Interface: So wird ein Kunststoff-Teppich umweltfreundlich

Interface: So wird ein Kunststoff-Teppich umweltfreundlich

von Peter Vollmer

Teppich-Böden aus Kunststoff liegen in fast jedem Büro. Recycling kann ihre Lebensdauer um Jahrzehnte verlängern.

Interface ist einer der Hidden Champions der Green Economy. Kaum jemand kennt das US-Unternehmen, das seinen deutschen Sitz in Krefeld hat. Aber die Firma von Ray Anderson hat es geschafft, ein Produkt komplett neu zu denken.

Aus einem Plastik-Belag für Fußböden ist eine ökologisch vertretbare Teppich-Fliese geworden. Ein Jahrzehnte andauernder Prozess, der zeigt, dass auch Branchen, in denen es unmöglich scheint, ihre Produkte nachhaltiger machen können.

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Auslöser für diese Entwicklung war ein Kundentermin in den 90er-Jahren, auf dem Ray Anderson kalt erwischt wurde. Das Unternehmen lief bereits seit 20 Jahren profitabel, doch das erste Mal fragte ein Kunde, was Interface eigentlich für die Umwelt tue - Anderson hatte keine gute Antwort parat.

Für den erfolgsverwöhnten Unternehmer ein unbefriedigendes Gefühl. Er las sich in das Thema Nachhaltigkeit ein und musste einsehen, dass gerade sein Industrieunternehmen mit den Teppichfliesen einen großen Einfluss auf die Natur hatte. Und der war bislang negativ.

Noch 1994 gründete er, sehr US-amerikanisch, ein „Eco-Dream-Team“, das eine „Mission Zero“ formulierte. Das ambitionierte Ziel: Bis 2020 keinen negativen Einfluss mehr auf die Umwelt zu nehmen. Erstes Ziel: Die Abhängigkeit von petrochemischen Materialien reduzieren.

„Sehr amerikanisch“Als Laura Cremer 2009 ins Unternehmen kam, spürte sie direkt den Druck, der von dem ambitionierten Ziel ausging. Cremer arbeitet im europäischen Nachhaltigkeitsteam von Interface, wo die Mission Zero natürlich ein bestimmendes Thema ist.

Sie fand die Idee, zu einem bestimmten Zeitpunkt den kompletten Einfluss auf die Umwelt abgekappt zu haben, zunächst „sehr amerikanisch. Eine radikale Mission, die der Umstellung aber eine Dringlichkeit verleiht, Dinge voranzutreiben.“ So ein kaum erreichbares Ziel sei aber natürlich ein Stück weit naiv.

„Die Herausforderung besteht nicht nur in der Optimierung, sondern auch darin, Dinge neu zu denken“, sagt Cremer. Will man von fossilen Stoffen loskommen, kann man den Erdöl-Anteil nach und nach reduzieren – was gar nicht so einfach ist, wenn Nylon das Hauptprodukt ist. „Und wenn man sich die Ökobilanz unseres Produktes anschaut, ist vor allem das Nylon problematisch“, erklärt sie. Die Kunstfaser galt lange als nur mit Erdöl herstellbar. Der zweite Weg war, Nylon endlich wiederverwertbar zu machen. Ein Weg, der sich aber nicht alleine beschreiten ließ.

„Das Garn ist ein Produkt, das wir einkaufen. Da müssen wir Einfluss auf den Prozess vor unseren Werktoren nehmen“, sagt Cremer. Der Garnlieferant Aquafil konnte Interface dabei helfen: Das Unternehmen entwickelte 2011 ein komplett recycelbares Garn.

So oft wie möglich wiederverwertenAlte Fasern, Reste aus der Produktion und andere Nylonabfälle müssen nach dem Recycling eine Qualität haben, die so gut wie fabrikneu sein muss. Gerade die Abfälle sind für Interface interessant: „Alte Fischernetze sind etwa ein wunderbarer Rohstoff, aus dem man Garn gewinnen kann“, erklärt Cremer. Die bezieht man über soziale Projekte im Ausland, etwa Net-Works in den Philippinen und Kamerun.

