Grüne Wirtschaft: Warum Manager nicht verstehen, was wirklich nachhaltig ist

Grüne Wirtschaft: Warum Manager nicht verstehen, was wirklich nachhaltig ist

Beinahe jedes Unternehmen will "nachhaltig" sein. Erreicht wird dieses Ziel von den wenigsten.

Von Iris Pufé. Die Unternehmensberaterin für Nachhaltigkeit lehrt Corporate Social Responsibility (CSR) unter anderem an der Hochschule München. Sie hat mehrere Bücher zum Thema Nachhaltigkeit geschrieben. Iris Pufé erklärt in ihrer Kolumne bei WiWo Green regelmäßig die Grundlagen von Nachhaltigkeit und der Nachhaltigkeitsdiskussion.

Nachhaltigkeit ist gleich Umweltschutz. Von dieser Gleichung sind die meisten Manager überzeugt. Zu recht, wenn man sich die Vormachtstellung ökologischer Nachhaltigkeit über die letzten Jahrzehnte in nahezu allen Industrieländern vor Augen hält. Eine aktive Umweltschutzpolitik setzte jahrelang den Grundton einer politischen Auseinandersetzung mit dem Nachhaltigkeitsthema.

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In Deutschland begann dies mit der Einführung einer Umweltschutzpolitik in den 1970er Jahren. Noch in den 1990er Jahren sprach man hierzulande von einer "ökologischen Modernisierung". Die soziale Komponente – samt Begriffen wie gesellschaftliche Kosten, Sozialbilanz, Humankapital – schlief da noch unter der Decke der Vergessenen.

Bereits in den 1990er Jahren gab es immer wieder Fürsprecher für eine stärkere ökonomische Ausrichtung unserer Gesellschaft. Von dieser ökonomischen Sicht zielt Nachhaltigkeit auf die Sicherung von Produktions- und Lebensbedingungen ab. Diese beiden Sichtweisen reflektieren die beiden Grundpositionen der Nachhaltigkeit und können als Enden des Spektrums in der Nachhaltigkeitsdiskussion verstanden werden: starke und schwache Nachhaltigkeit.

Die Balance zwischen Ökologie und ÖkonomieDie schwache Nachhaltigkeit stellt den Mensch und die Befriedigung seiner Bedürfnisse in den Vordergrund. Um diese zu erreichen, wird eine klare Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt. Mit dem Ergebnis, dass die Wirtschaft auch zunächst ohne Rücksicht auf die Umwelt wachsen kann – aufräumen kann man später immer noch.

Im Gegensatz dazu argumentiert die starke Nachhaltigkeit, dass ein Fischerboot auf einem See ohne Fische nutzlos ist (um ein Beispiel von Herman Daly zu nennen) und dass deshalb die negativen Auswirkungen ökonomischer Aktivitäten zu minimieren sind. Die reine Kosten-Nutzen-Rechnung wird durch eine Nutzen- und Wirtschaftlichkeitserwägung ersetzt.

Schwache und starke Nachhaltigkeit stehen sich diametral gegenüber. Während die eine (wirtschaftliche) Entwicklung in den Vordergrund stellt, sieht die andere (ökologische) Nachhaltigkeit im Fokus. In der Praxis wird oft eine Mischung aus beiden Strategien angewandt. So bekennt sich die Wirtschaft zwar zur Minderung der Umweltauswirkungen, aber setzt sie dabei primär auf "end-of-the-pipe"-Technologien wie Filtersystemen in Kraftwerken.

Auswirkungen auf die Umwelt minimierenEin stärkerer Nachhaltigkeitsfokus hat es schwer sich durchzusetzen, da Kosten für Umweltschäden in der Preisbildung keine Rolle spielen. Im Preis spiegeln sich allein die volks- und betriebswirtschaftlichen Kosten der Herstellung eines Produkts. Durch diese Externalisierung haben Produkte häufig einen Preis, der nicht ihren wahren Wert – und schon gar nicht alle angefallenen Produktionskosten – widergibt.

Wenn die Debatte noch nicht beendet ist, wie baue ich dann als Manager die Strategie meines Unternehmens darauf auf? Unabhängig von der Position einer Strategie auf dem Spektrum starke/schwache Nachhaltigkeit, sollte jede Strategie den folgenden sieben Prinzipien folgen. Sie bilden den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Nachhaltigkeitsansätze und sind somit auch für die betriebliche Praxis relevant:

1. intragenerationelle Gerechtigkeit: innerhalb einer Generation haben alle dieselben Chancen

2. intergenererationelle Gerechtigkeit: zwischen den unterschiedlichen Generationen kommt es zu keinerlei Diskriminierung

3. Ganzheitlichkeit und Integration: keine der Nachhaltigkeitsdimensionen (sozial, ökologisch, ökonomisch) wird bevorzugt. Stattdessen wird nach einer integrativen Problemlösung gesucht, die alle Dimensionen mit einbezieht

4. Glokalität: Verknüpfung von globalen und lokalen Entwicklungen

5. Partizipation, Verantwortung und Stakeholder-Beteiligung: Einbeziehung aller Betroffenen und Verantwortlichen

6.  präventive Langzeitorientierung: Verminderung von Schädigungen bei ökonomischen Aktivitäten anstatt späteren Aufräumarbeiten

