Luftfahrt: Boeing kündigt Durchbruch bei Biotreibstoff an

Luftfahrt: Boeing kündigt Durchbruch bei Biotreibstoff an

von Constantin Alexander

Biosprit ist als wenig nachhaltig verschrien. Der Flugzeugbauer Boeing verspricht nun Besserung: Nämlich mit Treibstoff aus Salzpflanzen.

Es ist nicht weniger als ein Quantensprung im Bereich der Biokraftstoffe, den Boeing vor einigen Tagen angekündigt hat. Laut Darrin Morgan, oberster Nachhaltigkeitsmanager beim US-Flugzeugbauer, entwickeln seine Ingenieure zusammen mit der Fluglinie Etihad Airways, einer Tochtergesellschaft des Industriekonzerns Honeywell und dem Masdar Institute of Science and Technology in Abu Dhabi derzeit Treibstoffe aus Salzpflanzen. Wie der Name vermuten lässt, handelt sich dabei um Pflanzen, die auf salzigen und meist sehr trockenen Böden wachsen.

Der Vorteil gegenüber aktuellen Biotreibstoffen ist damit sofort klar: Sie besetzen kein Ackerland auf dem sonst Nahrungsmittel wachsen würden. Außerdem können sie mit Salzwasser gegossen werden.

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Ihren grünen Treibstoff nennen die Unternehmen, die sich in Abu Dhabi unter dem Namen Sustainable Bioenergy Research Consortium (SBRC) zusammengeschlossen haben, Green Diesel.

In ersten Versuchen wurde die Salzpflanze auch schon erfolgreich angebaut und in grünes Kerosin umgewandelt. Mitte Januar startete sogar eine Boeing-Maschine von Etihad Airways zu einem 45-minütigen Testflug, getankt hatte der Jet eine Mischung aus Pflanzensprit und Kerosin. Der Flug verlief ohne Probleme.

Entsprechend groß sind die Pläne des SBRC-Konsortiums, wie die Blogger von Cleantechnica (USA) und der Energy Post (Niederlande) aus Abu Dhabi berichten: 2015 soll eine erste mehrere Hektar große Pilotanlage in dem Emirat ihren Dienst aufnehmen, die jenseits des Labormaßstabes den grünen Sprit produziert. Läuft alles so, wie die Projektpartner es sich vorstellen, soll kurz darauf schon eine 500 Hektar große Plantage mit den Salzpflanzen angelegt werden.

Salzpflanzen lassen sich leichter zu Sprit machenDas Besondere an den Salzpflanzen ist, wie die Forscher in Abu Dhabi herausgefunden haben: Aus ihnen lässt sich mit sehr wenig Aufwand die Zellulose herauslösen, aus der dann in einem zweiten Schritt Zucker gewonnen und dann der Treibstoff gemacht wird. Diesen Prozess bei herkömmlichen Pflanzen wirtschaftlich zu machen, daran scheiterten Dutzende Unternehmen auf der ganzen Welt bisher. "Überraschenderweise gibt es für den Prozess bei Salzpflanzen bisher keine Patente", sagt Darrin Morgan.

Dass der Treibstoff auch wirtschaftlich konkurrenzfähig zu herkömmlichem, ölbasiertem Kerosin sein wird, davon ist Morgan überzeugt. "Unser Prozess könnte eine Revolution für die Biokraftstoffindustrie bedeuten", sagt er.

Deshalb soll das Projekt auch im großen Stil Fahrt aufnehmen. Die Fluglinie Etihad aus Abi Dhabi will schon in den nächsten Jahren Flüge anbieten, die rein mit Biosprit betrieben werden. Verbinden lässt sich der Salzpflanzenanbau mit Shrimp- und Fischzucht. So können Nährstoffe und Wasser doppelt genutzt werden.

Der Hintergrund für die verstärkten Anstrengungen von Boeing im Bereich alternative Treibstoffe ist durchaus interessant. Denn Morgan erklärt, dass Erdöl, das aus Schiefergestein und Teersanden kommt, schon seit längerem Probleme verursacht. Schuld sind wohl die bei der Förderung eingesetzten Chemikalien. Das Ergebnis: Das Kerosin verbrennt schneller, und auch die Technik scheint Schaden zu nehmen. Boeing, so erzählt es Morgan, habe sich bei den großen Ölfirmen des Öfteren beschwert, ohne dass diese die Probleme ernst genommen hätten.

Boeing setzt sich laut eigener Aussage jetzt auch bei der US-Luftfahrtbehörde (FAA) - zusammen mit anderen Fluggesellschaften, Triebwerksherstellern, Regierungen, Kraftstoffproduzenten und Forschungsorganisationen - dafür ein, dass Green Diesel bald zugelassen wird.

Als Basis für Green Diesel können nicht nur die Salzpflanzen dienen, sondern auch Pflanzenöle von Algen, Raps, Fettkraut oder anderen Krautarten. Das Öl wird aus den Pflanzen gepresst und dann über chemische Prozesse in Sprit umgewandelt.

Dies ist auch der Unterschied zum Biodiesel, den Autos tanken können: Die beiden Treibstoffarten haben mitunter die gleichen Pflanzenöle als Basis, unterscheiden sich aber durch den Herstellungsprozess. In den USA gibt es inzwischen einige Unternehmen, die sowohl Biodiesel, als auch Green Diesel im großen Stil produzieren.

Essen oder tanken?Die Diskussion über Green Diesel verläuft ähnlich wie bei Biodiesel und beinhaltet unter anderem die Kritik an fehlenden Langzeitstudien über mögliche Schäden an Motoren und Technik. Die bisherigen Studien von Boeing und anderen Unternehmen sehen hier aber keine Probleme.

Aber auch die Folgen für die Ernährung sind immer wieder Thema: Weltweit hat die Verbreitung von Treibstoffen auf pflanzlicher Basis in den vergangenen Jahren zu einer Erhöhung der Rohstoff- und Lebensmittelpreise geführt, mit negativen Folgen für die Nahrungsmittelversorgung in Schwellenländern. Umso attraktiver scheinen für Boeing jetzt wohl die Aussichten, Wüstenpflanzen in Sprit zu verwandeln.

Doch um den täglichen Verbrauch von rund einer Milliarde Litern Flugzeugkerosin durch Green Diesel  zu decken, wären gewaltige Anstrengungen nötig. Ob dies ohne staatliche Unterstützung und lange Übergangsfristen gelingt, ist fraglich. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist der Vorstoß von Boeing aber allemal.

Mitarbeit: Benjamin Reuter

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