Milliardengeschenke: Die Industrie profitiert doppelt von der Energiewende

Milliardengeschenke: Die Industrie profitiert doppelt von der Energiewende

von Matthias Streit

Die Industrie klagt über steigende Strompreise: Dabei profitiert sie von Ausnahmen und sinkenden Börsenpreisen.

Vor gut einem Monat hatte Ulrich Grillo, Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), vor den Folgen der Energiewende für deutsche Unternehmen gewarnt. Die Energiepolitik bedrohe hunderttausende Jobs und könne zur Deindustrialisierung führen. Alles Übertreibung?

Laut einer heute von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) vorgestellten Studie, profitieren deutsche Industriebetriebe sogar von der Befreiung der EEG-Umlage im internationalen Wettbewerb. Damit bestätigen sich Ergebnisse früherer Studien.

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Fünf Milliarden Euro sparen sie schätzungsweise allein 2013 ein. Fast 2.400 Unternehmen wollen sich zudem im nächsten Jahr von der Umlage befreien lassen, im Vergleich zu 2.055 in diesem Jahr. Nimmt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle alle ihr vorliegenden Anträge an, könnten sich der Betrag im nächsten Jahr schon auf sieben Milliarden Euro steigern.

Damit privilegiere die Regierung schon ein Fünftel von den 600 Terrawattstunden Bruttostromerzeugung in Deutschland, also etwa 120 Terrawattstunden, schreibt die DUH.

Industrie profitiert - zahlt aber trotzdem vielGeld, für das die Steuerzahler und tausende weniger bevorzugte Unternehmen aufkommen müssen. Von den für 2013 prognostizierten EEG-Kosten tragen die Industriebetriebe gerade einmal 30 Prozent (6,1 Milliarden Euro), obwohl sie fast die Hälfte der Elektrizität verbrauchen.

Aber nicht alle Industrieunternehmen profitieren im gleichen Rahmen von der Entwicklung:

1. Laut dem veröffentlichten Strompreisindex des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sinkt der Strompreis für die Industrie seit 2011 beständig. Er liegt derzeit auf dem Niveau von 2005 und damit weit hinter seinem maximalen Ausschlag von 2008. Damals zahlten deutsche Industriebetriebe für ihren Strom so viel, wie kaum jemand sonst in Europa.

„Es ist schon merkwürdig: Während der VIK-Strompreisindex monatlich sinkt, jammert der Verband, der ihn erstellt, fast wöchentlich über zu hohe Strompreise“, sagt dazu Jürgen Quentin, Projektleiter Klimaschutz und Energiewende der DUH.

2. Trotz der gesunkenen Preise zahlen deutsche Industriekunden für ihren Strom im europäischen Vergleich immer noch viel. Hier reiht sich Deutschland mit Rang fünf im oberen Drittel ein.

3. Nach 2011 sanken aber besonders für energieintensive Unternehmen die Stompreise – dank EEG-Umlage und dem Merit-Order-Effekt. Acht Prozent günstigeren Strom beziehen seitdem Konzerne, die zwischen 70 und 150 Gigawattstunden Verbrauch aufweisen. Für Konkurrenten aus Italien oder Großbritannien etwa stiegen im gleichen Zeitraum die Kosten um jeweils knapp 16 Prozent.

4. Wenig profitieren in Deutschland jedoch kleine und mittelständische Unternehmen, die zwischen zwei und 20 Gigawattstunden verbrauchen. Bei ihnen erhöhten sich die Strompreise leicht um 2,4 Prozent.

Wettbewerbsfähigkeit nicht eingeschränktEin weiteres interessantes Ergebnis der DUH-Studie: In den USA lägen die Strompreise nach dem Schiefergasboom zwar niedriger als in Deutschland. Doch habe es wegen anziehender Erdgaspreise zuletzt eine Trendwende gegeben. Zudem leiden die USA unter einer schlechten Netzstabilität. Durchschnittlich kommt es pro Jahr zu acht Stunden Versorgungsunterbrechungen, während dieser Wert in Deutschland bei 15 Minuten liegt.

Die Studie hinterfragt ebenso die tatsächliche Stromkostenbelastung der deutschen Industrie. Einer Analyse des Bundesumweltministeriums zufolge liegt der durchschnittliche Kostenanteil aller Energiearten bei zwei Prozent des gesamten Bruttoproduktionswertes, also die Summe aller in Deutschland produzierten Güter und Dienstleistungen. Materialkosten und Personal fallen dagegen sehr viel stärker ins Gewicht.

Gleichzeitig räumte die Untersuchung ein, dass sich die Strompreise in den letzten Jahren stark verteuert haben. Die Benachteiligten seien dabei ohne Zweifel die Privatkunden. Ihre Kosten hätten sich seit der Jahrtausendwende verdoppelt – von 13,94 Cent pro Kilowattstunde auf heute durchschnittlich 28,51 Cent. Der Grund für den Anstieg läge aber nur zum Teil bei den erneuerbaren Energien. Tatsächlich habe diese Entwicklung schon lang vor dem Beschluss zur Energiewende eingesetzt.

Damit sich der Trend, Mehrkosten auf Steuerzahler abzuwälzen nicht fortsetzt, fordert die Deutsche Umwelthilfe nun eine Reform der EEG-Umlage. In erster Linie dürfe die Regierung nur noch jene Unternehmen von der Umlage befreien, die nachweislich im internationalen Wettbewerb stehen.

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