Kinderarbeit: Helfen Zertifikate wirklich gegen Ausbeutung?

Kinderarbeit: Helfen Zertifikate wirklich gegen Ausbeutung?

von Sabrina Keßler

Organisationen wie Child Labor Free wollen Mode zertifizieren und Kinderarbeit ein Ende setzen.

Millionen Kinder arbeiten weltweit unter unmöglichen Bedingungen: Ob in Zehn-Stunden-Schichten auf den Baumwollfeldern Usbekistans oder in Bangladesch, wo rund sieben Millionen Kindern in baufälligen Fabriken schuften.

Weltweit, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), arbeiten bis zu 168 Millionen Kinder in mental, physisch, sozial oder moralisch gefährlichen Verhältnissen, die ihr Wohlbefinden gefährden. Ein Skandal, den eine Neuseeländische Organisation mithilfe eines neuen Zertifikats zu verändern versucht.

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Zusammen mit der Werbeagentur Saatchi und Saatchi und dem Kinderhilfswerk UNICEF hat die Organisation Child Labor Free (CLF) ein Label entwickelt, das Kleidung zertifizieren soll, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurde. Dieses Label bekommt nur, wer das organisationseigene Gutachten einwandfrei übersteht.

Um das Label zu erhalten, können sich Unternehmen auf freiwilliger Basis bei CLF melden und Informationen über die eigene Manufaktur, verwendete Materialien, und die Finanzierung des Unternehmens zur Verfügung stellen. Prüfer des weltweit tätigen Beratungshauses Ernst & Young erstellen anschließend ein Gutachten, auf dessen Basis gegebenenfalls Vor-Ort-Inspektionen durchgeführt werden. Erfüllt das Unternehmen alle Vorgaben, wird das Label bei CLF akkreditiert.

Eigenes System soll Unternehmen zertifizieren

„Wir wollen, dass Verbraucherherrschaft eine soziale Währung wird“, sagt Michelle Pratt, CEO und Gründerin von Child Labor Free. Sie fordert: Kleidung ohne Kinderarbeit soll ein globaler Standard werden, in gleichem Maße wie Kosmetika ohne Tierversuche oder organische Produkte im Supermarkt. „Unternehmen und Konsumenten müssen sich gleichermaßen engagieren und so einen transparenten Dialog schaffen, der Kindern bessere Bedingungen ermöglicht.“

Nach einer ersten Pilotphase mit heimischen Unternehmen, soll das System erstmals während der Neuseeländischen Fashion Week Ende August vorgestellt werden. „Viele Unternehmen werden zögern“, sagt Pratt voraus, die die Bedenken der Unternehmen versteht. „Aber wer sich einmal hat zertifizieren lassen, wird es von seinen Kunden gedankt bekommen."

Reichen Zertifikate aus?

Unterstützt in ihrem Vorhaben wird sie von Experten wie Amabel Hunting. Die Forscherin der Universität Auckland untersucht die Folgen ethischen Konsums. Ihre Studien zeigen: Während ethische Konsumenten früher eine Minderheit darstellten, interessieren sich inzwischen immer mehr Kunden für ethisch einwandfreie Produkte, vor allem in der jungen Generation.

„Unternehmen, die sich dieser Tatsache verweigern, werden auf dem Markt der Zukunft nicht mehr mitspielen können und heutige Kunden verlieren“, prophezeit sie. Ein System, wie CLF es entwickelt, sei daher eine gute Möglichkeit, um die Lücke zwischen den Anforderungen der Kunden und den tatsächlichen Produktionsbedingungen vieler Unternehmen, zu schließen.

Der Optimismus Huntings wird nicht von allen Experten geteilt. Viele bezweifeln, dass soziale Audits wie diese genügen, um die systematischen Ursachen des Problems anzugehen und solch komplexen Lieferketten gerecht werden.

Die Erfahrung zeigt: Obwohl die Industrie der ethischen Audits bereits 2011 auf rund 80 Millionen Dollar geschätzt wurde, konnte sie Unglücke wie in der Textilfabrik Rana Plaza oder dem Feuer in einer Fabrik in Karachi nicht verhindern.

