Interview: Wie das Internet die Welt rettet

Interview: Wie das Internet die Welt rettet

von Benjamin Reuter

Der Web-Visionär Don Tapscott glaubt, alle großen Probleme dieser Erde ließen sich mithilfe des Internets lösen - 15 Minuten reichen ihm, um zu erklären wie.

Groupies hatte er nie, Paparazzi lassen ihn links liegen und auch einen Privatjet besitzt er nicht. Dennoch hat Don Tapscott mit Mick Jagger, Brad Pitt und Bill Gates eines gemeinsam: Der 65-jährige Kanadier ist ein Superstar. Er gilt als Nestor der digitalen Aufklärung: "Das Internet", so prophezeit er "wird die Welt zum Besseren verändern." So einem muss zugehört werden. Kein Wunder, dass die Journalisten Schlange stehen, wenn er in Deutschland zum Pressetermin lädt. Aber bitte immer schön der Reihe nach. Das heißt: warten, Kaffee trinken und vor allem nicht zu viele Fragen stellen. 15 Minuten für jeden. Mehr gestattet der Meister nicht. Kein Problem, Hollywood-Stars machen es nicht anders. Und wer die Welt retten will, hat ja wirklich Besseres zu tun, als Interviews zu geben. Also los, die Uhr läuft.

Herr Tapscott, das Internet, sagen Sie, könne die größten Probleme unserer Welt lösen. Wir haben 15 Minuten Zeit, um darüber zu sprechen. Schaffen wir das?

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Tapscott: Welche Probleme wären das denn?

Die üblichen: Bildung, Wirtschaftskrise, Armut, politische Unterdrückung, Energieknappheit, Krankheit, Krieg, Hunger, Klimawandel und Terrorismus.

Tapscott: Na dann mal los.

Knapp 100 Millionen Kinder weltweit erhalten laut UN keine Schulbildung. Wie sähe ein guter Unterricht für sie aus und wie kann da das Internet helfen?

Tapscott: Der Schulunterricht muss kritisches Denken und Recherchetechniken lehren, um die Fähigkeit für lebenslanges Lernen zu verbessern. Reine Information finden Schüler heute in Google und bei Wikipedia. Zudem sollten Hochschulen ihre Kurse im Internet global übertragen - wie die US-Universität Stanford in ihrem 2011 gestarteten Pilotprogramm. Zu den Vorlesungen in Computerwissenschaft schalten sich regelmäßig 160 000 Menschen ein, im Vorlesungsraum selbst sitzen nur 175.

Gutes Konzept - und erst 60 Sekunden sind um. Thema zwei: Wirtschaftskrise.

Tapscott: Wir müssen herauszufinden, wie viele toxische Wertpapiere bei den Banken schlummern. Dazu sollten sich die rund 6000 Forscher, die sich weltweit mit Finanzmodellierung befassen, schleunigst in einem Wiki zusammentun, in das die Banken ihre Daten einspeisen. Die Intelligenz der Masse würde diese Frage im Handumdrehen lösen. Dann wüssten wir, wie fragil das Finanzsystem immer noch ist. Aber es würde Transparenz und Sicherheit bringen, und die Banken würden hoffentlich wieder Geld an Unternehmen verleihen.

Das war jetzt ein klein wenig über die Zeit - und das große Thema Armut ist dran...

Tapscott: ...bei dem klassische Institutionen wie die Weltbank oder die Vereinten Nationen versagen. Besser machen es die neuen digitalen Netzwerke.

Und zwar wie?

Tapscott: Kiva etwa ist eine Plattform, über die Privatpersonen Unternehmern und Farmern in Entwicklungsländern Mikrokredite geben können. Über Kiva wurden bisher 350 Millionen Dollar verliehen und in vielen Ländern ökonomische Strukturen aufgebaut. Ähnliches machen Plattformen wie Zidisha, die Microloan Foundation oder United Prosperity.

In vielen armen Ländern regieren zudem Diktatoren.

Tapscott: Gerade für Diktatoren ist es keine gute Zeit, weil das Internet den Aufwand, eine Rebellion oder Proteste zu organisieren, gesenkt hat. Das sehen wir im gesamten Mittleren Osten. Dank des Internets wird es schwieriger, Menschen zu unterdrücken. Das werden die Führungen in China und Russland auch bald merken. Der Lauf der Geschichte geht unweigerlich in Richtung mehr Freiheit und Offenheit.

Der Lauf der Uhr sagt mir, dass schon sieben Minuten um sind. Schnell weiter zum Thema Nummer fünf: Armut zieht oft schwere Krankheiten nach sich.

