Innovation: Diese Fassade verschlingt den Smog

Innovation: Diese Fassade verschlingt den Smog

von Matthias Streit

Ein Berliner Startup hat ein Rezept gegen Luftverschmutzung: eine Hausfassade die Smog neutralisiert. In Mexiko-Stadt ist sie zu sehen.

In Mexiko City steht ein Haus, das die Feinstaubbelastung von 1.000 Autos am Tag neutralisiert. Möglich macht das eine innovative Fassade aus Stahl und Plastik, die die giftigen Stoffe regelrecht auffrisst. Die Entwicklung stammt von dem jungen Berliner Startup „elegant embellishments“ der beiden Architekten Allison Dring und Daniel Schwaag.

Ihr Ziel: Statt die Luftverschmutzung in Städten nur damit zu bekämpfen, den Verkehr einzuschränken, soll die Fassade „prosolve370e“ die Feinstaubpartikel aktiv vermindern. Das Geheimnis ihrer Konstruktion ist eine Titandioxid-Beschichtung.

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Denn dieser Stoff kann giftigen Feinstaub neutralisieren. Damit das funktioniert, braucht er aber unbedingt die Sonne – genauer genommen deren UV-Strahlen. Erst durch die Lichtstrahlen angeregt, baut Titandioxid giftige Abgase ab. In erster Linie sind das NOx-Stickoxide, die vor allem durch Verbrennungsmotoren freigesetzt werden.

Die feinstaubfressende Fassade fängt sie jedoch nicht ein, sondern wandelt sie in andere chemische Verbindungen um. So etwa Wasser, CO2 oder Kalksalpeter, der häufig als Düngemittel eingesetzt wird. Sogar an trüben Tagen funktionieren die Module. Schließlich dringen die UV-Strahlen des Sonnenlichts selbst durch dichte Wolkenbänder hindurch.

Eine wichtige Rolle spielt außerdem das Design des prosolve370e. Da die einzelnen Module keine lückenlose Oberfläche bilden, bremsen sie den Wind und damit die Geschwindigkeit, mit der die Nano-Partikel um die Fassade wirbeln. Das ist wichtig, damit der Reinigungsprozess überhaupt erst stattfinden kann. Denn die Fassade muss die giftigen Feinstaubverbindungen zumindest für kurze Zeit binden, um sie aufzubrechen und umzuwandeln. Zudem sorgt die runde Form der Module für eine möglichst große Oberfläche, auf die die UV-Strahlen aus verschiedenen Richtungen treffen können.

Ein Quadratmeter neutralisiert 17 AutosGerade in Gegenden mit besonders starker Luftverschmutzung entfaltet die Technik ihre größte Wirkung. „Unsere Fassade kann etwa 0,26 Gramm Stickoxide pro Quadratmeter abbauen. Das entspricht der Luftverschmutzung von bis zu 17 Autos am Tag“, sagt Dring. Denkbar wäre die Konstruktion beispielsweise auch an Tunnelausgängen – eben überall dort, wo sich Abgase konzentrieren.

Bislang stößt die Innovation allerdings nur in Südamerika auf großes Interesse. Seit 2012 wird die Technik bereits in Mexiko City angewendet. Dort wurde eine 2.500 Quadratmeter große Fassade an die Außenwand des Krankenhauses „Manuel Gea Gonzales“ angebracht. Zudem seien weitere Projekte in Mexiko geplant. „Aus Deutschland haben wir bislang noch keine Anfragen“, sagt Designerin Dring.

Dabei würde sich die Technik auch bei uns lohnen. Schließlich überschreiten viele Stadtzentren trotz Umweltzone noch immer häufig die Grenzwerte für Feinstaubbelastung. Etwa in Teilen Stuttgarts, wo der Wert allein im laufenden Jahr schon an 57 Tagen überschritten wurde. Wie wichtig es ist, gegen Luftverschmutzung vorzugehen, zeigt nicht zuletzt die EU-Strategie „Clean Air for Europe“. Das Ziel: Bis 2020 durch bessere Atemluft 63.000 vorzeitige Todesfälle vermeiden.

Einen Haken hat die Sache allerdings: Nach fünf bis zehn Jahren ist die Wirkung des Titanoxides aufgebraucht. Der Mantel muss erneuert werden.

Nicht ganz unproblematisch ist auch das Gewicht der Konstruktion. Mit durchschnittlich neun Kilogramm schlägt prosolve370e pro Quadratmeter zu Buche. Zudem prüfen Dring und Schwaag derzeit noch, für welche Höhen ihre Erfindung geeignet ist.

Übrigens: Titandioxid ist im Kampf gegen die Luftverschmutzung kein Unbekannter. Schon in Chicago wurde der Stoff in Asphalt-Straßen verlegt, um den Smog des Verkehrs abzubauen.

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