"Original Unverpackt": Supermarkt ohne Verpackungen eröffnet in Berlin

"Original Unverpackt": Supermarkt ohne Verpackungen eröffnet in Berlin

von Julia Schulte

250 Kilogramm Verpackungsmüll produziert jeder Deutsche im Jahr. Zwei Gründerinnen wollen die Verschwendung nun beenden.

Mitten in Kreuzberg, gegenüber dem Görlitzer Park, gibt es ab jetzt keine Verpackungen mehr. Jedenfalls in der Wiener Straße 16, wo am heutigen Samstag mit Original Unverpackt der erste Supermarkt Berlins ohne Schutzhüllen, Folien und unnötige Kunststoffummantelungen für die Produkte eröffnet. Die Gründerinnen Milena Glimbovski und Sara Wolf machten vor einigen Monaten Schlagzeilen, als sie mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne mehr als 100.000 Euro für Idee sammelten.

Nun ist das Geld investiert und der Supermarkt begrüßt die ersten Kunden. Auf etwa 90 Quadratmetern können sie künftig aus einem Sortiment von rund 350 Produkten wählen – natürlich alle ohne Verpackung.

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Zwar hat Original Unverpackt den Charme eines Tante Emma-Ladens. Aber das Projekt könnte ein erster, wenn auch kleiner Anfang sein, unnützen Verpackungsmüll aus den Regalen zu verbannen. Allein durch Supermarkteinkäufe produziert jeder Deutsche im Schnitt rund 250 Kilogramm Kunstoff- und Papierabfall pro Jahr. Für Glimbovski und Wolf ist das eine unnötige Verschwendung von Ressourcen – und ihr Laden in Berlin soll ein erster Schritt sein, um sie zu beenden.

Die richtige Immobilie in der richtigen Lage zu finden, war für Glimbovski und Wolf die größte Schwierigkeit der letzten Monate. Jetzt aber ist das Geschäft renoviert und die Gravity Bins, Behälter aus denen sich die Kunden Müsli oder Pasta abfüllen können, hängen fertig an der Wand. Daneben gibt es Spender für Kosmetikprodukte und Reinigungsmittel oder Öl, Gin und Vodka. Dazwischen quetscht sich künftig der Kühlschrank für lokale Bierspezialitäten, Milch und Tofu im Mehrwegglas. Ungefähr 80 Prozent der angebotenen Produkte sind Bio, wie die Gründerinnen erzählen, die kurz vor der Eröffnung ihres Supermarktes zum Rundgang geladen haben.

Die Verpackungsindustrie, die in Deutschland auf circa 200 Milliarden Verpackungen pro Jahr kommt, ist von dem Experiment wahrscheinlich nicht begeistert. Aber viele Lebensmittelhersteller werden nicht auf die Außenwerbung verzichten wollen, die Verpackungen bieten. Am Institut für Handelsforschung in Köln glauben die Wissenschaftler zudem, dass die Masse der Verbraucher zu bequem ist, um mehr Zeit für die Auswahl der Produkte und eigene Verpackungen mitzubringen.

Zahnpasta-Tabletten und Deo zum AbfüllenGlimbovski ist da optimistischer: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, kann sich aber umstellen. Beim Coffee to go hat es ja auch funktioniert, dass sich einige Kunden Mehrweg-Becher mit in den Laden bringen.“ Über mangelnden Zuspruch für ihr Konzept kann sich Original Unverpackt jedenfalls nicht beklagen. In Berlin ließen sich aus der Masse der über 38.000 Facebook-Fans sogar spontan Leute rekrutieren, die freiwillig bis drei Uhr nachts bei der Renovierung halfen und beim Aufbau anpackten.

Wer gerade nicht genug Stoffbeutel fürs Gemüse oder Mehrweg-Gläser für Mehl und Müsli dabei hat, kann sie im Laden auch kaufen. Für Deo zum Abfüllen gibt es den Roller im Regal darunter. Andere Produkte gibt es einfach in anderer als der gewohnten Form, wie Zahnpasta-Tabletten.