Tapscott: Allein im nächsten Jahr verlieren die Pharmahersteller 20 bis 35 Prozent ihrer Einnahmen, weil Patentrechte auslaufen. Für die Entwicklung neuer Medikamente könnte also das Geld knapp werden. Deshalb brauchen wir ein anderes Modell für deren Entwicklung.

Was ist Ihr Vorschlag?

Tapscott: Nach dem Vorbild der Programmierer der Linux-Software sollten die Unternehmen bei vorwettbewerblicher Forschung und klinischen Studien zusammenarbeiten und ihre Ergebnisse ins Netz stellen. So können Forscher weltweit partizipieren. Das würde die Entwicklung neuer Medikamente enorm beschleunigen und verbilligen. Die US-Gesundheitsbehörde und die Universität von Pennsylvania entwickeln bereits medizinische Geräte in einem solchen offenen Verfahren.

Ein weiteres Problem: knapper und teurer werdendes Öl.

Tapscott: Wir müssen nicht mehr Öl finden, sondern weniger verbrauchen. Wir benötigen mehr alternative Energieformen und müssen auch unser Verhalten ändern. Im Internet gibt es bereits tolle Projekte: Mehr als eine halbe Million Amerikaner nutzen bei Zipcar gemeinsam Autos oder bilden Investitionsgemeinschaften für private Sonnenkraftwerke. Die treiben wiederum Elektroautos an.

Kommen wir zum Krieg - der ja oft eng mit dem Ölproblem verbunden ist.

Tapscott: Wenn ich das in einer Minute lösen könnte, wäre ich viel klüger als ich bin.

Sie haben jetzt noch satt drei Minuten. Oder sollen wir das Thema überspringen?

Tapscott: Nein, nein.

Also weiter.

Tapscott: Wir benötigen mehr Verständnis für die gegenseitigen Probleme in der Welt. Das würde die Gründe für Krieg reduzieren. Ein Beispiel ist die virtuelle Welt, die das israelische Startup Shaker kreiert hat. Dort trafen sich nach einem Aufruf bei Facebook im Februar Tausende Israelis und Palästinenser, um sich kennenzulernen. Im realen Leben geht das nicht, weil eine Mauer sie trennt. Über das Internet bauen sie Vorurteile ab.

Und das Hungerproblem? Das kann das Netz nicht lösen, oder?

Tapscott: Ist das nicht bei Armut dabei?

Nein.

Tapscott: Hm, ein Aspekt, der beim Thema Nahrung oft übersehen wird: die Gesundheitsschäden, die Essen im Westen auslöst, zum Beispiel durch Fettleibigkeit. Wie bekommen wir das in den Griff? Studien zeigen, dass Isolation und Unwissenheit das Gesundheitsrisiko Nummer eins sind. Ich hoffe, dass das Internet Menschen zusammenbringt, die sich darüber austauschen, wie man sich gesünder ernähren kann.

Okay. Vorletztes Problem: Klimawandel.

Tapscott: Die gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen oder Rio beweisen, dass Regierungen und Institutionen dieses Problem nicht lösen können. Mittlerweile organisieren Menschen aber über das Internet Hunderte Projekte, um den CO 2 -Ausstoß in lokalen Initiativen zu senken - von Schulen bis zu Architektenvereinigungen, die Gebäude energieeffizient machen. Smartphone-Apps analysieren längst anhand Tausender von Daten, wie viel Klimagas der Nutzer im Alltag ausstößt. Sie helfen ihm so, klimafreundlicher zu leben. All das ist sinnvoller als diese Gipfeltreffen.

Großartig, jetzt haben wir noch knapp eine Minute. Schnell zum letzten Thema: Wie bekämpfen wir mithilfe des Netzes den Terrorismus?

Tapscott: Terroristen missbrauchen das Internet für ihre Zwecke. Dabei soll es die Welt zu einem besseren Ort machen. Den Missbrauch können wir nur verhindern, wenn wir Kollaboration und Bildung fördern. In Pakistan werden etliche säkulare Schulen geschlossen, die fundamentalistischen bleiben übrig. Für einen Teil von dem Geld, das wir heute in Bomben stecken, sollten wir Computer und das Internet dort hinbringen, sodass die Menschen Zugang zu Wissen erhalten. Gegen den Terrorismus hilft nur Bildung und Wissen.

Herr Tapscott, wir haben es geschafft. Ihre Antworten zeigen: Die Welt ist noch zu retten. Danke für das Gespräch. Und viel Erfolg für die nächsten 15 Minuten.

Hier noch ein interessanter TED-Talk von Tapscott:

http://www.youtube.com/watch?v=jfqwHT3u1-8

 

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