Grüne Wirtschaft: Jobmaschine oder Arbeitsplatzvernichter?

Grüne Wirtschaft: Jobmaschine oder Arbeitsplatzvernichter?

von Jan Willmroth

Sorgt die Green Economy für einen neuen Beschäftigungsboom? Eine neue Studie legt nahe: Bislang sind grüne Jobs eine Nische.

Wenn es nach den Grünen geht, verbessert die Energiewende nicht nur die Umweltbilanz der Energieerzeugung. Sie versprechen auch einen grünen Boom auf dem Arbeitsmarkt: „Eine Million grüne Jobs“ stand vor der Bundestagswahl 2009 noch auf ihren Wahlplakaten. Gemeint waren eine Million Jobs allein im Bereich erneuerbarer Energien.

Diesmal zeichnen sich die grünen Plakate vor allem durch provokante, um die Ecke gedachte Slogans aus – und die Partei stapelt tiefer: Die Energiewende habe ja inzwischen schon Jobs geschaffen, heißt es aus der Parteiführung. Im Falle eines Wahlsiegs wollen die Grünen nun binnen vier Jahren noch 500.000 neue Jobs schaffen, wahrscheinlich sei mehr drin. Wie schön wäre es, wenn man den Arbeitsmarkt so planen könnte.

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Die Grünen sind nicht die einzigen, die Jobversprechen in ihren Wahlkampf einbauen. Ein Projekt wie die Energiewende lässt sich kaum besser rechtfertigen, als mit dem Versprechen, dass neue Arbeitsplätze entstehen. Der Umbau der Wirtschaft zu einer Green Economy soll kein Jobkiller sein – im Gegenteil: Weltweit könnten in den nächsten Jahrzehnten 15-60 Millionen Jobs durch grünes Wirtschaften entstehen, prognostiziert die International Labour Organization (ILO).

Zahl der grünen Jobs kaum messbarAber was heißt das für Deutschland? Dieser Frage widmet sich das Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in einem aktuellen Arbeitspapier (hier als PDF). Die Erkenntnisse sind so unklar wie ernüchternd: Es sei beinahe unmöglich, die Menge an grünen Jobs und deren Bruttoeffekte auf den Arbeitsmarkt zu messen, heißt es in dem Papier.

„Das Konzept 'grüner Arbeitsplätze' ist wenig trennscharf und die Datenlage stellt sich als sehr unbefriedigend dar“, schreibt der Autor Nico Pestel. Mikrodaten über Beschäftigte im grünen Sektor existierten in Deutschland bislang nicht. Von einer internationalen Vergleichbarkeit sei man weit entfernt.

Einer Erhebung des Bundesumweltministeriums zufolge sind es momentan nicht mehr als fünf Prozent der Beschäftigen, die in grünen Berufen arbeiten. Diese Zahl beruht laut dem Papier auf Unternehmensbefragungen und makroökonomischen Modellierungen, also maßgeblich auf einer unscharfen volkswirtschaftlichen Draufsicht. Prognosen über die zukünftige Entwicklung seien stark abhängig von den zugrundeliegenden Szenarien zu den Rahmenbedingungen, so die IZA-Studie – das erhöhe die Unsicherheit der Zahlen noch weiter.

Zunächst versucht sich der Autor an einer Definition von „grünen“ Jobs, die weltweit nicht einheitlich ist. Bei der ILO gelten solche Arbeitsplätze als grün, die negative Umwelteinflüsse reduzieren und zugleich zu ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Unternehmen und Wirtschaften führen. Das wären etwa Jobs, die Energieeffizienz verbessern, Treibhausgasemissionen verringern oder Abfall vermeiden. Klar, dass die Erneuerbare-Energien-Branche das Paradebeispiel ist.

Keiner kennt den NettoeffektSo einleuchtend das sei, heißt es in dem Papier, so schwierig sei es, davon ausgehend Daten zu erheben. Bei Ländern, in denen es eine Definition gibt, schwankt der Anteil grüner Jobs an der Gesamtbeschäftigung zwischen 0,2 (Finnland) und 4,5 Prozent (Deutschland). Insgesamt sei der Anteil der grünen Beschäftigung in all diesen Ländern eher gering. „Daher ist es fraglich, ob mit dem Wandel zu einer Green Economy im Hinblick auf die Beschäftigung tatsächlich große Zuwächse zu erwarten sind“, schreibt Pestel.

Dennoch ist die absolute Zahl der im Sektor Beschäftigten im Verlauf der Energiewende gestiegen. Und beachtlich ist, dass der Markt für Umwelttechnik und Energieeffizienz laut neuestem Umwelttechnologie-Atlas des BMU inzwischen rund elf Prozent des BIP ausmacht und 1,4 Millionen Menschen beschäftigt.

Was Wahlversprechen angeht, sollte jemand dem Wähler aber auch erzählen, wie viele Jobs infolge der Energiewende in energieintensiven Industrien und der konventionellen Stromerzeugung verschwinden. Bislang, so die IZA-Experten, kann man den Nettoeffekt den grünen Wandels überhaupt nicht berechnen.

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