Wer selbst Behältnisse dabei hat, wiegt sie zunächst leer und dann gefüllt an der Kasse. Mehr Geld für den Einkauf soll niemand mitbringen müssen: „Wir wollen nicht teurer sein als ein konventioneller Supermarkt“, sagt Glimbovski. „Mangels Verpackungen haben wir andere Einkaufspreise. Einige Bioprodukte können wir sogar günstiger als etwa im Bioladen anbieten.“

Nicht alle Lieferanten können mitwachsenViele Produkte kommen vom Großhändler Terra Naturkost. Soweit möglich, stammen sie aus dem näheren Umland von Berlin, so dass die Verpackungswege kontrollierbar bleiben. Bei einigen Lebensmitteln wie Kaffee müssen sich die Gründerinnen aber darauf verlassen, dass die Partner ihr Versprechen, keine Einmal- und Wegwerfverpackungen zu nutzen, für die ganze Lieferkette einhalten. Andere Produkte, wie Tofu in Mehrweggläsern und die Kosmetiklinie, kommen von kleineren Lieferanten aus der Region. „Wir hoffen, dass die bei einer Expansion mitwachsen“, sagt Glimbovski.

Dass die beiden es nicht bei einem Laden belassen wollen, ist Glimbovski und Wolf schon vor der Eröffnung klar. Ihr nächster Supermarkt soll dann aber auch eine Käse- und Fleischtheke haben. Und das ist vielleicht der größte Unterschied zu ähnlichen Supermarkt-Projekten in Kiel und Bonn. Die beiden Gründerinnen aus Berlin wollen mit ihrer Idee das Einkaufsverhalten der Masse ändern und nicht nur das einer umweltbewussten Minderheit.

Ob die Zulieferer da mitspielen können, ist allerdings alles andere als sicher. Vincent Veltjens etwa, der mit Mutter und Großmutter das Kleinunternehmen Rosenrot und Feengrün betreibt und Marmeladen in Einweck-Gläsern liefert, kann sich das nicht vorstellen. Denn das Konzept des Familienbetriebs, das das Kochen in Kleinstmengen und das Beschriften der Gläser von Hand umfasst, wäre dann gar nicht mehr umsetzbar. Falls Original Unverpackt expandiert, werden sich die Gründerinnen nach neuen regionalen Partnern umsehen müssen. Ein zeitaufwendiges und kostspieliges Unterfangen.

Franchise-Anfragen aus Australien und SüdamerikaSorgen macht ihnen das nicht. „Wir bekamen sogar Franchise-Anfragen aus Australien oder Südamerika", erzählt Glimbovski. Zeit, sie zu beantworten, hatte sie noch keine. In den nächsten Monaten wollen sie erst einmal kostendeckend arbeiten. Dafür brauchen sie nach eigenen Schätzungen 100 Kunden pro Tag.

Dafür macht das siebenköpfige Team derzeit Überstunden. „Wochenenden gibt’s im Moment nicht“, sagt Glimbovski. Für die drei zusätzlich eingestellten Verkäufer möchte sie sich aber Debatten um schlechte Arbeitsbedingungen wie bei einigen Bio-Supermärkten ersparen: „Wir zahlen über Mindestlohn. Ob wir nach Tarif zahlen können, wissen wir aber noch nicht“, geben die Gründerinnen zu. Außerdem dürfen sich alle Mitarbeiter von dem bedienen, was im Laden übrig ist.

Foodsharing fürs UnverkäuflicheVon dem Projekt begeistert ist deshalb auch Valentin Thurn, Macher des Films "Taste the Waste", in dem er Lebensmittelverschwendung anprangert. Er hat die beiden Gründerinnen dazu bewegt, seine Initiative Foodsharing zu unterstützen. Was im Laden nicht verbraucht wird und wegen kurzer Haltbarkeit weggeworfen werden müsste, geht an seine Organisation, die die Lebensmittel kostenfrei weiterverteilt.

Für den ersten Tag träumen die Gründerinnen aber eigentlich vom ausverkauften Geschäft. Auch sonst ist die Mischung aus Optimismus und Idealismus überall im Laden spürbar. Ihre Planung geht aber weit über den Eröffnungstag hinaus. Die Gründerinnen können sich vorstellen, Produkte, die es noch nicht unverpackt gibt, eines Tages selbst herzustellen.

Und in zehn Jahren? „Bis dahin gibt es einen Unverpackt-Supermarkt in jedem Kiez, einen Unverpackt-Großhandel und ein Unverpackt-Gütesiegel“, sagt Glimbovski. „Und endlich auch unverpackte Soja-Milch!“

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