Recycling: Altkleider-Wolle für die Textilindustrie

Recycling: Altkleider-Wolle für die Textilindustrie

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Recycling-Wolle ist von neuen Fasern kaum zu unterscheiden. (Foto: re:newcell)

von Jonas Gerding

Die Textilindustrie lechzt nach Stoffen – ein schwedisches Unternehmen hat nun eine effiziente Recycling-Methode für Altkleider gefunden.

Wieder einmal sind sie die Ersten. Bereits 2014 ist Re:newcell eine Premiere gelungen. Das schwedische Unternehmen produzierte das erste vollständig aus recycelten Stoffen produzierte Kleidungsstück: ein gelbes Kleid, das als "yellow dress" in der Textilbranche für Aufsehen sorgte.

Nun will das Start-up aus Kristinehamm erneut Vorreiter sein und arbeitet an der Recycling-Massenproduktion. Im großen Stil wollen sie nun Stoffreste in eine baumwollähnliche Watte verwandeln, die die Textilindustrie zu Kleidung weiterverarbeiten kann. In einem Fabrikgebäude, etwa zwei Stunden von Stockholm entfernt, geht im Frühjahr 2017 die erste Produktionsstraße in Betrieb.

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Moment, hatten wir das nicht längst? Hat nicht haben H&M mit einer Recyclingaktion während der Fashion Revolution Week in ihren Filialen große Boxen aufgestellt, um mindestens 1000 Tonnen alter Klamotten einzusammeln?

Ja, schon. Aber: Deren Verfahren hat einen entscheidenden Nachteil. H&M muss die Stoffe in winzige Teilchen zerstückeln – in Fasern, die so kurz sind, dass sie nicht alleine wieder zu Fäden versponnen werden können. Ihnen muss eine größere Menge frischer Baumwollfasern beigemengt werden. Der Anteil der recycelten Baumwolle liegt nur bei 20 Prozent.

Den Kreis schließen

Keine Frage, das ist immer noch besser als der Mülleimer. Dem langfristigen Anspruch, den Verwertungskreislauf zu schließen, wie der Werbeslogan "Close the Loop" suggerieren soll, wird H&M aber noch nicht gerecht. Diese Vision wäre erst erreicht, wenn Materialien immer wieder aufs Neue recycelt werden könnten – ohne, dass neue Ressourcen dem Kreislauf hinzugefügt werden müssten.

Das "gelbe Kleid" war ein Recycling-Prototyp des schwedischen Start-ups re:newcell - und ein Blickfang. (Foto: re:newcell)

Das "gelbe Kleid" war ein Recycling-Prototyp des schwedischen Start-ups re:newcell - und ein Blickfang. (Foto: re:newcell)


Fancy und recycelt: Das "yellow dress" ließ die Textilbranche aufhorchen (Copyright: Re:newcell)

Seit 2012 arbeitet Re:newcell an der nötigen Technologie für diese Ambition. "Wenn wir ein T-Shirt aus hundert Prozent Cellulosefasern bekommen, können wir daraus ein ganz neues herstellen", sagt Louise Norlin, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit der schwedischen Firma kümmert. Sie erwähnt die Materialzusammensetzung, weil manchen Stoffen Polyester beigemischt ist, das erst getrennt werden muss.

Im Gegensatz zu H&Ms herkömmlichen Textil-Recycling setzt das junge Tech-Unternehmen auf chemische Prozesse, die – vereinfacht ausgedrückt – so ablaufen: Textilstoffe werden grob zerschnitten, in einen großen Bottich geworfen und mit einer speziellen Mischung verschiedener Chemikalien zu winzigen Fasern zersetzt. Nachdem weitere Chemikalien zugeführt wurden, trocknet der Brei zu einer watteartigen Substanz, die der gewöhnlichen Baumwolle ähnelt. Die kann dann von anderen Unternehmen zu Garnen gesponnen, verwoben, gefärbt, zurechtgeschnitten und zu Kleidung vernäht werden.

Anfangs wollen sie 7.000 Tonnen davon jährlich produzieren. In einer Produktionsstraße, die sie acht Millionen Euro kostet. Norlin beteuert, dass damit genauso hochwertige Kleidung wie mit normaler Baumwolle produziert werden könnte – zu nur leicht höheren Kosten.

Baumwollanbau als Bedrohung

"Unsere Kernkompetenz ist die Technologie", sagt Norlin, womit sie vor allem eins meint: Zu Stoffen verarbeitet und zu Kleidung gefertigt wird die Watte von anderen Textilunternehmen. So eines könnte die österreichische Lenzing AG sein. Sie arbeiten nicht mit den Klassikern wie Baumwolle oder Polyester, sondern mit den Fasern von Baumstämmen.

Diese als Viscose oder Lyocell bekannten Textilfasern haben bislang einen geringen Marktanteil. Für deren Produktion braucht es die gleichen Maschinen, die auch in der Lage sind, die wundersame Watte aus Schweden zu verarbeiten. Herstellern von Vliesstoffen könnten sie auch zuliefern. Mit wem Re:newcell konkret kooperieren möchte, darüber schweigt das Unternehmen aber noch.
Für zwei Szenarien bietet sich Re:newcell an: Sie können die Reste recyceln, die in der Kleidungsproduktion anfallen. Etwa 15 Prozent der Stoffe würden normalerweise im Müll landen, sagt Norlin. Zum anderen ermöglichen sie die Wiederverwertung bereits getragener Klamotten, die in ungeheuren Mengen ausrangiert oder weggeworfen werden. Auch die Altkleidertonne schafft da nur vorübergehend Entlastung. Denn schließlich landet jedes Kleidungsstück im Müll.

Immenser Bedarf sichert das Geschäftsmodell

Das Start-up aus Schweden handelt wirtschaftlich und idealistisch zugleich. "Weltweit werden heute etwa 90 Millionen Tonnen Textilfasern produziert", sagt Norlin über den gigantischen Bedarf von Baumwolle, Polyester und ähnlichen Materialien für die Textilproduktion."Um 2050 herum wird eine Nachfrage von 250 Millionen Tonnen erwartet". Einerseits ergibt sich daraus ein riesiges Geschäftspotential; andererseits jedoch eine Bedrohung für Mensch und Umwelt.

"Man geht davon aus, dass der Baumwollanbau bereits seinen Höhepunkt erreicht hat – und konkurriert um Land für die Produktion von Lebensmittel", warnt Norlin. Polyester hingegen ist auf die begrenzte – und wenig umweltfreundliche – Ressource Erdöl angewiesen. Die Textilindustrie steckt in einer Sackgasse. Recycling könnte der notwendige Ausweg sein.

Das gelbe Kleid von Re:newcell mag ein aufwendiges Einzelstück gewesen sein. Ihre geplante Produktionsstraße hingegen rückt die Vision der geschlossenen Produktionskreisläufe ein Stück näher.

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