Nur Wochen zuvor wurde letztere sogar mit dem anerkannten SA8000 Zertifikat der Social Accountability International (SAI), einer New Yorker NGO, ausgezeichnet, das nur bekommt, wer Mindeststandards im Bereich Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit erfüllt, keine Kinder und Zwangsarbeiter beschäftigt und Gewerkschaften erlaubt.

Gewerkschaften und Existenzminimum statt Ethik

Dass soziale Audits und unangekündigte Inspektionen unwirksam sind, um solche Schicksale zu vermeiden, predigt Simon Steyne schon seit Jahren. Steyne, der sich im ILO-Programm zur Abschaffung von Kinderarbeit (IPEC) engagiert, weiß aus Erfahrung, dass Firmen vorgewarnt werden und Kinder bei Inspektionen verstecken. „In vielen Fabriken sieht man leere Arbeitsplätze mit sehr, sehr kleinen Stühlen“, sagt Steyne. Da sei direkt klar, dass hier etwas vertuscht würde.

Unabhängige Gewerkschaften hingegen seien die einzig wahren Mittel gegen Kinderarbeit, sagt Steyne. „Die kontrollieren rund um die Uhr, ob Kinder beschäftigt werden, und nicht nur am Tag der Inspektion.“ Andere Organisationen wie das Netzwerk Label Behind The Label wiederum betonen, dass es ein Existenzminimum bräuchte, um die Armut der Menschen und damit den Grund für Kinderarbeit zu bekämpfen.

Child Labor Free allerdings weiß sich zu verteidigen. Ihnen ginge es vor allem um Ehrlichkeit, Ethik und freiwillige Transparenz - nicht um zwanghafte Kontrolle. Wenn es ein Problem in den Fabriken gäbe, würde man darüber reden und versuchen, gemeinsam dieses Problem zu lösen. „Wir glauben, dass die Unternehmen bereit dafür sind“, sagt CLF-Gründerin Pratt.

Nobelpreisträger Satyarthi fordert Hilfe vor Ort

Die Idee der Freiwilligkeit überzeugt auch den indischen Kinderrechtsaktivisten Kailah Satyarthi. Der Friedensnobelpreisträger arbeitet seit drei Jahrzehnten dafür, dass Kinder in Ländern wie Bangladesch oder Indien nicht mehr arbeiten müssen. „Freiwilligkeit zeugt von dem Willen, etwas zu tun, ohne gezwungen zu werden“, sagt Satyarthi in einem Interview mit der Zeit. Das allein reiche allerdings bei weitem nicht aus.

Das große Problem sei, bis an die Basis vorzudringen, also bis zu den Kindern und zu den anderen Arbeitern. „Der Wille, etwas zu tun, ist eine Sache – aber dieser Wille muss auch in Taten umgesetzt werden“. Politiker oder Firmen allein kämen meist nicht weit. „Dazu braucht es Hilfe vor Ort. Von Menschen, die sich auskennen und wissen, wie die Strukturen sind und wo Hilfe nötig ist.“

Trotzdem ist er froh über Organisationen wie "Child Labor Free" oder Zusammenschlüsse wie das Bündnis für nachhaltige Textilien, das Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) derzeit zusammentrommelt. Unternehmen wie adidas, Kik, H&M und C&A wollen sich hier zumindest grundlegenden Nachhaltigkeitsregeln verpflichten. „Wir profitieren allein schon deshalb, weil das Thema auf die Agenda kommt“, sagt Satyarthi.

Die Bemühungen einzelner Organisationen, das Bewusstsein der Verbraucher, die guten Vorsätze der Unternehmen und die Bestrebungen der Politik würden schon bald dafür sorgen, dass Kinderarbeit passé sei. Schließlich habe sich die Zahl der weltweiten Kinderarbeiter von 270 Millionen Ende der 1990er Jahre auf inzwischen 168 Millionen gesenkt. Es gäbe zwar noch viel zu tun, aber der 60-Jährige ist sich sicher: „Das Ende der Kinderarbeit werde ich noch erleben.“

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