Die alten Netze, Produktionsabfälle und das Garn aus zurückgenommenen Fliesen werden dann wieder zu Aquafil gebracht. Davor müssen vor allem Garn und Fliesenboden sauber getrennt werden. Auch der Boden, der früher geschreddert und im Straßenbau eingesetzt wurde, lässt sich mittlerweile wiederverwerten – deutlich leichter als das Garn.

Interface zählte zu einem der ersten Kunden, die Aquafil mit Econyl 100, so der Name des recycelten Garns, belieferte. Mittlerweile nutzen es auch andere Hersteller, etwa DESSO. Der niederländische Bodenbelagshersteller bewirbt seinen Recycling-Boden aktuell als erster mit einem Cradle-to-Cradle Gold-Zertifikat. Andere große Hersteller, etwa Vorwerk, schreiben recyceltem Material noch keine große Werbewirkung zu. Dennoch ist Interface mit der Beliebtheit von Econyl 100 sehr zufrieden.

Sieben LebenszyklenRecyclebar heißt dabei aber immer noch nicht unendlich nutzbar: Mittlerweile hält das Material sieben Wiederverwertungen aus. Dann muss neues Material beigemischt werden. Je nach Nutzungsdauer der Teppichfliese verzögert das den Zeitpunkt, an dem das Nylon weggeschmissen werden muss, um einige Jahrzehnte.

„Das macht den Rohstoff für uns mittlerweile auch zu wertvoll, als dass wir ihn einfach wegschmeißen würden“, erklärt Cremer – und trotzdem passiert genau das. Denn wenn ein Büro ausgeräumt wird, steht davor ein großer Müllcontainer und kaum jemand macht sich die Mühe, ausgerechnet die Teppichfliesen wieder zurückzuschicken.

Mittlerweile holt Interface die Fliesen sogar selbst ab – damit sie nicht mit dem restlichen Müll thermisch verwertet (also verbrannt) werden oder – noch schlimmer – auf einer Müllkippe landen. Ein erstes Leasing-Modell scheiterte in den 90ern, da der Wert des Teppichs zu gering ist.

98 Prozent von NullNun will man etwa mit Einrichtungsunternehmen kooperieren, damit der Teppich im Rahmen einer kompletten Einrichtung geleast werden kann. Auch sind die Klebeecken, mit denen die Fliesen aneinander befestigt werden, mit einer Kontaktadresse bedruckt, über die die Rücknahme der Fliesen läuft. Denn leider kämen noch sehr wenige gebrauchte Fliesen zurück, gibt Cremer zu.

Meist greife auch nur die 80-20-Regel: „Wenn die ersten Fliesen ausgetauscht werden müssen, sind 80 Prozent des Bodens meist so gut wie neu.“ Man tauscht also einfach nur 20 Prozent aus – ein großer Vorteil von Teppichfliesen.

Die ambitionierte Mission Zero wird trotzdem scheitern. Vielleicht ist Interface dazu auch zu groß: Eine Million Quadratmeter Teppichfliesen stellen die 3100 Mitarbeiter weltweit jede Woche her. Viele davon bestehen nur zum Teil aus recyceltem Material. Dabei ist das Unternehmen so nah dran: Innerhalb der Produktionsstätten wird die Mission Zero wohl zu 98 Prozent erreicht werden.

Deshalb formuliert Interface auch schon Ziele für die 20er-Jahre. So sind pflanzenbasierte Rohstoffe ein spannendes Thema. Sie könnten die Erdöl-Abhängigkeit noch weiter reduzieren. Auch das Recycling-Garn dürfte weiterentwickelt werden. Und auch wenn es ein paar Jahre nach dem 1993 gesetzten Ziel passiert, so will Interface doch auch seine Mission Zero abschließen.

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