Landminen: Räumgerät aus Bambus könnte Tausende Leben retten

Landminen: Räumgerät aus Bambus könnte Tausende Leben retten

von Jan Willmroth

Ein afghanischer Designer hat einen preiswerten, windgetriebenen Minenzerstörer entworfen.

Massoud Hassani kennt den Krieg, er kennt das, was vom Krieg bleibt. Während seiner Kindheit in Afghanistan gehörte der Krieg zum Alltag. Und mit ihm die Minen im sandigen Boden. Mit seinem Bruder spielte er in der Landschaft, baute Bälle aus Stöcken zusammen, die der starke Wind durch die Steppe wehte. Die Jungen starteten Wettrennen mit den Bällen und rannten ihnen hinterher.

Doch der Wind war häufig so stark, dass ihre Spielzeuge ihnen unerreichbar entwischten. Denn schon wenige Kilometer von zu Hause entfernt gab es Landstriche, die niemand betreten durfte – zu gefährlich, vermintes Land. Sie wussten genau, wie weit sie laufen konnten, ohne ihre Beine oder ihr Leben zu verlieren. Mit 14 flüchtete Hassani, lebte in Pakistan und Russland, schließlich studierte er in den Niederlanden und ist heute ein Produktdesigner.

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Fast 20 Jahre später kehrte Hassani zurück ins afghanische Qasaba in der Nähe von Kabul, aus dem er einst floh, um noch einmal seine Spielzeuge von damals zu bauen. Die Bälle wurden sein Abschlussprojekt im Studium an der Design-Akademie Eindhoven, er baute sie 20 mal größer und schwerer. Das Prinzip blieb gleich: Der Wind treibt die mannshohen aus Bambus gefertigten Bälle an, sie rollen durch die Steppe.

Doch diesmal zielt Hassani damit bewusst auf die verminten Gebiete. Das Spielzeug ist jetzt ein Landminenvernichter, genannt Mine Kafon: Rollen die Kugeln über eine Mine, wird diese zerstört, ohne, dass sich Minenräum-Spezialisten in Gefahr begeben müssen. Drei bis vier Minen soll so ein Ball schaffen. Neben Bambus verbaut Hassani biologisch abbaubaren Kunststoff und einen GPS-Chip – so kann jeder im Netz die Bewegung eines Detonators verfolgen und sehen, wo die sichersten Wege und wie viele Minen in einem Bereich explodiert sind.

Allein im kriegsgeplagten Afghanistan sind nach offiziellen Angaben zehn Millionen Minen im Boden versteckt. „In Wahrheit sind es viel, viel mehr“, sagt Hassani. Jeder in Kabul kenne Leute, die durch Minen verletzt wurden. Knapp 4.300 Menschen sind nach Angaben der Initiative Land Mine & Cluster Munition Monitor im Jahr 2011 durch Überbleibsel aus Kriegen umgekommen. Die Initiative weist aber auf die schlechte Datenlage hin und vermutet viel mehr Tote. Wie viele es genau sind, weiß niemand so genau.

In Israel, Libyen, Burma und Syrien kamen Anti-Personenminen vor Kurzem noch immer offiziell zum Einsatz. In Afghanistan, Kolumbien, Burma, Pakistan, Thailand und im Jemen setzten nicht-staatliche Milizen die Sprengkörper ein. Minen bleiben trotz internationaler Ächtung und stark zurückgegangenen Todesfällen also ein globales Problem. Das zeigt auch diese Karte:

81 Staaten haben akut mit einem Landminen-Problem zu kämpfen. In allen könnte der Mine Kafon Platz schaffen – für Kinder, für Bauern, für Nomaden. Beispiel Ägypten: Dort verlieren regelmäßig Beduinen Arme und Beine oder kommen ums Leben, während sie durch die Wüste ziehen. Das hat der Fotograf Andrew Youngson in der beklemmenden Fotoserie „The Devil’s Garten“ dokumentiert. Schätzungen zufolge sind noch rund 17 Millionen Minen, Fliegerbomben, Artilleriegeschosse, Mörsergranaten und Gewehre im Wüstensand versteckt, und das allein zwischen Alexandria und Libyen. Die Räumung einer einzigen Mine kostet bislang umgerechnet mehr als 900 Euro. Das Material für einen Mine Kafon kostet nur 40 Euro.

Massoud Hassani hat deshalb schon viel Aufmerksamkeit bekommen und 87.000 Pfund für sein Kickstarter-Projekt eingesammelt – denn irgendwie will er seine Minenräumgeräte ja finanzieren. Er sucht noch Produktionspartner, um die Minenzerstörer im großen Stil herzustellen. Im Februar wird er mit seinen Mine Kafons in Paris zu sehen sein, auf einer Solo-Austellung in der Design- und Kunstgalerie Slott. Im laufenden Jahr wird sogar das New Yorker Museum of Modern Art Hassanis Projekt in seine Sammlung aufnehmen.

Wie die Minenzerstörer funktionieren, zeigt ein Dokumentarfilm, der Hassani von der Idee bis zum Prototypen begleitet:

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