Genforschung: Fischöl aus Pflanzen soll die Meere entlasten

Genforschung: Fischöl aus Pflanzen soll die Meere entlasten

von Jonas Gerding

Fische in Aquakulturen essen Fischöl, das von anderen Fischen kommt. Nun hat die Genforschung pflanzlichen Ersatz gefunden.

Rapsöl wird aus Raps, Olivenöl aus Oliven und Sojaöl aus Soja gepresst. Es klingt absurd, aber Fischöl muss nicht vom Fisch stammen. Das ist zwar meist der Fall. Doch hinter der Bezeichnung verbergen sich Omega-3-Fettsäuren, die sich ebenso in Pflanzen befinden. Agrarwissenschaftler der britischen Forschungseinrichtung Rothamsted Research haben nun in jahrelanger Arbeit eine Pflanze gezüchtet, die Fischöle im großen Stil an Land liefern könnte.

Was nach einem mittelmäßigen Fun-Fact für den Small-Talk unter Nerds klingt, könnte jedoch gehörige Auswirkungen auf die Welternährung haben. Denn ein auf Pflanzenbasis hergestelltes Fischöl könnte die Meere entlasten.

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Fische in Aquakulturen bekommen meist Fischöl in ihr Futter beigemischt. Um Fische zu züchten, mussten daher bislang immer auch frei schwimmende Genossen dran glauben. Das könnte sich nun ändern. Wie auch die Einkaufsliste von Vegetariern, die durch tierfreie Fischöl-Kapseln nicht länger auf wertvolle Omega-3-Fettsäuren verzichten müssten.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Genau, denn einen Haken hat das Ganze: Entwickelt haben die Forscher die Pflanze mit der umstrittenen Gentechnik.

Fisch frisst FischImmer mehr Menschen bevölkern die Erde und bestehen darauf, regelmäßig Fisch serviert zu bekommen. Das hat den Weltmeeren beträchtlich zugesetzt: Fast ein Drittel der wilden Fischbestände sind überfischt, mahnt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO).

Ein wenig haben sie sich erholt - dank der boomenden Industrie der künstlichen Fischfarmen. Im Jahr 2012 wurden 158 Millionen Tonnen Fisch aus den weltweiten Gewässern geholt; mehr als die Hälfte davon gezüchtet in Aquakulturen.

Doch das nimmt nur teilweise Druck von den einzigartigen Ökosystemen, weil die Fische meist gefüttert werden mit wilden Fischen und Fischölen, die beispielsweise aus Sardellen und Lodden gewonnen werden.

Aus Algen und Moosen entnahm er Gene und injizierte sie mittels eines Bakteriums in Pflanzenzellen. Genauer gesagt: in die der Leindotter, einem Kreuzblütengewächs, aus dem bereits vor hunderten Jahren Öl für Lampen gepresst wurde.

Nun enthält die neuartige, genmanipulierte Variante die beiden heiß begehrten Omega-3-Fettsäuren EPA und DPA, sprich: nichts anderes als Fischöl. Das zumindest ist die stark vereinfachte Version. Eine detaillierte veröffentlichte das Institut im Juli im Fachjournal Metabolic Engineering Communications.

Im Labor gelang ihnen diese Genmanipulation schon vor einem Jahr. In den vergangenen Monaten pflanzten sie das Kreuzblütengewächs erstmalig erfolgreich im Freien auf dem Gelände des Instituts. "Dies ist ein global bedeutender Machbarkeitsnachweis und ein Meilenstein in den Bemühungen, wirklich nachhaltige Nahrungsquellen für Fischfarmen zu entwickeln", prahlt der Professor.

Medizin oder Mythos?Theoretisch ließe sich so in Zukunft auch ein Nahrungsergänzungsmittel für gesundheitsbewusste Menschen entwickeln - ohne, dass es dabei Tieren an den Kragen geht. Über die Wirkung der Omega-3-Fettsäuren wird munter debattiert. Zwar fehlt es bislang an unanfechtbaren Belegen für den Nutzen von Fischöl-Kapseln, doch sprechen einige Untersuchungen für sie.

Sie sollen die Fließeigenschaften des Blutes verbessern, entzündungshemmend wirken und den Cholesterinspiegel im Blut und somit auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Zumindest beschwören das die Omega-3-Anhänger und die Gesundheitsindustrie.

Noch sind weder das Fischfutter noch die Ernährung-Kapseln der Genforscher marktreif. Sollte es eines Tages so weit sein, wird es spannend, ob Verbraucher genaueres über deren umstrittene Herkunft erfahren.

Bekommen heute Schweine, Rinder oder andere Zuchttiere Genfutter in die Tröge gekippt, müssen das die Landwirte nicht auf den Verpackungen der Fleisch- und Milchprodukten mitteilen. Unwahrscheinlich, dass sie bei Fischen freiwillig eine große Transparenz-Offensive starten werden.

Ein Fischöl, das keines mehr istGegner haben die Forscher schon jetzt (wieder einmal). Helena Paul, Direktorin der genkritischen Kampagnen-Gruppe GM Freeze, formulierte im Guardian ihre Ablehnung des manipulierten Fischöls: "Dies würde einfach nur ein Problem durch ein anderes ersetzen: Die Überbelastung der Fischbestände zum Füttern anderer Fische mit der zusätzlichen Nachfrage nach Land, um Futter für Tiere zu produzieren".

Beschränken auf die Region wollen sie den Anbau allerdings nicht. Die Forschung geht nun in die nächste Runde: In unterschiedlichen klimatischen Bedingungen weltweit wird die Genpflanze auf Feldern getestet.

Denn eines Tages soll sie in der Nähe der Meere gedeihen, dort, wo es an gefräßigen Fischen in Aquakulturen nur so wimmelt. Als Futter sollen sie dann das eigenartige Fischöl bekommen, das längst keines mehr ist.

Hier ein paar interessante Ergebnisse des FAO-Berichts über den Fischfang:

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Bildquellen:

Photo by denAsuncioner / CC BY 2.0 

Photo by Paul Asman und Jill Lenoble / CC BY 2.0 

Photo by Stephen Cummings / CC BY 2.0 

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