Kräuterbitter DIY: Ein Kölner macht jeden zum Bio-Likör-Fabrikanten

Kräuterbitter DIY: Ein Kölner macht jeden zum Bio-Likör-Fabrikanten

von Peter Vollmer

Das Startup Open Source will den Likör vom Rentner-Image befreien – und bietet eine Schnapsfabrik für daheim.

„Es gibt keinen vernünftigen Digestif. Da trinken Leute im Restaurant einen guten Wein für sieben Euro das Glas und bestellen danach einen Kräuterschnaps, bei dem die ganze Flasche weniger kostet.“ Maximilian Helldörfer hat recht. Während Whisky oder Cognac weiterhin der Ruf des edlen Tropfens vorauseilt, lassen die meisten Kräuterbitter einen edlen Beiklang vermissen (Stichwort Jägerbomb auf Flatrateparties).

Allerdings – Preis und edler Klang stehen für Helldörfer hinten an. Der blonde Kommunikationsdesigner, der noch dieses Jahr unter dem Label „Open Source“ Kräuterliköre mit Namen wie „Laozi“ und „Epikur“ auf den Getränkemarkt bringen will, möchte mit seinen Tropfen die Menschen glücklicher machen. Die Motivation dazu kam ihm nicht beim Trinken, sondern im Garten.

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Aus Reinalkohol wird Schnaps„Ich wollte einen Film über das gute Leben drehen. Als Teil meiner Diplomarbeit. Mich hat zum Beispiel interessiert, warum so viele Menschen, die materiell unabhängig sind, von einem eigenen Selbstversorger-Hof träumen.“ Dazu besuchte er etwa Schuhmacher und Hebammen, um zu überprüfen, ob Arbeit mit den eigenen Händen glücklicher macht.

Doch dann kam die unvermeidliche Prokrastination, und statt in der Designschule zu recherchieren, begann Helldörfer im heimischen Garten zu arbeiten. In dem wachsen vor allem Kräuter. Sogar einige Exoten aus China und Japan, sogar Ingwer.

Schon früh stand er vor dem Problem, die Kräuter zu konservieren. So kam er zum Alkohol. Denn wenn man Kräuter in Reinalkohol ziehen lässt und diesen dann verdünnt, erhält man einen – hoffentlich – schmackhaften Schnaps (streng genommen wird Schnaps durch Destillation gewonnen, Liköre werden angemischt). „Allerdings ist mir aufgefallen“, sagt Helldörfer, „dass meine Freunde nur ein oder zwei Kräuter herausschmecken konnten – die anderen kannten sie gar nicht.“

Zwischen Anthroposophie und Hedonismus

„Open Source“ ist sein Streifzug geworden, das Wissen um die Kräuter wiederzuerwecken. Der erste Likör wird deshalb auch nach Hildegard von Bingen benannt sein. Dazu setzt der junge Designer auf die bestmöglichen Zutaten: Die Kräuter entsprechen den Demeter-Kriterien, der Alkohol wird aus Bio-Dinkel gebrannt.

Der Clou ist allerdings: In die Verpackung sind Saatgut und Anleitung zur Likörproduktion eingearbeitet. „Der Likör soll ein Projekt für die Fensterbank sein“, sagt er. Die erste Charge seiner Produktion soll etwa 1000 Flaschen umfassen. Deshalb sucht er jetzt nach Unterstützern, per Crowdfunding und persönlich.

Seinen Abschluss hat Helldörfer durch das Projekt bereits in der Tasche, begleitet von einer schriftlichen Arbeit über Gastrosophie, die Wissenschaft des Genusses. Doch mittlerweile ist die Geschäftsidee wichtiger: „Es soll ein Digestif ohne Kräuterpulver, Fuselalkohol oder massig Zucker werden, der den Menschen ermöglicht, das Wissen um die Kräuter wiederzubeleben, deren Geschmack und Wirkung.“ Um das „Saufen“ geht es ihm explizit nicht.

Wer den Likör über Wochen begleite, habe dazu auch einen anderen Bezug, glaubt der Kölner. Dieser Bezug sei die eigentliche Idee hinter Open Source: „In der dritten Etage eines Wohnhauses ist es schwierig, Menschen mit der Natur zu vernabeln“, sagt Helldörfer. Der Likör soll die Brücke sein.

Die Flasche DIY-Likör kostet 25 EuroDie hohen Ansprüche haben ihren Preis. Den größten Teil machen dabei die Steuern auf den 95-prozentigen Reinalkohol aus, aber auch die Grundzutaten seien „etwa zehnmal teurer als bei einem klassischen Kräuterlikör“. Deswegen geht er auch offen auf Fragen zu den Zutaten ein: „Open Source“ soll – im doppelten Sinne – ein transparentes Produkt sein.

Der Preis werde bei etwa 25 Euro pro Flasche liegen, mit einer Gewinnmarge, die für kaum ein Unternehmen attraktiv wäre, sagt er. „Viele nachhaltige Designer entwickeln tolle Prototypen, die preislich 80 Prozent der Gesellschaft ausgrenzen. Da fehlt teils auch die Marktreife.“

Zusätzliches Geld kommt in diesem Fall aber aus der Community beziehungsweise den damit zusammenhängenden Werbeeinnahmen, denn Helldörfer will einen Kräutershop, eine Rezeptdatenbank und vor allem ein Forum aufbauen, ein wenig nach dem Vorbild bekannter Kochplattformen. „Es geht auch um verlorenes Wissen über Kräuter. Und ich glaube, Interesse an dem Thema kann man leicht wecken. Aber damit die Leute dranbleiben, brauchen sie Unterstützung, Ansprechpartner und vor allem eine Gemeinschaft.“

Deshalb auch der Name „Open Source“, der zwar wenig originell, aber treffend ist: Das Wissen um die Kräuter, das seit Jahrzehnten verloren geht, soll wieder für jedermann nutzbar werden. Rund einen Monat läuft das Crowdfunding noch, dann entscheidet sich, ob Hildegards Geist 835 Jahre nach ihrem Ableben wieder das Licht der Welt erblickt.

In diesem Video erklärt Maximilian Helldörfer sein Konzept:



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