleiben die entscheidenden Instrumente im EEG erhalten: Erneuerbare Energien genießen weiterhin die Einspeisevergütung und die auf 20 Jahre garantiert. Die Einführung von Ausschreibungsverfahren führt lediglich dazu, dass der Wettbewerb - und nicht die Politik - die Förderhöhe bestimmt. Gleichzeitig legt der Gesetzgeber die Ausbaumenge fest, die er jedes Jahr fördern möchte. Folglich bekommt nicht mehr jeder Marktteilnehmer eine Vergütung, sondern nur derjenige, der sich im Wettbewerb durchsetzt. Die Bundesregierung verfolgt damit das Ziel, die Umstellung der Energieversorgung mit allen Konsequenzen planbarer für die Marktteilnehmer zu machen.

Damit hat sie recht, waren doch die vergangenen Jahre durch einen unsteten Zubau der Erneuerbaren Energien geprägt. Überförderungen riefen zeitweise Ausbauspitzen hervor, es folgten Insolvenzen und Jobverluste und damit der Unmut der aufstrebenden Branche. Parallel schrieben die konventionellen Energiekonzerne rote Zahlen, weil die Überkapazitäten bei der Stromerzeugung die Börsenstrompreise sinken ließen und sich viele Anlagen nicht mehr rechneten. Die neue wie die alte Energiewelt hat daher ein Interesse an verlässlichen Rahmenbedingungen, um Investitionen sicher zu tätigen.

Kein Markt mehr für Kohle

Während aber die Systematik des EEG mit der gleitenden Marktprämie niedrige Strompreise ausgleicht, sind fossile Kraftwerke seit Jahren nicht mehr lukrativ. Wenn der Ausbau der Erneuerbaren Energien kontinuierlich – wenngleich nicht so zügig wie möglich – voranschreiten wird, bleibt fossilen Kraftwerken nichts weiter übrig, als sukzessiv vom Netz zu gehen. Das ist auch nur konsequent, wenn es die Bundesregierung ernst meint mit der Umsetzung der Pariser Klimabeschlüsse.

Auch das jüngst beschlossene Strommarktgesetz ändert an dieser Entwicklung nichts. Aufgrund politischer Opportunität ermöglicht das Gesetz eine vergütete „Sicherheitsbereitschaft“ für Braunkohlekraftwerke, so dass Betreiber zwar noch 1,6 Milliarden Euro über das Umlageverfahren von den Stromverbrauchern erhalten. Anschließend werden die Anlagen aber stillgelegt. Im Zentrum des Strommarktgesetzes steht die Zusammenführung von flexibler Erzeugung und Nachfrage. Damit können Kohlekraftwerke nicht dienen.

Die Zukunft gehört virtuellen Kraftwerken, dezentralen Kombikraftwerke, Speicher, dem Demand-Side-Management – auf Basis erneuerbarer Energien. Das parallel verabschiedete Digitalisierungsgesetz soll dieses neue Strommarktdesign unterstützen. Wenn Millionen dezentraler Erzeugungsanlagen auf zunehmend echte Verbrauchsprofile stoßen, müssen beide verstärkt in Einklang gebracht werden. Standardisierte Verbrauchsprofile gehören der Vergangenheit an, weil durch die Digitalisierung genauere Informationen vorhanden und diese für eine erfolgreiche Umstellung der Energieversorgung auch notwendig sind.

Was wir jetzt vor allem brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen, so dass alle Akteure Geschäftschancen ausloten, Investitionen tätigen und im Markt aktiv werden können.

Nächste Novelle wartet schon

Bedauerlicherweise verhindert der Gesetzgeber eben diese Verlässlichkeit, indem er nicht nur Korrekturen beim soeben verabschiedeten EEG in diesem Herbst durchführen will, sondern schon die nächste Novelle des EEG nach der Bundestagswahl fest einplant.

Während die letzte EEG-Novelle ganz unter dem Stern der Ausschreibungsverfahren stand, wird die nächste Änderung die Kostenverteilung der Energiewende thematisieren. Durch die wachsende Anzahl von Eigenversorgern, die ihren Strom mit der PV-Anlage selbst erzeugen, ihn mit Batterien für den späteren Verbrauch speichern, somit die Versorgung von außen reduzieren und folglich weniger EEG-Umlage zahlen, entsteht ein Verteilungsproblem. Wenn ein Teil der Verbraucher weniger Umlage zahlt, müssen das andere ausgleichen.

Um dieser vermeintlichen Entsolidarisierung zu begegnen, diskutiert die Branche bereits Regulierungsoptionen. Allerdings unterschlägt die bisherige Diskussion, dass die privaten Eigenversorger nur dem Aufruf der Politik folgen: Sie partizipieren an der Umsetzung der Energiewende, sie verringern den Verteilnetzausbau durch intelligente Steuerung der Batterien und zahlen Mehrwertsteuer beim Kauf des Speichers, die der Gemeinschaft wieder zugute kommt.

Impulspapier"Strom 2030" Regierung befragt Bürger als Experten zur Energiewende

Mit „Strom 2030“ will das Bundeswirtschaftsministerium die Weichen für die Energiewende stellen. Branchenverbände bewerten den Plan als durchwachsen.

Das Impulspapier "Strom 2030" benennt zwölf Trends, die die Energieversorgung in Zukunft prägen werden. Quelle: dpa

Neben der Kostenverteilung wird es bei der nächsten EEG-Novelle auch um die Höhe der Kosten selbst gehen. Die von der Bundesregierung avisierten Ausschreibungsvolumen für Photovoltaik, Wind und Biomasse reichen bei weitem nicht aus, um den steigenden Strombedarf zu decken. Und das ist kein Geheimnis. Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, werden wir deutlich mehr Strom aus Erneuerbaren Energien benötigen. Daher wird die Bundesregierung die Ausschreibungsvolumina der günstigsten Energieträger ausweiten müssen, um die Kosten gering zu halten. Je früher sie dies tut, desto eher können sich Unternehmen darauf einstellen.

David Wortmann ist seit mehr als 15 Jahren Gestalter der Energiewende in Politik und Wirtschaft, unter anderem im Deutschen Bundestag, für die Bundesregierung und in der Solarbranche. 2012 gründete er zusammen mit Doreen Rietentiet die Beratungsagentur DWR eco für Unternehmen und Institutionen im Cleantech-Bereich.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%