Hohe Strompreise: Deutsche Wirtschaft weniger betroffen als gedacht

Hohe Strompreise: Deutsche Wirtschaft weniger betroffen als gedacht

von Benjamin Reuter

Schaden die hohen Strompreise den deutschen Unternehmen? Nicht zwangsläufig, sagt ein Ökonom.

Seit die Strompreise wegen der EEG-Umlage steigen, die die Energiewende finanziert, klagen die unterschiedlichen Interessenverbände der Industrien, dass die hohen Strom- und Energiekosten in Deutschland die Existenzgrundlage der Unternehmen gefährdeten. Außerdem drohe eine Verlagerung der Produktion ins Ausland.

Die Klagen sind durchaus verwunderlich, wenn man bedenkt, dass ein beträchtlicher Teil der großen Stromfresser aus der Stahl-, Chemie- und Papierindustrie nur einen kleinen Teil der EEG-Umlage bezahlt. Zudem profitieren sie von dem, auch im internationalen Vergleich niedrigen Strompreis für Großverbraucher.

Anzeige

Es gilt also: Die großen Stromfresser bekommen von den Strompreiserhöhungen der vergangenen Jahre wenig mit. Aber was ist mit den anderen Unternehmen?

Chinesen als EnergieverschwenderViele Unternehmen, die einen mittelgroßen Stromverbrauch haben, zahlen die EEG-Umlage voll oder zu einem großen Teil. Deshalb lässt sich das Argument nicht einfach vom Tisch wischen, dass Unternehmen unter dem hohen Strompreis leiden. Droht also tatsächlich eine Abwanderung der Unternehmen ins Ausland, weil Strom und Energie dort günstiger sind?

Derzeit lässt sich diese Frage überhaupt nicht richtig beantworten, glaubt Andreas Löschel, Professor für Mikroökonomik mit Schwerpunkt Energie- und Ressourcenwirtschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Er sagt: Nur den Strompreis in den einzelnen Ländern zu vergleichen, greife zu kurz. Vielmehr will Löschel die Belastung der Unternehmen durch die Strompreise im Kontext der Produktivität einer Branche oder eines Unternehmens untersuchen.

Wenn ein Unternehmen in Deutschland also mit einer Kilowattstunde Strom mehr Gewinn erwirtschaftet oder mehr Produkte herstellt und Wertschöpfung generiert als der Konkurrent in China, dann ist es nicht zwangsläufig schlimm, wenn diese Kilowattstunde in Deutschland etwas mehr kostet. Das deutsche Unternehmen verliert im Vergleich mit den Konkurrenten im Ausland nicht zwangsläufig an Wettbewerbsfähigkeit.

Standortvorteile überwiegenLöschel hat als Vergleichsmaßstab das Konzept der Energiestückkosten entwickelt (in dieser Studie ist das Konzept genauer erklärt). Übersetzt man die internationalen Energiestückkosten in eine Grafik, sieht das Ergebnis so aus:

Es zeigt sich deutlich, dass deutsche Unternehmen vergleichweise gering durch die hohen Strompreise belastet sind, sie also geringe Energiestückkosten haben. Der EU-Schnitt, Frankreich, Japan und China stehen schlechter da.

Wie stark das Konzept von Löschel von der herkömmlichen Betrachtung abweicht, zeigt die folgende Grafik, die einen europäischen Vergleich der reinen Strompreise abbildet und Deutschland eher schlecht aussehen lässt:

Den Grund für die geringe Anfälligkeit der deutschen Wirtschaft durch hohe Strompreise, kennt Löschel auch: "Die deutsche Wirtschaft arbeitet im internationalen Vergleich sehr energieeffizient, Kostenerhöhungen bei Strom und anderen Energieträgern haben hier also weniger negative Auswirkungen", fasst Löschel erste Ergebnisse seiner Untersuchung zusammen.

Neben der Energieeffizienz sieht Löschel auch noch andere Aspekte, die die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland positiv beeinflussen, zum Beispiel die Poduktivität der Angestellten. Das macht es unwahrscheinlicher, dass Unternehmen wegen hoher Strom- oder Energiepreise aus Deutschland weggehen.

Interessant an Löschels Index: Chinesische Unternehmen, so zeigt sich, leiden sehr viel mehr unter hohen Energiepreisen als deutsche Betriebe. Der Grund: "In China ist die Wertschöpfung viel geringer als bei uns und die Energieeffizienz in den Betrieben dramatisch schlecht, gleichzeitig ist der Strom nicht so viel günstiger, Erdgas auch nicht."

Daten fehlenLöschels Konzept der Energiestückkosten hat auch schon Anhänger gefunden. Die EU nutzt es für Vergleiche unter den Mitgliedsstaaten und Deutschland hat es in sein Monitoring zum Stand der Energiewende aufgenommen.

Löschel will seinen Ansatz jetzt noch verfeinern und für einzelne Branchen genau aufschlüsseln. Denn die Energiestückkosten für manche Industrien dürften durchaus höher sein als der deutsche Schnitt.

So sind die Energiestückkosten zum Beispiel in der Chemieindustrie sehr viel höher als im Automobilbau. Diese Daten dann mit der Konkurrenz im Ausland zu vergleichen, werde allerdings schwer, gibt Löschel zu – dafür fehle es derzeit noch an den nötigen Daten.

// !function(d,s,id){var js,fjs=d.getElementsByTagName(s)[0];if(!d.getElementById(id)){js=d.createElement(s);js.id=id;js.src="//platform.twitter.com/widgets.js";fjs.parentNode.insertBefore(js,fjs);}}(document,"script","twitter-wjs");//

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%