Investments in fossile Energien: "Auch in Deutschland wird es krachen"

Investments in fossile Energien: "Auch in Deutschland wird es krachen"

von Nora Marie Zaremba

Der Ex-Banker Sony Kapoor warnt vor Investitionen in fossile Energien – und fordert CO2-Stresstests für Unternehmen.

Sony Kapoor, 41, war einst Investment-Banker bei der späteren Pleitebank Lehman-Brothers. Ernüchtert von seinen Erfahrungen in der Finanzwelt, stieg Kapoor drei Jahre vor dem großen Crash, der 2007 die Weltfinanzkrise auslöste, aus. Heute ist der indischstämmige Kapoor ein international bekannter Kritiker des Finanzsystems und Leiter des Think-Tanks "Re-Define".

Wir haben Kapoor zum Interview getroffen und mit ihm über gefährliche Investments und passive Anleger zu sprechen.

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Herr Kapoor, mit 29 Jahren sind Sie aus dem Investmentbanking ausgestiegen. Heute wollen Sie die Finanzwelt besser machen. Ist die Arbeit gegen die ganz Großen der Finanzwelt nicht sehr frustrierend?

Sony Kapoor: Im Gegenteil. Ich habe es als sehr viel frustrierender empfunden, einer von vielen im Heer gesichtsloser Investmentbanker zu sein. Jetzt berate ich Regierungen, Zentralbanken, die Europäische Union oder Großinvestoren. Ich habe so viel mehr Einfluss und kann die mir wichtigen Anliegen vorantreiben.

Ihr neues Herzensthema ist die "Kohlenstoffblase". Sie wollen die Finanzwelt darüber aufklären, dass Investitionen in fossile Energien sinnlos sind, da es strenge Klimaschutzgesetze geben wird. Viele Konzerne und Investoren glauben nicht, dass es so weit kommen wird. Was sagen sie denen?

Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass ein Zwei-Grad-Ziel mit den jetzigen politischen Maßnahmen überhaupt noch zu erreichen ist. Aber die Staaten verpflichten sich nach und nach und definitiv, ihre CO2-Emissionen zu verringern.

Allein dadurch werden Öl- und Kohlekonzerne Verluste erleiden. Derzeit kann aber niemand genau sagen, wie streng die Klimaschutzgesetze tatsächlich werden. Das Risiko ist aber real. Das können Investoren nicht mehr lange ignorieren.

Können die Anleger von einem Ölkonzern überhaupt eine Änderung der Investitionspolitik verlangen?

Zumindest auf dem Papier können sie das. Schließlich gehören den Anlegern die Gesellschaften. Das Management muss also auch im Interesse der Aktionäre handeln. In Wirklichkeit aber halten die wenigsten Aktionäre mehr als ein bis zwei Prozent am Unternehmen.

Auf den Druck eines Einzelnen wird man in den Vorstandsetagen kaum reagieren. Es ist schon eine gemeinsame Aktion nötig, ein gemeinsames Druckmachen der Investoren. Leider verhalten sich die meisten aber passiv, selbst wenn sie mit der Investitionspolitik des Unternehmens nicht einverstanden sind.

Wer entscheidet dann?

Es ist das Management, das bestimmt. Firmen wie ExxonMobil verdienen ihr Geld mit fossilen Brennstoffen. Da sehen die Manager gar nicht, dass ein Weiter-so riskant ist. Sie ignorieren das vollkommen, weil es in ihrer Wirklichkeit nicht vorkommt.

Man muss aber auch sagen, dass viele Aktionäre an dem Glauben festhalten, dass mit Fossilen auch weiterhin noch viel Geld gemacht wird.

Also ist es aussichtslos zu hoffen, dass die Großen umsteuern?

Nein. Das Thema Kohlenstoffblase rückt doch immer mehr in die Öffentlichkeit, schon allein durch große Kampagnen, sich von klimafeindlichen Investments loszusagen. Im angelsächsischen Raum wächst die sogenannte Divestment-Bewegung rasant. Einige große Investoren haben ihren Rückzug aus Unternehmen, die im Bereich fossile Energieträger tätig sind, bereits angekündigt.

Und am Global Divestment Day haben weltweit Menschen ihre Universitäten und Städten aufgefordert, Geld aus fossilen Rohstoffen abzuziehen. Übrigens auch in deutschen Städten.

Erdöl, Kohle und Erdgas werden vor allem an den Börsen von London, New York und Moskau gehandelt. Die größten Ölfirmen sind Exxon Mobil, Shell und Chevron. Ist Deutschland von der Diskussion um riskante Investments überhaupt betroffen?

Wenn die Blase in London oder New York platzt, kracht es zweifellos auch in Deutschland. Die nationalen Finanzwelten sind einfach zu stark miteinander verbunden. Das hat ja spätestens der Zusammenbruch der US-amerikanischen Lehman-Bank gezeigt.

Darüber hinaus ist Deutschland einer der weltweit größten Sparer. Deutsches Geld wird immer wieder in fossile Energien investiert und Unternehmen, die mit ihnen Geld verdienen. Deutsche Investoren und Finanzinstitute sind also vom Risiko ebenso betroffen wie Institute im Ausland.

Abseits von den großen Kampagnen: Was ist ihr Ratschlag für Regierungen?

Ich plädiere beispielsweise für die Einführung von Kohlenstoff-Stresstests. Die Unternehmen und Institute müssen offenlegen, welchen Anteil am Umsatz oder den Investments fossile Rohstoffe bei ihnen ausmachen.

Es muss transparent sein, wie hoch die Verluste sind, die eintreten, wenn es verbindliche Quoten gibt oder auch Steuern auf CO2-Emissionen eingeführt werden.

Glauben Sie, dass die Staaten große Ölgesellschaften retten werden, wenn diese keine Zukunft mehr haben? Nach dem Lehman-Crash 2008 wurden viele große Banken schließlich auch gerettet.

Der Ausfall einer großen Bank kann die gesamte Wirtschaft gefährden. Viele Ölfirmen sind zwar gigantisch groß, aber meiner Meinung nach ist das nicht ganz vergleichbar. Während der Finanzkrise war nicht klar, wer gerettet wird und wer nicht.

Einige Autofirmen in den USA wurden beispielsweise gerettet. Für viele Fluggesellschaften oder die Hersteller von Automobilzubehör jedoch gab es kein Geld. Meine jetzige Einschätzung ist, dass die Staaten die Ölkonzerne eher scheitern lassen.

Seit der Finanzkrise ist die Kritik an der Finanzwelt größer denn je. Haben Sie schon irgendeine Art von Paradigmenwechsel bemerkt?

Die Antwort ist kurz und heißt: leider nein.

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