Phonebloks-Handy: Kampagne gegen Elektroschrott erreicht 380 Millionen Menschen

Phonebloks-Handy: Kampagne gegen Elektroschrott erreicht 380 Millionen Menschen

von Thiemo Bräutigam

Legoprinzip für's Smartphone. 1 Million Menschen sind von der Idee begeistert. Heute werden es 380 Millionen sein.

Auf einen Schlag knapp 400 Millionen Menschen anzusprechen, um für ein neues Produkt zu werben. Und das völlig kostenlos. Davon träumt jede Werbeagentur.

Genau das soll am Dienstag automatisiert um 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit passieren. Dann werden knapp eine Million Menschen die Idee für einen neues umweltfreundliches Handy, Phonebloks genannt, in verschiedenen sozialen Netzwerken teilen und - so hoffen sie - einen Aufmerksamkeits-Sturm auslösen (im Gegensatz zu den in sozialen Netzwerken verbreiteten Shit- oder Candy-Storms).

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Auf Facebook, Twitter und Tumblr wird die Nachricht dann gut 380 Millionen Menschen auf der ganzen Welt erreichen.

Hinter der Aktion steht der gelernte Industrie-Designer Dave Hakkens, der die Idee für Phonebloks entwickelt hat. Anfang September veröffentlichte er ein Video auf YouTube, in dem er die Funktionsweise des neuen Smartphones erklärt:



Mittlerweile ist das Filmchen über 16 Millionen Mal angesehen worden. Um noch mehr Aufmerksamkeit für das "Lego-Handy" zu erzeugen, startet Hakkens nach dem Klick-Erfolg jetzt eine Art globales Bürgerbegehren für seine Handy-Idee.

Technisch möglich macht die Aktion die Crowdspeaking-Plattform "Thunderclap" (zu Deutsch: Donnerschlag). Ähnlich einer Crowdfunding-Plattform können Menschen dort für ihre Ideen werben. Ziel ist es jedoch nicht, eine bestimmte Summe zur Finanzierung zu sammeln, sondern eine möglichst große Zahl von Menschen als Multiplikatoren zu gewinnen. An einem vorher festgelegten Tag wird dann automatisch und zeitgleich eine gemeinsame Nachricht in den sozialen Medien geteilt.

Doch was treibt die Internetaktivisten an? Wie schafft ein Einzelner es, Hunderttausende zu begeistern - für etwas so alltägliches wie ein Smartphone? Möglicherweise ist es das Bedürfnis nach einem Mobiltelefon, das exakt den Wünschen der Nutzer entspricht. Und zwar auch dann, wenn sich diese Wünsche ändern.

Alleskönner sind teuerBeim Kauf eines neuen Smartphones fragt sich der Kunde oft: Welches Gerät kann meine Wünsche am besten erfüllen? Einige Nutzer legen mehr Wert auf eine hochauflösende Kamera, andere wiederum auf einen starken Akku. Ein technischer Alleskönner ist meist nur für sehr viel Geld zu bekommen. Der Käufer muss sich entscheiden, ob er das Handy mit der besseren Kamera oder dem stärkeren Akku nehmen will. Dave Hakkens findet, dass das nicht sein sollte.

Ein Smartphone, das sich wie ein Puzzle zusammenstecken lässt, würde diese Entscheidung unnötig machen und gleichzeitig Elektroschrott vermeiden.

Deswegen ist Phonebloks ein Handy, das aus einzelnen Modulen besteht. Jede Komponente eines klassischen Handys soll austauschbar und damit dem Bedarf des Nutzers anzupassen sein: Ob größere Batterie, bessere Kamera, stärkerer Prozessor oder anderer Bildschirm. Das Phonebloks kann durch ein einfaches Steckprinzip jederzeit in seine Einzelteile zerlegt werden.

Das individuelle Design käme den Nutzern entgegen. Je nach Einsatzgebiet setzen sie den passenden "Blok" ein. Dave Hakkens gibt sich jedenfalls optimistisch und ruft Unternehmen dazu auf, gemeinsam an der Umsetzung zu arbeiten.

Auch die Kommentatoren des YouTube-Videos sind sich einig: Die Idee sei so gut, dass sie investieren würden.

