Recycling: Ein Jungunternehmer macht aus Windeln Parkbänke

Recycling: Ein Jungunternehmer macht aus Windeln Parkbänke

von Benjamin Reuter

Windeln, Kaugummis, Zigaretten: Das Startup Terracycle sammelt tonnenweise Müll, der zu neuen Produkten wird.

Tom Szaky, 31, ist so etwas wie der grüne Shooting-Star der USA. Als Pionier der Wiederverwertung hat er die Amerikaner als einer der ersten mit seinem 2001 gegründeten Startup Terracycle für das Recycling begeistert. Anfangs verfütterte er nur Küchenreste aus der Uni-Mensa an Würmer und verkaufte anschließend deren Exkremente als Dünger an Großhandelsketten wie Walmart. Auf die Idee gebracht hatten ihn Freunde, die mit dem Wurmmist ihre Marijuana-Pflanzen düngten. Dann erkannte Szaky, dass sich das Prinzip Kreislaufwirtschaft noch ausdehnen lässt.

Heute betreibt Terracycle kostenlose Sammelprogramme für verschiedensten Abfall wie Stifte, Trinktüten und Kaugummis in 21 verschiedenen Ländern, an denen insgesamt 32 Millionen Menschen teilnehmen. Die Programme werden von mehr als 100 Großunternehmen gesponsert. In Deutschland hat Terracycle zum Beispiel seit 2011 mehr als 300.000 Plastikstifte eingesammelt.

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Die Idee hinter seinem Müll-Imperium ist einfach: Schulen, Vereine oder Privathaushalte können sich auf der Terracycle-Web-Site registrieren und dann die Abfälle portofrei an Terracycle schicken. Ihnen wird dafür ein kleiner Geldbetrag gutgeschrieben und an eine gemeinnützige Organisation gespendet. So kamen bisher knapp sieben Millionen Dollar an Spendengeldern zusammen. Den Müll vermittelt Terracycle an die Unternehmen, die ihn zu Rohstoffen und Produkten weiterverarbeiten.

Im Interview mit WiWo Green spricht Szaky über seine Recycling-Pläne für Deutschland und wie sich das Geld verdienen mit einem einen nachhaltigen Geschäftsmodell vereinen lässt.

Die Deutschen sind beim Recycling führend in Europa. Kann man da überhaupt noch etwas besser machen?

Tom Szaky: Tatsächlich, für Recycling ist Deutschland vielleicht der beste Markt der Welt. Dennoch gibt es Verbesserungsbedarf: Interessanterweise werden selbst in Deutschland immer noch über 50 Prozent des Abfalls von Konsumenten nicht wiederverwertet, sondern in Müllverbrennungsanlagen zur Energieerzeugung genutzt. Genau diesen Müll wollen wir von den Menschen haben.

Bisher lassen Sie sich in Deutschland vor allem Stifte, Trinktüten von Capri-Sonne und Druckerpatronen schicken. Was ist als nächstes geplant?

Szaky: Wir werden in den kommenden Monaten ein Recyclingsystem für Zigaretten und gebrauchte Zahnpastatuben und Zahnbürsten aufbauen. Daran sieht man schon: Wir haben es auf Sachen abgesehen, die bisher nicht verwertbar waren.

Und was wird aus den Zigaretten?

Szaky: Die Zigaretten werden in einen organischen Teil und einen anorganischen Teil getrennt. Aus dem Tabak, der Asche und dem Papier wird Dünger für die Landwirtschaft gemacht. All die anorganischen Bestandteile, wie der Filter, werden zu Plastik für Fabrikanwendungen.

Könnte man aus den Kippen nicht auch Plastikflaschen machen?

Szaky: Eher nicht. Denn das Plastik riecht immer noch nach Zigarette. Das Programm gibt es übrigens schon in den USA, Kanada und in Spanien. Derzeit sammeln wir im Jahr zwischen drei und fünf Millionen Stummel ein. Ich schätze, die Zahl könnte sich in den nächsten Jahren verzehnfachen. Aber nicht nur alte Zigaretten begeistern mich derzeit.

Was noch?

Szaky: Wir haben auch ein Programm, um alte Kaugummis wiederzuverwerten. Daraus machen die Unternehmen, die mit uns zusammenarbeiten, Müllbehälter. Die bestehen zu 20 Prozent aus den Kaugummis und zu 80 Prozent aus anderem recyceltem Plastik, zum Beispiel aus Chipstüten. Auch Windeln sammeln wir ein. Aus denen werden dann Parkbänke und Plastikzäune.

Planen sie auch weitere Programme für Deutschland?

Szaky: Ja, wir sind derzeit mit rund 100 Unternehmen im Gespräch, die ihre Abfälle mit uns recyceln und das Konzept sponsorn wollen. Wir können aber noch nicht sagen, welche.

Welche Produkte gibt es denn schon in Deutschland zu kaufen?

Szaky: Neben einer Mülltonne werden unter anderem auch Gießkannen und Stiftehalter aus dem Abfall gemacht. Aber auf die Produkte nehmen wir keinen direkten Einfluss. Unsere Aufgabe ist es ja, den Müll einzusammeln und die Menschen oder Unternehmen dazu zu bringen, ihn uns zu schicken. Sie sollen Sammelgemeinschaften in Büros, Sportklubs, Universitäten und Schulen bilden.

Sie haben mal gesagt, dass es für Sie am wichtigsten ist, in einem Job „viel Geld zu verdienen“. Verträgt sich das mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell?

Szaky: Da hat der Journalist meine Aussage komisch interpretiert. Mein Ziel ist es, zu zeigen, dass man auf Wachstum und Wirtschaftlichkeit setzen, aber gleichzeitig etwas für die soziale Entwicklung und für den Umweltschutz tun kann. Ich will zeigen, dass man auch mit einem verantwortungsvollen Geschäft Geld machen kann.

Was machen Sie denn privat, um nachhaltiger zu leben?

Szaky: Ich glaube, wir konsumieren alle zuviel. Ich versuche nichts mehr zu kaufen, was schnell weggeworfen werden muss. Ich konzentriere mich auf haltbare Sachen, zum Beispiel bei Kleidung. Noch besser ist es, wenn ich sie gebraucht finde. Diesen Umstieg von Wegwerfprodukten zu haltbaren und, wenn möglich, gebrauchten Dingen kann jeder leicht machen.

Terracycle ist vor mehr als zehn Jahren gestartet. Wie geht es weiter?

Szaky: Wir wollen demnächst in Australien, Japan und Südkorea starten und noch viel mehr unterschiedliche Arten von Müll einsammeln. Wenn wir damit erfolgreich sind, ist das schon viel mehr, als ich mir am Anfang erträumt habe.

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