Luftfahrt: Durchbruch für Solarflieger

Luftfahrt: Durchbruch für Solarflieger

von Jan Willmroth

Zellen statt Treibstoff: Solarflugzeuge überwinden inzwischen sogar lange Distanzen. Im Frühjahr soll der erste zweisitzige Sonnenflieger abheben.

Wenn Eric Raymond über die Wolken steigen will, muss er zuerst die Akkus wieder aufladen. Dann schaltet er den Motor aus, der den Propeller antreibt, und gleitet mit seinem „Sunseeker“ wie mit einem gewöhnlichen Segelflugzeug. Und wie ein solches hat Raymond keinen Treibstoff an Bord – dafür aber Solarzellen auf den Flügeln, die seine Akkus mit Strom versorgen. Sind sie voll genug, geht es weiter hinauf.

Vor Kurzem hat der Abenteurer sein drittes eigenes Projekt vorgestellt. Das hat es in sich: Nach mehreren erfolgreichen Soloflügen will der 62-Jährige bald mit dem „Sunseeker Duo“ abheben, dem weltweit ersten zweisitzigen Solarflugzeug. Es basiert auf dem Gleitflugzeug Stemme S-10, das seit den Achtziger Jahren gebaut wird.

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Die Solarzellen erstrecken sich über die ganze Flügelspannweite von 22 Metern, das Leergewicht des Fliegers will Raymond von 645 auf etwa 270 Kilogramm drücken. „Wir arbeiten nur noch an den Details“, sagt Raymond. Im kommenden Frühjahr will er zum ersten Mal zu zweit starten.

Mit dem neuen Flieger setzt Raymond sein Lebenswerk fort, denn seit seiner Kindheit tüftelte er an Flugzeugen. Zuerst entwarf er Modelle und war sich damals schon sicher, später einmal richtige Flugzeuge bauen zu wollen. "Ich war mehr von Gleitflugzeugen angezogen, weil ich den Lärm, die Vibration und die Abgase kleiner Propellermotoren nicht mochte", sagte Raymond zu WiWo Green.

Hoch hinaus mit SonnenenergieSpätestens 1979 war die Faszination geboren, die ihn bis heute antreibt. Damals startete mit dem Solar Riser der erste bemannte Solarflieger der Welt. Knapp zwei Jahre später legte der Solar Challenger 262 Kilometer von Paris nach London ohne Treibstoff zurück. Raymond war überzeugt - und stellte neue Höhen- und Distanzrekorde auf, als er mit seinem ersten Flugzeug Sunseeker I die USA überquerte.

Raymond ist nur einer von mehreren Pionieren, die mit ihren sonnenbetriebenen Flugzeugen an einer neuen Ära der Luftfahrt arbeiten. Ein weiterer ist Raymonds früherer Arbeitgeber, für den er bis 2009 am Flugzeugdesign arbeitete: Der Schweizer Bertrand Piccard. Er sorgte erst kürzlich wieder für Schlagzeilen, als er ankündigte, im kommenden Sommer mit seiner Solar Impulse die USA von San Francisco nach New York zu überqueren.

Zuvor hatten Piccard und sein Team schon einen Rekord aufgestellt. Im Juni legten sie den ersten Interkontinentalflug zurück, als Piccard und sein Mitstreiter André Borschberg über mehrere Monate hinweg vom schweizerischen Payerne bis nach Marokko und über Madrid und Toulouse  und wieder zurück flogen. Piccard legte mehr als 6000 Kilometer zurück, mit beinahe voll geladenen Akkus bei der Landung nach dem letzten Flug. Nach dem USA-Flug will Piccard jetzt als erster Mensch die Welt mit einem Solarflugzeug umrunden – nonstop, dank der effizienten Batterien. Geplant hat er das für 2015, 16 Jahre nach dem er als erster die Welt in einem Ballon umrundete.

Der Schweizer Visionär und sein amerikanischer Kollege Raymond sind zwei Vorreiter in einem Sektor, der derzeit stark in Bewegung ist. Denn angesichts steigender Treibstoff- und Materialkosten, Kosten für ihre Emissionen und teils ruinöser Konkurrenz muss sich die zivile Luftfahrt etwas einfallen lassen. So forschen zahlreiche Unternehmen und Institute in Europa und Nordamerika daran, die Luftfahrt weniger abhängig von fossilen Brennstoffen zu machen. So hob Ende 2009 in Italien ein von der EU-Kommission geförderter Flieger mit Brennstoffzellenantrieb ab. Der US-Flugzeugbauer Boeing hat lange an einem an einem ähnlichen Projekt gearbeitet und kürzlich sogar das Passagierflugzeug 737-800 mit Brennstoffzellen an Bord in die Luft geschickt.

„Flugzeugdesin wird nie wieder so sein wie zuvor“, schreiben die Experten der Technologieberatung IDTechEx in einem neuen Report, „angesichts des Drucks, den Planeten zu schützen, weniger Lärm zu produzieren, sich weniger abhängig vom Öl zu machen und deshalb die Industrie zu modernisieren – oder sie zusammenbrechen zu sehen.“ Die Zukunft gehöre elektrischen Flugzeugen. Immerhin 255 Seiten ist die Studie lang, und sie enthält alles, was es an elektrischer Luftfahrt heute schon gibt und bis 2022 voraussichtlich geben wird.

Zum Beispiel Bertrand Piccards Solarflieger – mit 1,6 Tonnen so leicht wie ein PKW, doch mit der Flügelspannweite eines Jumbo-Jets. Schon kurz nach dem Start schafft es Piccard durch den enormen Auftrieb auf 8500 Meter Höhe. Das Fluzeug kann Tag und Nacht fliegen: Tagsüber nehmen die Solarzellen mehr Energie auf, als gebraucht wird. Nachts treibt ein Akku die dann gedrosselten Propeller an.

Das ist bei Eric Raymond und seinem Freizeitflieger anders. Er fliegt bislang nur an schönen Tagen. Dafür kann er das Fenster öffnen und die Aussicht genießen, kann fotografieren und die Seele baumeln lassen. In 2014, sagt er, soll sein neuer Flieger auch fit für lange Strecken sein. Er plant Flüge Richtung Osten: Von seinem Standort in Slowenien will er über Griechenland, die Türkei und Georgien bis nach Kasachstan. Den "Sunseeker Duo" will er in Kleinserie produzieren – noch fehlt aber eine Finanzierung: "Wenn wir nicht mehr Geld von außen bekommen, sind wir Jahre von einer Produktion entfernt."

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