Kleidung: Forscher entwickeln Verfahren für umweltfreundliches Leder

Kleidung: Forscher entwickeln Verfahren für umweltfreundliches Leder

von Birk Grüling

Die Verarbeitung von Leder ist extrem umweltschädlich. Deutsche Forscher ändern das nun.

Ob Handtaschen, Schuhe oder Jacken - knapp 65 Prozent des weltweiten Lederbedarfs entfällt auf die Modeindustrie. Leider ist das Gerben von Leder in vielen Teilen der Welt eine ziemliche Sauerei. Schon im Mittelalter wurde die Herstellung deshalb vor die Tore der Stadt verbannt. Verständlicherweise, immerhin war Urin lange das wichtigste Mittel, um die Tierhäute zu verarbeiten.

Heute nutzt die Industrie Chrom. Sauberer ist die Lederherstellung dadurch aber nur teilweise geworden. Das Schwermetall veredelt zwar die Tierhaut, gilt aber als ein Umweltgift. Trotzdem werden jährlich knapp 200.000 Tonnen Chrom in der Lederproduktion verwendet.

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„Problematisch sind vor allem die Chemikalienrückstände, die im Abwasser der Produktion anfallen", sagt Manfred Renner vom Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik Umsicht in Oberhausen. Das Leder könne nur etwas mehr als 60 Prozent des während der Gerbung eingesetzten Chroms aufnehmen und binden. Der Rest landet im Wasser.

Geht es nach den Fraunhofer-Forschern, könnte sich der Chromverbrauch in den nächsten Jahren drastisch reduzieren, vor allem die schmutzigen Abwässer wären vermeidbar. Als Lösung hat der Wissenschaftler ausgerechnet Kohlenstoffdioxid im Blick. Den meisten Menschen ist das Gas vor allem wegen seiner Auswirkungen auf das Klima ein Begriff. CO2-Moleküle absorbieren Infrarotstrahlung und sorgen so für steigende Temperaturen.

Gerbung ohne AbwasserWenn man Kohlenstoffdioxid jedoch unter starken Druck setzt, offenbart es noch eine ganz andere Eigenschaft. Es verhält sich wie ein Lösemittel. Der Effekt: Das Chrom dringt leichter in das Leder ein.

Zuerst verdichten die Ingenieure das Gas in dem Prozess in einem Hochdruckbehälter, in dem auch das Leder rotiert. Das Chrom wird durch das CO2 in die Lederschichten eingeschleust.

Im Vergleich zur herkömmlichen Gerbung gibt es keine Qualitätsunterschiede, dazu ist das Verfahren deutlich umweltfreundlicher, wie Renner erklärt: „Mit Kohlenstoffdioxid als Hilfsmittel können wir den Prozess abwasserfrei machen und den Chromeinsatz reduzieren. Außerdem sinkt der zeitliche Aufwand drastisch.“ Bis zu 40 Prozent des Chroms soll das Verfahren einsparen, komplett wegfallen könnte der Einsatz von Wasser und Salzen während der Gerbung.

Auch der Einsatz von alternativen Gerbstoffen aus heimischen Hölzern wäre mit dieser Methode möglich. Bisher ist der Anteil der pflanzlichen und synthetischen Gerbstoffe mit 15 Prozent eher gering. Früchte und Rinden können das Chrom zwar teilweise ersetzen, die Produktion ist aber teurer und zeitaufwendiger. Nichtsdestotrotz ist das Interesse an nachhaltigeren Verfahren groß, wie auch die Fraunhofer-Forscher immer wieder spüren: „Unsere Entwicklung stößt auf große Nachfrage. Es gibt bereits mehrere Interessenten für eine Umsetzung“, sagt Renner.

CO2 könnte auch Kleider färbenFür 2014 ist deshalb der Bau eines industriellen Prototyps für die neuartige Gerberei geplant. Begünstigt wird dieses Interesse nicht nur durch strengere Umweltrichtlinien, sondern auch durch ein stärkeres Bewusstsein für Nachhaltigkeit beim Konsumenten.

Darauf deutet auch ein weiterer CO2-Trend aus der Modeproduktion hin. Bereits vor 15 Jahren wurden Patente für die Färbung von Stoffen mit Kohlenstoffdioxid angemeldet. Ähnlich wie beim Gerben ersetzt Kohlenstoffdioxid hier das Wasser zum Färben. Stattdessen nimmt das Gas die Farbstoffmoleküle auf und bringt sie in die Textilien ein.

Der Prozess ist schneller, spart Wasser und über 90 Prozent des verwendeten Kohlenstoffdioxids können recycelt werden. „Das Verfahren ist eigentlich ein alter Hut. Im Zuge der grüner werdenden Mode wurde es aber wieder aus der Schublade geholt“, sagt Renner.

Genutzt wird die trockene Färbung von einigen Unternehmen jetzt schon: So macht Sporthersteller Adidas mit seiner Drydye-Linie seit knapp einem Jahr Werbung. Laut Unternehmenswebsite sparte man schon bei der Auftaktkollektion von 50.000 Drydye T-Shirts insgesamt 1.250.000 Liter Wasser. Langfristig will man die Drydye-Produkte fest ins Sortiment aufnehmen, gerade im Outdoor-Bereich.

Eine kleine Ernüchterung am Schluss: Den Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verringern beide Verfahren nicht, auch wenn der Großteil der benötigten Menge CO2 direkt aus den Abgasen der Industrie gewonnen würde. Die positiven Effekte für die Umwelt liegen eher in der Reduzierung der Abwässer und der eingesetzten Chemikalien.

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