Indisches Sozialunternehmen: Wasser für alle

Indisches Sozialunternehmen: Wasser für alle

von Marius Hasenheit

Das Startup Sarvajal will Millionen Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen – mit einem Wasserautomaten und Handybezahlsystem.

Wir leben auf einem blauen Planeten, doch Wasser ist für viele Menschen ein Luxusgut. Denn Süßwasser ist zwischen und innerhalb der einzelnen Nationen sehr ungleich verteilt. 780 Millionen Menschen, also mehr als einer von zehn Erdenbürgern, haben nur sehr begrenzten Zugang zu Trinkwasser.

Besonders krass ist die Trinkwasser-Ungleichheit in Indien. Denn von dem rasanten Aufstieg des Landes zur bevölkerungsreichsten Demokratie der Welt mit einem geschätzten Wirtschaftswachstum von fünf Prozent in diesem Jahr, profitieren nicht alle Menschen. Ein Drittel der Inder lebt unter der Armutsgrenze von 32 Rupien (39 Eurocent) auf dem Land und 47 Rupien (57 Cent) in den Städten. Diese Zahlen stammen aus einer Studie, die der in diesem Jahr neu gewählte Ministerpräsident Narendra Modi beauftragte.

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Das Unternehmen Sarvajal (Sanskrit für 'Wasser für alle') hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Menschengruppe mit sauberem Wasser zu versorgen. Im Jahr 2008 wurde das Unternehmen von der Wohltätigkeitsorganisation Piramal Foundation gegründet, um eine marktbasierte Trinkwasserstruktur aufzubauen. Der Gründer Anand Shah setzte ganz bewusst eine 'for-profit social enterprise'. Er glaubt, dass Subventionen oder die kostenlose Ausgabe von Lebensmitteln und Trinkwasser keine Langzeiteffekte haben und verfolgt damit einen anderen Ansatz als viele Nichtregierungsorganisationen, um sauberes Wasser bereit zu stellen.

Anstatt das Wasser zentral in großen Filteranlagen zu reinigen und dann in die entlegenen Regionen zu transportieren, bietet Sarvajal Wasserautomaten an, die das lebenswichtige Nass direkt lokal filtern. Dabei kooperiert das Unternehmen mit immer mehr Kleinunternehmern in den einzelnen Landesteilen, die das gefilterte Wasser verkaufen und die Wasserautomaten versorgen. Von diesem Franchisekonzept profitieren also auch Entrepreneure in ländlichen Gebieten. Vorteilhaft ist dabei auch, dass sich die Infrastruktur der jeweiligen Nachfrage in den Städten oder Dörfern anpasst.

Das Wasser selber können die Kunden mittels eines Prepaid-Systems kaufen, dabei wird eine Art 'Wassersaldo' auf eine Karte geladen. Anschließend können sie das Wasser bei den Automaten abholen, die es mit einer Osmosetechnik und UV-Strahlen reinigen. Der 'Wassersaldo' lässt sich per Handy oder durch einen Besuch beim örtlichen Wasserkleinunternehmer wieder auffüllen. Die Investionskosten dieser Kleinunternehmer sind allerdings nicht gerade niedrig. Immerhin 2500 US-Dollar müssen sie aufbringen, um eine Filteranlage auzubauen. Allerdings behauptet Sarvajal, dass drei Jahre reichen, damit sich die Anlage amortisiert.

Bei dem Aufbau der Infrastruktur gab es zunächst eine Vielzahl von Herausforderungen. Oft gab es keine ausgebauten Straßen, um die entlegenen Dörfer zu erreichen. Außerdem sind die Wasserquellen von sehr unterschiedlicher Qualität und es gibt häufig Stromausfälle. Auch um die Stromversorgung der Automaten unabhängig zu gestalten, entschied sich Sarvajal-Gründer Anand Shah, Solarstrom für die Reinigung des Wassers einzusetzen.

Das Konzept scheint zu funktionieren: 8.8 Millionen Liter Wasser stellten 140 Automaten laut dem Unternehmen bisher in sechs Bundesstaaten bereit. Nebenbei entstanden dadurch 400 Jobs in ländlichen Gegenden. Von seinen Konkurrenten wie der Organisation Water Health International und der Naandi Foundation, die beide nach einer ähnlichen Idee Wasser bereitstellen, unterscheidet sich Sarvajal vor allem durch den niedrigen Preis.

Obwohl das Unternehmen ohne Subventionen auskommt, kann es den Preis bei vergleichweise niedrigen fünf bis sechs Cent für 20 Liter halten. Um Wasser günstig anbieten zu können, ohne an Wirtschaftlichkeit zu verlieren wird moderne Informationstechnik eingesetzt. Die Wasserautomaten sind über das Handynetz verbunden und schicken regelmäßig Kurznachrichten an zentrale Server. So lässt sich der Zustand der Automaten problemlos überwachen.

Bleibt die Frage, ob die Ärmsten der Armen Zugang zu dem sauberen Wasser haben und ob sie es sich leisten können? Wissenschaftler unterscheiden dabei zwischen physischer Wasserknappheit, wenn (sauberes) Wasser kaum vorhanden ist, und ökonomischer Wasserknappheit, in Fällen, in denen sich die ärmste Bevölkerungsschicht das Trinkwasser nicht leisten kann.

Gegen beide Ausprägungen von Wasserknappheit scheint Sarvajal eine gute Strategie gefunden zu haben. Ein Preis von weniger als sechs Cent bedeutet, dass viele Inder ein Sechstel ihres Tagesbudgets für Wasser ausgeben würden. Nimmt man zum Beispiel einen Trinkwasserkonsum von drei Litern pro Tag und pro Person an, lässt sich mit dem Budget eine siebenköpfige Familie versorgen.

Zwar sind auch die sechs Cent für die Armen viel Geld, doch es scheint sich für fast alle Bürger in den Einzugsgebieten der Automaten zu lohnen, das gereinigte Wasser dem Brunnenwasser vorzuziehen. Zu hoch sind die Risiken von Infektionen und Krankheiten und langfristig erspart der Kauf von sauberem Wasser Nierenprobleme, Gelenk- und Zahnschmerzen. Oft werden diese langfristigen Folgen vergessen, die der Wassermangel auslöst. Doch die Ausmaße sind enorm.

Die Weltbank schätzt, dass etwa 21 Prozent aller ansteckenden Krankheiten in Indien mit der Wassersituation zusammen hängen. Täglich sterben über 1.600 Menschen an Durchfall. Sarvajal schätzt, dass die durchschnittliche, indische Familie bis zu 15 Prozent ihres Monatseinkommens für Medizin ausgibt. Kosten, die zumindest teilweise mit dem Wasser des Unternehmens eingespart werden können.

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