Neuartige Dämmung: Architekt isoliert Häuser mit Rohrkolben

Neuartige Dämmung: Architekt isoliert Häuser mit Rohrkolben

von Wolfgang Kempkens

Ökologisches Bauen liegt im Trend. Jetzt gibt es Bio-Dämmplatten aus einem ungewöhnlichen Material: Den Blättern einer Moorpflanze.

Rohrkolben, umgangssprachlich auch als Lampenputzer bezeichnet, sind völlig immun gegen Wasser. Kein Wunder, denn sie stehen darin und dürfen nicht faulen. Diese Resistenz nutzt der Architekt Werner Theuerkorn, um Häuser auf ökologische Weise zu dämmen. In einer kleinen Anlage im bayrischen Schönau nahe Pfarrkirchen produziert er mit seinem Unternehmen Typha-Technik – Typha ist der botanische Name des Rohrkolbens – aus Rohrkolbenblättern Trockenbauplatten. Sie haben einen hohen Wärmedämmwert, schimmeln nicht und können direkt verputzt werden. Selbst für die Innendämmung sind sie geeignet.

Die Herstellung ähnelt der von Holzwolle-Leichtbauplatten. Die Blätter des Rohrkolbens werden gespalten, in unterschiedliche Längen geschnitten und mit Magnesitbrei vermischt, der auch Sorel-Zement genannt wird. Das Material landet in einer mehr als zwei Meter langen und einen Meter breiten Form, in der ein Stempel es verdichtet. Nach dem Trocknen ist die Platte fertig.

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Anbau wie beim ReisMit 220 bis 320 Kilogramm pro Kubikmeter sind sie leichter als die meisten anderen Fabrikate. Das liegt am Aufbau der Blätter, deren Außenhaut ein luftiges Gewebe umschließt. Das Magnesit sorgt dafür, dass die Platten feuerfest sind. Theuerkorn stellt sie in Dicken von 20 bis 120 Millimetern her. Pro Kubikmeter kosten sie zwischen 654 und 1220 Euro. Der Quadratmeterpreis liegt bei einer 20-Millimeter-Platte bei rund 24 Euro, was deutlich teurer als herkömmliche Dämmmaterialien ist.

Den Rohstoff bezieht Theuerkorn aus dem rumänischen Donaudelta. Dort wächst Typha auf einer Fläche von etwa 30 Quadratkilometern. Wegen der Länge des Transportweges würde er einen deutschen Lieferanten bevorzugen. Noch aber wird Rohrkolben hierzulande nicht angebaut. Das kann sich allerdings ändern.

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hat bereits erfolgreiche Tests finanziert. Im Donaumoos bei Ingolstadt, einem der größten verbliebenen Moorgebiete Deutschlands, pflanzten Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Vegetationsökologie in Freising-Weihenstephan von Hand 110.000 Rohrkolbenpflanzen. Der Rohrkolbenanbau ähnele dem von Reis in Asien, heißt es. Auch dort werde mit nährstoffhaltigem Wasser überschwemmt und gleichzeitig gedüngt.

Noch fehlen Landwirte für den RohrkolbenanbauDas Überschwemmungswasser muss nicht einmal sauber sein. Typha, so fanden die Forscher heraus, fungiert als natürliche Kläranlage. Geerntet wird das Material mit einem so genannten Wetlandtruck, einer Maschine, die auf Raupen rollt, sodass der Druck auf den Boden so gering ist, dass er nicht verdichtet und damit zerstört wird.

Neue Rohrkolben wachsen direkt aus dem Wurzelgeflecht heraus. Da sich niemand fand, der den Rohkolbenanbau wirtschaftlich betreiben wollte, blieb es beim Test. Dabei, so Theuerkorn, wäre es durchaus lukrativ. Pro Hektar ließen sich jährlich 5000 Euro erlösen.

Was der Dämmstoff kann, das hat Theuerkorn in Nürnberg gezeigt. Der Architekt hat dort unter anderem mit dem Fraunhofer-Institut für Bauphysik die neuartigen Platten erfolgreich genutzt, um einen vergammelten Altbau in ein Schmuckstück zu verwandeln.

Die Biodämmer wurden zur Ausfachung genutzt, also zum Füllen der Leerräume zwischen den Balken des Fachwerkhauses, das als solches vor der Sanierung nicht mehr erkennbar war. Die Fassade war einfach verputzt worden. Die Sanierung versetzte es zurück in den Urzustand, mit einer Ausnahme: Es war weitaus besser wärmegedämmt. Typha-Platten dämmen etwa zehnmal effektiver als das Lehm-Stroh-Gemisch, das ursprünglich verwendet wurde.

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Lesetipp: Über den historischen Hintergrund der Nutzung des Rohrkolbens berichtet das Innovationsblog an dieser Stelle.

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