Hakkens hingegen möchte kein Crowdfunding. Stattdessen will er mit dem virtuellen Donnerschlag zeigen, dass sich genügend Abnehmer für das Gerät finden würden. Machen genug Menschen mit, so der Gedanke, springt die Handyindustrie vielleicht auf den Zug auf.

Blok-Store statt App-Store"Phonebloks funktioniert nur als gemeinsames Projekt der großen Hersteller", ist der Erfinder des Phonebloks überzeugt. Apple, Samsung, Nokia und andere Handyhersteller müssten ihre Expertise gemeinsam einsetzen. Passend dazu soll, ähnlich eines App-Stores, ein Blok-Store für die Hardware angeboten werden. Ist das Handy zu alt, ließe sich ein Upgrade durchführen. Ist ein Teil kaputt, tauscht man es einfach aus. Außerdem kann der Nutzer am Ende entscheiden, von welcher Firma er welchen Blok einsetzen möchte. Auch spezifische Anwendungsgebiete wie Solarzellenbloks oder Ultraleichtbloks sollen so abgedeckt werden können.

So könnten sich auch wertvolle Ressourcen sparen lassen. Denn jedes Jahr landet tonnenweise Elektroschrott auf Deponien; manchmal sogar in den Weltmeeren. Dieses Jahr gehen nach Prognosen des Hightech-Verbands Bitkom 26 Millionen neue Smartphones über die Ladentheke. Lediglich 5 Millionen wurden 2012 in den Verwertungskreislauf zurückgeführt. Nach Schätzungen liegen in den deutschen Haushalten weitere 80 Millionen alte Geräte ungenutzt in den Schubladen.

Die Reparatur dieser elektronischen Geräte ist meist zu kostenintensiv oder für den Laien schlicht unmöglich. Ist bei herkömmlichen Handys ein einzelnes Teil defekt, zum Beispiel die Ladebuchse, landet das ganze Gerät daher meistens schon im Müll. Zwar bemühen sich Hersteller bereits um die Wiederverwertung dieser Teile, doch mit Phonebloks würden auch die Nutzer profitieren. Statt sich ein neues Mobilgerät zulegen zu müssen, würde es reichen, ein Ersatzteil zu verbauen. Und das kinderleicht und für jeden innerhalb von Sekunden machbar.

Vielleicht käme für den Herstellerverbund auch das bereits vorgestellte Fairphone in Frage. Es gilt als das erste Smartphone, dass dem Anspruch an Nachhaltigkeit genügt - jedenfalls soweit, wie es dem Hersteller bisher möglich ist. Das ist ganz im Sinne des Niederländers Dave Hakkens, dessen Phonebloks ebenfalls seinen Teil zur Vermeidung von Elektroschrott leisten würde.

Statt nach zwei Jahren ein neues Smartphone zu kaufen, weil einzelne Komponenten nicht mehr auf dem aktuellen Stand sind oder beispielsweise die Ladebuchse defekt ist, wird nur ein neues Modul benötigt. Ob der #Aufschrei für das Phonebloks reicht, um die Unternehmen aus der Reserve zu locken wird sich zeigen.

Außerdem stellt sich noch eine andere Frage: Wie realistisch ist das Gerät technisch überhaupt?

Darüber hat kürzlich das Fachmagazin PCtipp mit Jürg Luthiger und Dominik Gruntz von der Fachhochschule Nordwestschweiz gesprochen. Die Einschätzung der Mobilfunk-Experten: Machbar sei ein solches Gerät - ganz unproblematisch sei die Umsetzung aber nicht. Die Kommunikation zwischen den Bausteinen verschiedener Hersteller zum Beispiel, wäre schwierig zu gewährleisten. Das betrifft vor allem Schnittstellen - sowie Software-Kompatibilität. Klein und handlich wäre das Handy wegen der Steckfunktion wohl auch nicht.

Vorerst wird das Phonebloks, trotz Massenbegehren im Netz, deshalb wohl noch eine hoffnungsvolle Vision eines Designers und seiner millionenstarken Fangemeinde bleiben. Know-How, die Vision Wirklichkeit werden zu lassen, hätten die Handy-Hersteller allerdings.

In der Reihe WissensWerte des Vereins e-politik erschien zum Thema Smartphones und Nachhaltigkeit ein interessanter Animationsfilm:

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