Pioniere: Ein Ex-Banker mischt die Green Economy auf

Pioniere: Ein Ex-Banker mischt die Green Economy auf

von Jan Willmroth

Natur ist für ihn Kapital, hohe Verschuldung ein Kernproblem: Pavan Sukhdev, ehemaliger Top-Banker, kämpft für einen radikalen Wandel der Unternehmenskultur.

Pavan Sukhdev sieht nicht aus wie ein Weltverbesserer. Nach außen geht er immer noch als der Deutschbanker durch, der er bis vor wenigen Jahren war: Maßanzug, Seidenkrawatte, das Auftreten eines Topmanagers. Seine Ideen und Worte aber sind radikal. Wenn er spricht, wie am Dienstag auf der Nachhaltigkeitskonferenz SusCon in Bonn, ist von seinem Vorleben als Karrierebanker nichts mehr zu spüren.

Er redet über den Widerspruch zwischen Wachstumsglaube und Umweltausbeutung, über Werbung, die nicht informiert, sondern aggressiv zum Kaufen anregt, über Verschuldung, über Umweltsteuern. Er ist der ideale Botschafter für einen grünen Wandel – denn Unternehmenslenker nehmen ihn ernst und hören ihm zu.

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Bis vor Kurzem war Sukhdev Chef der Green-Economy-Initiative des UN-Umweltprogramms, wo er die Studie TEEB und den Green Economy Report verantwortete. Im September erschien sein Buch“Corporation 2020“, in dem er aufzeigt, wie ein grundsätzlicher Wandel der Unternehmenskultur möglich wäre. Das Buch ist Teil einer Kampagne, mit der er Manager und Politiker für seine Ideen gewinnen will.

Am Rande der Konferenz haben wir ihn gefragt, ob das nicht zu viel auf einmal verlangt ist.

Herr Sukhdev, Sie plädieren für einen radikalen Umbruch: Unternehmen sollen ihre Umweltauswirkungen messen und veröffentlichen, die Werbung soll verantwortungsvoll werden. Außerdem fordern sie, dass Verschuldung  begrenzt und die Entnahme natürlicher Ressourcen besteuert wird. Ist das nicht eine zu ambitionierte Vision?

Sukhdev: Nein, sie ist sogar noch schwach. Ich lasse mich davon leiten, was wir in zehn Jahren wirklich erreichen können. Und ich denke an die Zeit, die uns noch bleibt. Was die Ressourcen betrifft, stoßen wir bald an die Grenzen der Belastbarkeit unseres Planeten. Das gilt heute schon für das Klima, die Artenvielfalt, bald für Stickstoff und Phosphat, die in der Landwirtschaft unersetzlich sind. Wenn allein Marokko und Südafrika rund 50 Prozent des weltweit vermuteten Phosphors kontrollieren, sollte das ein Alarmsignal sein – weil wir uns abhängig machen.

Sie sprechen davon, dass zu viele Unternehmen zu sehr auf Kosten der Umwelt gewachsen sind. Das funktioniert aber noch ziemlich gut. Wie wollen Sie bei denen ein radikales Umdenken provozieren?

Sukhdev: Um das Verhalten der Unternehmen zu ändern, müssen wir ihr Umfeld ändern. Das Umfeld von Unternehmen besteht aus Politik, Preisen und Institutionen. Vor allem aber ist es eine Politikfrage. Ein Beispiel: Der wichtigste Preis, den wir ändern müssen, ist die Besteuerung. Das machen wir heute falsch: Wir besteuern Wertschöpfung, wir besteuern Jobs, Güter, aber nicht die Zerstörung der Umwelt ...

...also das, was Volkswirte als negative externe Effekte bezeichnen, wie beispielsweise Luftverschmutzung...

Sukhdev: ...genau, oder eben die Folgen der Ressourcenausbeutung. Eine weitere Sache sind die Berichtspflichten von Unternehmen. Heute berichten Großkonzerne nur über ihre finanziellen Aktivitäten. Gut, es gibt zu Weihnachten eine Flut von Nachhaltigkeits-Berichten, die kaum jemand liest. Was wir jetzt brauchen, sind Berichtspflichten über diese externen Effekte. Das Konzept kennen wir aus der Wissenschaft seit mindestens 40 Jahren. Es ist idiotisch, das weiter zu ignorieren.

"Wir haben aus unseren Krisen nichts gelernt"Sie kämpfen auch gegen Verschuldung. Warum? Ohne Schulden wären wir nicht so schnell so weit gekommen, auch die grüne Wirtschaft nicht.

Sukhdev: Ich kritisiere vor allem das heutige Modell eines weltweit tätigen Konzerns, dessen Größe Maßstab des Erfolgs ist. Dieses Modell ist im Wesentlichen von Verschuldung angetrieben: Sie können sich Geld leihen und in so vielen Ländern investieren, wie sie wollen. Verschuldung ist viel zu einfach, wir müssen sie begrenzen. Und dabei rede ich nicht nur von Banken, die zu groß sind, um sie untergehen zu lassen – das sind inzwischen auch Konzerne.

Eine Forderung, die spätestens seit der Finanzkrise von 2007 viele äußern. Passiert ist aber kaum etwas. Brauchen wir noch mehr Krisen, damit Ihre Worte gehört werden?

Sukhdev: Krisen bringen die Leute zum Nachdenken, das ist schon mal der erste Schritt. Gelernt haben wir aber nichts. 2001 war die Reaktion der Zentralbanken die gleiche wie 2008 und heute: Sie haben immer mehr Geld gedruckt und das Schuldenmachen wieder erleichtert. Das wird nicht funktionieren. Ein Investor sagte mir einmal den schlauen Satz, das sei wie einem Alkoholkranken immer mehr Alkohol zu geben, um ihn zu heilen.

Offensichtlich ist die Politik zu zaghaft. Wenn aber das schon so ist, wie wollen Sie dann etwa die großen Bergbau- und Saatgutkonzerne zum Umdenken bewegen?

Sukhdev: Zwei Punkte: Sie müssen erstens das drohende Unheil erkennen. Und sie müssen sehen, dass es in ihrem Interesse ist, wenn sie ihre Ausrichtung als Konzern ändern und Wachstum und finanzielle Profite nicht mehr über alles stellen. Es hat keinen Sinn, arme Bauern zu zermürben, indem man sie zwingt, immer neues Saatgut, immer mehr Pestizide und immer mehr Dünger zu kaufen, bis es ohne staatliches Geld nicht mehr geht.

Ist der Wandel auch eine Generationenfrage?

Sukhdev: Ich glaube schon, dass jüngere Generationen besser begreifen können, in welche Richtung wir gehen müssen. Aber, wie Al Gore einmal sagte: Es ist schwierig, etwas zu verstehen, wenn mein Job davon abhängt, es nicht zu verstehen. Es gibt noch sehr viele Leute in Unternehmen, die aus persönlichen Interessen die Realität nicht verstehen wollen. Können wir diese Verweigerung akzeptieren? Nein, wir müssen als Gesellschaft das Wort ergreifen und diesen Leuten sagen: Kommt endlich in der Wirklichkeit an!

Linktipps:

Das Manager Magazin hat im Oktober ein bemerkenswertes Porträt über Sukhdev veröffentlicht.

Sukhdev bloggt und twittert auch.

Und so spricht er:

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