H&M-Produktion in Äthiopien: Drohen Arbeitsverhältnisse wie in Bangladesch?

H&M-Produktion in Äthiopien: Drohen Arbeitsverhältnisse wie in Bangladesch?

von Benjamin Reuter

Der schwedische Kleiderriese H&M fertigt neuerdings in Afrika. Skandale wie in Asien will man diesmal vermeiden.

Am 24 April 2013 ereignete sich in Bangladesch die wohl bisher größte Katastrophe der modernen Modeindustrie: beim Einsturz der Fabrik Rana Plaza, deren Arbeiter unter anderem Artikel für den Kleidungs-Billigheimer KiK nähten, starben 1127 Menschen.

Der Vorfall wurde zum Symbol für alles, was in der Kleiderproduktion für die westliche Welt schief läuft: Für ausgebeutete Näherinnen, die in baufälligen Höllenlöchern T-Shirts herstellen, die in Deutschland und anderswo für nur einen Euro verramscht werden. Rund 30 Euro im Monat verdienen viele der Arbeiterinnen in Bangladesch nur.

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Nach der Katastrophe gelobten viele westliche Unternehmen Besserung bei ihren Zulieferern. Darunter auch der schwedische Moderiese H&M, der allerdings nicht in der eingestürzten Fabrik fertigen ließ. Und tatsächlich hat sich seitdem einiges getan. Die Löhne stiegen und die Sicherheitsstandards wurden erhöht.

Tragisch ist, dass es erst zu einer solchen Katastrophe kommen musste, bis die Unternehmen reagieren. Die Frage stellt sich: Lernen die westlichen Bekleidungsriesen daraus?

In den nächsten Monaten und Jahren könnte Äthiopien eine Antwort liefern. Denn in Afrika will H&M künftig verstärkt Produkte herstellen. Erste Kleidungsstücke liegen auch schon in den Geschäften in Europa. Andere Hersteller könnten auf der Suche nach niedrigeren Löhnen folgen.

Wir haben mit Anna Gedda, verantwortlich für den Bereich Nachhaltigkeit bei H&M in Stockholm, über die anlaufende Produktion in Äthiopien gesprochen und darüber, was die Marke besser als in Asien machen kann.

Wiwo Green: Afrika südlich der Sahara ist nicht unbedingt als Hort für hohe Arbeitsstandards und faire Löhne bekannt. Das scheinen keine guten Vorrausetzungen für verantwortungsvoll produzierte Produkte, oder?

Anna Gedda: Wenn wir neue Märkte suchen, schauen wir uns viele Faktoren an. Wie hoch die Produktionskosten sind zum Beispiel und wie lange die Produkte von dort bis zu den Konsumenten brauchen. Natürlich spielt auch die Qualität der Produktion eine Rolle und das Thema Nachhaltigkeit. Äthiopien war unter allen Gesichtspunkten eine gute Wahl.

Und warum ausgerechnet Äthiopien?

Wir haben für Äthiopien, wie bei allen anderen Produktionsstandorten, eine Risiko-Abschätzung gemacht. In der haben wir uns auch Aspekte der Nachhaltigkeit im Bereich Soziales und Umwelt angesehen und wir waren mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), lokalen NGOs und Afrika-Experten der schwedischen Regierung im Gespräch.

Und was haben die Ihnen gesagt?

Wir haben viel darüber erfahren, wie das Land funktioniert. Alle sahen es als sehr positiv an, dass H&M dort produzieren will. Denn sie waren überzeugt davon, dass wir die Produktionsstandards erhöhen und lokalen Produzenten zeigen können, wie eine verantwortungsvolle Produktion aussieht.

Wie wollen Sie das anstellen?