7. Charakter eines normativen Leitbildes: im Kern ist Nachhaltigkeit ein ethisch-moralisches sowie handlungsleitendes Prinzip

Nachhaltigkeit ist mehr als Energie- und RessourcenverbrauchMit Bezug auf die oben genannten Prinzipien in Planung, Umsetzung und Evaluierung von Nachhaltigkeitsstrategien erhält das Management einen der einfachsten und schnellsten Prüfsteine für seine Maßnahmen. Doch das Potenzial das sich für Firmen aus diesen Nachhaltigkeitsprinzipien ergibt, scheint in der Wirtschaft noch nicht zur Gänze wahrgenommen zu werden. Entgegen jedem Bekenntnis zu Nachhaltigkeit, setzen viele Unternehmen zumeist noch immer auf "klassische" Themen: Energie- und Ressourcenverbrauch, Emissionen, Abwasser und Abfall.

Die Fokussierung auf diese Themen ist auch zum Großteil nachvollziehbar. Zum einen ergeben sich diese Themen direkt aus Stakeholder-Forderungen und zum anderen lassen sich diese technischen Themen sehr leicht messen. Ein besonderes Plus ist schließlich, dass die Verbesserung in diesen Gebieten stets mit Kosteneinsparungen einhergeht.

Aber: Durch die Beschränkung auf klassische Themen bleibt man dabei hinter dem Innovations- und Wettbewerbspotential eines wirklich nachhaltigen Unternehmens zurück. Um dieses zu verwirklichen muss man einen Schritt weiter und weg von den bloßen Nachhaltigkeitsprinzipien gehen. Das tut weh, zu Anfang, aber der Mut kann sich lohnen, auf Dauer.

Weiter Denken – verschiedene NachhaltigkeitsansätzeDieser Schritt beginnt mit der Festlegung eines konzernweiten Nachhaltigkeitsansatzes. Dabei kann sich die Unternehmensführung zwischen einem Konsistenz-, Effizienz- und Suffizienzansatz wählen.

Eine Konsistenzstrategie basiert auf der Forderung, dass menschliche beziehungsweise wirtschaftliche Aktivitäten und deren Stoff- und Energieströme im Einklang mit jenen in der Natur ablaufen müssen. Die Logik: Wenn ich von Anfang an nur soviel Holz dem Wald entnehme wie auf natürliche Weise nachwächst, dann vermeide ich kostspielige Aufforstungsprogramme, wenn keine Bäume mehr da sind.

Eine Effizienzstrategie bringt ein hohes Potenzial für Produkt- und Prozessinnovationen mit sich. Ziel ist aber zunächst eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität. Dass hier Effizienzgewinne von leichterdings dem Faktor 5, gut möglich auf bis zu Faktor 10 möglich sind, das hat Ernst Ulrich von Weizsäcker auf 430 Seiten en Detail vorgerechnet. Nur nachlesen müsste der zeitlich ohnehin schon gebeutelte Manager es halt.

BAU, das Kürzel für business-as-usual, geht da schneller – und birgt für ihn persönlich weniger Risiko, vor allem kurzfristig. Ergo: Mit dem gleichen Input den 5- bzw.10-fachen Output, oder mit einem Fünftel beziehungsweise Zehntel des Inputs den gleichen Output – das ist verlockend, für Unternehmen wie umweltbewusste Konsumenten.

Slow-Food-Bewegung gibt Richtung vorBei einem Suffizienzansatz legt das Unternehmen sozial- und umweltverträgliche Obergrenzen für seine wirtschaftlichen Aktivitäten fest. Dieser Strategie liegt die Annahme zugrunde, dass weniger mehr ist, und dass Lebensqualität wichtiger ist als Wirtschaftswachstum. Diesen Ansatz leben erst eine Handvoll Unternehmen, dafür mehr NGOs, diese aber umso erfolgreicher - Stichwort Transition-Towns und Slow-Food-Bewegung.

Der Positionen und Prinzipien, der Ansätze und Hebel rund um das scheinbar vor allem umweltschutzgetriebene Hype-Konzept „Sustainability“ sind also viele. Nur auskennen, wann welche davon in meinem Unternehmen, zum gegebenen Zeitpunkt, unter gegebenen Umständen die sind, die sich am besten eigenen, und sich langfristig als am cleversten ausweisen – dazu muss der Manager ein Gefühl entwickeln.

Mit jedem Artikel, jedem Seminar, jeder Konferenz, jeder Studie, um die er sein Wissen erweitert, kann er dieses verbessern. Ganz im Hau-ruck-Verfahren wird er sich das Wissen, um ein das sich über jahrzehnte entwickelt hat Gebiet – vergleichbar anderen Managementbereichen und –skills – aber nicht aneignen können.

Im Zentrum des nächsten Beitrages steht die Frage, wie die Umsetzung  des Nachhaltigkeitskonzeptes in die Politik erfolgt, genauer in die deutsche, europäische und internationale Politik. Weitere Kolumnen von Iris Pufé finden Sie unter diesem Link. Hier gibt es einen Einblick in ihr Standardwerk über Nachhaltigkeit.

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