Holz: Kölner Schreinerei verarbeitet ausschließlich Bäume aus dem Stadtwald

Holz: Kölner Schreinerei verarbeitet ausschließlich Bäume aus dem Stadtwald

von Malte Laub

Für Möbel müssen keine Bäume gefällt und importiert werden. In Köln arbeitet ein Schreiner mit Holz aus den Stadtwäldern.

Wiebke hatte unbändige Kraft und eine riesige Zerstörungswut. 35 Menschen starben, als der Orkan in der Nacht auf den 1. März 1990 über Deutschland tobte. Wiebke knickte Funkmasten um, deckte Häuser ab und schlug in den Mittelgebirgen ganze Wälder kahl. Schätzungen gehen davon aus, dass deutschlandweit bis zu 70 Millionen Festmeter Holz, also Kubikmeter ohne jegliche Zwischenräume, dem Sturm nicht gewachsen waren. Damit fällte Wiebke doppelt so viele Bäume in einer Nacht wie die Forstämter sonst in einem Jahr.

Auch in Köln waren die Schäden groß. Rund 20000 Festmeter sägte Wiebke um, auch das weit mehr als im Jahr geschlagen werden. So präsentierte sich dem Schreiner Wilfried Nissing ein Bild der Zerstörung, als er nach der Sturmnacht durch den Kölner Stadtwald spazierte. „Der Wald war völlig verwüstet“, erinnert er sich. Doch inmitten von umgeknickten Eichen, abgebrochenen Buchen und entwurzelten Kastanien kam ihm eine Idee: Warum nicht aus der Zerstörung etwas Neues schaffen?

Anzeige

Nissing, damals Anfang 30, hat aus dieser Idee sein berufliches Leben gemacht. Gemeinsam mit seiner Frau, der Architektin Sabine Röser, stellt er heute ausschließlich Möbel aus Holz her, das im Kölner Stadtwald gewachsen ist. Der Name der Schreinerei ist entsprechend einleuchtend: StadtwaldHolz. Seit 2006 ist er als Marke eingetragen.

Vom Baum zum StuhlDas Ehepaar arbeitet eng mit dem Forstamt der Stadt zusammen – der Behörde, bei der Nissing nach dem Orkan vorstellig wurde, um nachzufragen, ob er wohl Sturmholz kaufen könnte. Er habe da so eine Idee. Konnte er, die Beamten waren von seinem Vorhaben begeistert und Holz war wegen Wiebke im Überfluss vorhanden.

Der Schreiner musste sich allerdings erst einmal umstellen. „Ich musste mir beibringen, die Stämme aufzusägen und zu verarbeiten“, sagt Nissing. Mit bereits bearbeitetem Holz aus dem Sägewerk war Schluss. Nissing und Röser machen vom Stamm bis zum fertigen Stuhl alles selbst, natürlich in Massivholzbauweise, auch das war eine Umstellung. Darüber hinaus hat sich die Zusammensetzung der Kundschaft verändert: Gewerbliche Kunden, früher mit einem Anteil von 50 Prozent ein gewichtiger Faktor, spielen heute nur noch eine kleine Runde, sagt Nissing. 90 Prozent der Kunden seien Privatleute, die Möbel als Einzelstücke oder aus Kleinserien kauften.

Die größten Verkaufsargumente sind dabei Regionalität und Umweltschutz. Nissing und Röser verarbeiten nur Hölzer, die ohnehin geschlagen werden. „Wir bestimmen nicht, welche Bäume das Forstamt fällen lässt“, sagt Nissing. Importiert wird kein einziger Zweig. Die Auswahl ist dennoch groß: Zwischen 12000 und 16000 Festmeter Holz werden im Kölner Stadtwald jährlich geschlagen, etwa 1000 davon kommen für Möbel in Frage. In Nissings Schreinerei landen davon wiederum je nach Aufträgen 50 bis 100 Festmeter.

Exotische Bäume vom RheinAuch die Vielfalt an Holzarten ist groß. „Der Stadtwald ist ein Erholungswald, er soll also besonders schön aussehen“, sagt Nissing, daher seien dort unterschiedlichste Bäume zu finden, die im Frühling und Herbst den Stadtwald in verschiedene Grün- bzw. Brauntöne tunken. Neben Klassikern deutscher Wälder wie Buchen und Eichen, seien auch Ahorn, Esche und Ulme in Köln heimisch. Dazu bietet der Forstbotanische Garten im Süden der Stadt auch exotische Hölzer – ohne Raubbau in Dritte-Welt-Ländern und Transport über die Weltmeere: Schließlich wurden in den 1980ern im angrenzenden Friedenspark Bäume aus allen Ländern gepflanzt, zu denen die Bundesrepublik damals diplomatische Beziehungen unterhielt.

Generell ist die Waldwirtschaft in Köln besonders umweltfreundlich. Der Forstbetrieb wird für seine Arbeit seit 2002 mit dem Siegel des Forest Stewardship Council zertifiziert. Damit wird ihm eine besonders naturnahe Waldwirtschaft bescheinigt, die sich unter anderem darin zeigt, dass auch sogenannte Rückepferde eingesetzt werden, um die Bäume aus dem Unterholz zu ziehen. Auch die sozialen Standards bei der Beschäftigung der Waldarbeiter werden durch das Siegel kontrolliert.

Fahrrad statt MöbelwagenVon dieser Nachhaltigkeit profitiert StadtwaldHolz. Darüber hinaus setzt die Schreinerei auch in der täglichen Arbeit auf Umweltschutz. Die Werkstatt wird mit Holz beheizt und klimaneutral mit Ökostrom versorgt. Bereits im Jahr 2011 bekamen Nissing und Röser den Umweltpreis der Stadt Köln verliehen. Das Preisgeld haben sie wiederum umweltschonend investiert: Seitdem gehört ein Lastenfahrrad (siehe Foto), das bis zu 300 Kilogramm Ladung transportieren kann, zum Fuhrpark. So kann es passieren, dass in der Kölner Innenstadt Möbeltransporter von einem grünen Fahrrad mit Stuhl auf dem Gepäckträger abgehängt werden. Durchaus ein lohnendes Investment, schließlich kommen die meisten Kunden aus der Domstadt selbst, sagt Nissing.

Manche Stücke treten aber doch die große Reise an. Bei Exilkölnern, sei es in Deutschland oder im Ausland, sind kleine hölzerne Andenken aus der rheinischen Metropole beliebt, sagt Nissing. So kann es sein, dass gerade jetzt irgendwo auf der Welt ein Stück Kölner Stadtwald als Frühstücksbrettchen im Einsatz ist.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%