Ersteinmal sind die Textilfabriken in Äthiopien sehr viel moderner als man annehmen würde. Es gibt dort Gewerkschaften und auch lokale Tarifverträge, die es in Bangladesch in den meisten Fabriken nicht gibt. Sie regeln, wie gearbeitet wird, aber beinhalten zum Beispiel nicht die Löhne. Wir versuchen derzeit die Löhne in die Tarifverträge einzuschließen.

Glauben Sie wirklich, dass das eine Situation wie in Bangladesch verhindert? Dort sind die Arbeiter chronisch unterbezahlt und schieben Überstunden.

Ja, wir glauben, dass sich so etwas durch gute Vorbereitung verhindern lässt. Im Übrigen verbessert sich auch die Situation in Bangladesch allmählich.

Wie wollen Sie sichergehen, dass die Standards in den Fabriken auch eingehalten werden?

Wichtig ist hier der Kontext, in dem die Produktion stattfindet. Wenn es keine gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt, die Sicherheitsstandards in Fabriken festlegen oder die Umsetzung dieser Vorgaben mangelhaft ist, dann hat die Bekleidungsindustrie ein Problem. Wir als Unternehmen können keine Regierung ersetzen ...

... machen Sie es sich damit nicht zu einfach?

Einen Moment. Wir als großes Unternehmen können sehr wohl unseren Einfluss in einem Land geltend machen und wir können Dinge zum Positiven verändern. In Bangladesch zum Beispiel haben wir die Regierung gedrängt, Regeln für höhere Löhne und eine regelmäßige Zahlung der Gehälter zu erlassen. Außerdem waren wir die erste Marke, die die Vereinbarung für mehr Feuer- und Bausicherheit in den Fabriken unterzeichnet hat. Mit der Größe unseres Unternehmens kommt auch eine Verantwortung.

Wäre Äthiopien nicht eine gute Möglichkeit, hohe Standards von Beginn an durchzusetzen und nicht wie in Bangladesch erst nach etlichen Skandalen und Katastrophen mit hunderten Toten?

Das ist genau das, was wir in Äthiopien tun wollen. Wie gesagt, ein Start sind die Löhne. Es gibt derzeit keinen Mindestlohn in der Textilindustrie. Wir haben die Internationale Arbeitsorganisation gefragt, was wir in diesem Bereich tun können. Sie haben uns empfohlen, die Gehälter im öffentlichen Dienst des Landes anzusehen und diese dann als Vorgabe für die Löhne der Arbeiter bei unseren Zulieferern zu nehmen. Das haben wir auch getan.

Und wie wollen Sie prüfen, ob die Löhne wirklich gezahlt werden?

Wir haben ein sogenanntes Audit-System - also Mitarbeiter, die Zulieferer kontrollieren. Was wir aber für noch wichtiger halten ist, die Angestellten mit ihren Arbeitgebern ins Gespräch zu bringen, sodass sie über Sozialstandards verhandeln können. Das Ziel ist, dass Arbeiter wie in Schweden und Deutschland ihre Anliegen bei der Unternehmensführung der Zulieferer vorbringen können.

Wie viele Leute kontrollieren denn vor Ort die Produktionsmethoden?

Derzeit beziehen wir nur Testbestellungen aus Äthiopien. Wenn das nach Plan läuft, werden wir die Produktion dort ausbauen. Aktuell sind unsere Mitarbeiter aus der Türkei in Afrika im Einsatz. In Zukunft werden wir aber auch feste Angestellte vor Ort haben, die Audits durchführen und mit den Zulieferern arbeiten. Genauso wie zum Beispiel in Bangladesch. Von unseren 450 Mitarbeitern dort arbeiten 90 zusammen mit unseren Zulieferern an den Themen Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen. Allein an dieser Anzahl lässt sich der Stellenwert dieses Themas für H&M ablesen. Genauso wird es auch in Äthiopien sein.

Lesetipp: WirtschaftsWoche-Reporter Florian Willershausen beschreibt in zwei ausführlichen Reportagen (hier und hier) die Situation der Textilarbeiter in Bangladesch.

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