Reverse Innovation: Die nächste Stufe der globalen Energiewende

Reverse Innovation: Die nächste Stufe der globalen Energiewende

von Eike Wenzel

Günstige und praktische Technologien kommen häufig aus Schwellenländern. Das könnte die Energieversorgung verändern.

Eike Wenzel gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. An dieser Stelle schreibt er über das Konzept der Reverse Innovation.

Die Energiewende stellt radikal neue Anforderungen an unser Technologieverständnis. Ohne permanente technologische Fortschritte wird uns der Sprung in eine Welt der regenerativen Ressourcennutzung nicht gelingen. Deutschland beziehungsweise Mittel- und Nordeuropa galten bis vor kurzem als das Zukunftslabor der Energiewende.

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Diese Avantgarde-Rolle wird jetzt durch vorgeschobene Kostenargumente und das parteienübergreifende Bedienen von Lobbyinteressen in Frage gestellt. Andererseits herrscht breiter Konsens darüber, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und der Bauplan der Energiewende einen neuen Ansatz brauchen. Deswegen sprechen viele jetzt von Energiewende 2.0.

Aber wie geht es weiter mit dem weltweiten Umbau der Energiewirtschaft?

Der nächste Schritt könnte uns dahin führen, dass sich die ehemalige „1. Welt“ als Gravitationszentrum der Energiewende verabschiedet. Entscheidende Innovationen auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien, das zeichnet sich ab, könnten in den nächsten Jahren von den Rändern der Welt kommen. Damit einhergehen könnte eine Gleichgewichtsverlagerung der gesamten Weltwirtschaft.

Das Stichwort dafür lautet „Reverse Innovation“. Ein neues Schlagwort im Wörterbuch der Innovationsrhetorik.

Disruptive Innovationen definieren Marktgesetze neu

Was in den vergangenen Jahren als letzter Schrei auf internationalen Konferenzen und durch Strategiepapiere geisterte, war das Modell der disruptiven Innovationen. Es geht auf die Untersuchungen des Harvard-Ökonomen Clayton Christensen zurück, der dort markterschütternde Neuerfindungen am Werk sieht, wo technologische Innovationen innerhalb kürzester Zeit die hergebrachten Gesetze des Marktes aushebeln.

Am besten lassen sich die disruptiven Innovationen immer noch mit der Einführung des mittlerweile fast in Vergessenheit geratenen iPods im Jahr 2001 erklären. Das Abspielgerät für Musik nutzte auf geniale Weise die Perfektionierung der MP3-Technologie durch das Fraunhofer-Institut.

Apple-Boss Steve Jobs wusste zur damaligen Zeit schon, dass bei den Plattenmajors die nackte Angst vor der Musiktauschbörse Napster und dem Filesharing grassierte. Er holte die kriselnden Plattenverkäufer an Bord und köderte sie darüber hinaus mit iTunes, einer Software, die es gestattet, jeden Musiktitel einzeln zu kaufen und abzuspielen.

Wir alle kennen den bahnbrechenden Erfolg dieser Innovation. Seit der Einführung des iPods gehorcht die Musikindustrie völlig neuen Marktgesetzen. Ein innovativer Dreiklang (MP3-Technologie, iTunes-Software und der Niedrigpreis von 99 Cent für einen Titel) hat die Musikindustrie revolutioniert.

Eine Energiewende made by Apple wird es nicht geben

Leider zeichnet sich die Apple-isierung der Energiewende für die kommenden Jahre nicht ab. Eine neue Energie- und Ressourceninfrastruktur lässt sich nicht nur mit einer großartigen Software-Idee und einer technologischen Innovation herbeizaubern. Dafür brauchen wir in den kommenden Jahren ein ganzes Arsenal an technologischen Durchbrüchen, Software-Innovationen und klugen Geschäftsmodellen. Reverse Innovation könnte für die Energiewende zu dem werden, was die disruptiven Innovationen in den vergangenen zehn Jahren in der Internetindustrie waren.

Jeffrey Immelt, CEO von General Electric, hat wohl als erster den Begriff „Reverse Innovation“ gebraucht. Reverse Innovations nutzen Ausgangstechnologien, die in der Regel nach wie vor in der 1. Welt entwickelt werden, um sie in Schwellenländern passgenau zu implementieren. Entsprechend hat sich General Electric als Ausgangspunkt für das eigene Innovationshandeln (Medizintechnik, Motoren, Windkraft etc.) nicht die Highend-Bedürfnisse der westlichen Mittelschichten (wie beim iPod) genommen, sondern die basalen Bedürfnisse der Menschen in den unterentwickelten Schwellenländern.

Reverse Innovation: „Ganz-gut“-Produkte für die ganze Welt

Bislang funktioniert die clevere Technologierevolution für die Armen und globalen Emporkömmlinge vor allem auf dem Gebiet der Medizintechnik. General Electric hat beispielsweise ein EKG-Gerät in Indien hergestellt, das mobil einsetzbar und zu einem wesentlich günstigeren Preis zu haben ist als ähnliche EKG-Apparate in Europa oder Nordamerika. Im John F. Welch Technologiezentrum in Bangalore hat der amerikanische Konzern die eigenen technologischen Kompetenzen und die Fertigkeiten der indischen Ingenieure vor Ort verschmolzen.

Reverse Innovation wird dann zu einem profitablen Geschäftsmodell der Zukunft, wenn technologische Innovationen den konkreten Gegebenheiten und Bedürfnissen vor Ort angepasst werden. Das in Bangalore hergestellte Billig-EKG namens „Mac 400“ hat einen hochgradigen Gebrauchswert im indischen Alltag, da es leicht zu den Patienten transportierbar ist und sich nicht auf die quasi nicht vorhandene indische Krankenhausinfrastruktur verlassen muss.

Die Zusammenarbeit indischer und amerikanischer Ingenieure im Dienste von General Electric hat dafür gesorgt, dass mit dem Gerät die Pro-Patient-Kosten auf rund einen US-Dollar absinken. Das Mac 400 kostet nur noch 800 US-Dollar, ein ähnliches Gerät in den USA dagegen 2.000 US-Dollar und mehr. Reverse Innovation funktioniert im indisch-amerikanischen John F. Welch Technology Center auch bereits im Flugzeugbau. Hier ist es dem transnationalen Ingenieurteam gelungen, die Entwicklungszeit von Flugzeugmotoren von zwanzig auf zehn Jahre zu verkürzen und den Kraftstoffverbrauch der Motoren um 30 Prozent zu verringern.

Suzlon: Indischer Windpionier wider Willen

Im Windturbinenbau funktioniert Reverse Innovation ebenfalls. Eingeführte Technologien werden vorausschauend den Bedürfnissen vor Ort angepasst. Der indische Windturbinenhersteller Suzlon hat seine Wachstumsstrategie sehr clever auf Reverse Innovation ausgerichtet. Suzlon ist zwar nicht durch Zufall in der Windenergiebranche gelandet, aber über die Entdeckung eigener Produktionsengpässe.

Als zu Beginn der 1990er-Jahre die Energiekosten für die Textilproduktion (Suzlons Stammgeschäft) bedrohlich anstiegen, installierte das Unternehmen in seinem Werk in Gujarat zwei Windturbinen. Indien war zu diesem Zeitpunkt ein Drittwelt-Land mit einer katastrophalen Energieinfrastruktur, ein verlässliches Stromnetz existierte nicht. An Erneuerbare Energien zu halbwegs erschwinglichen Preisen war schlechterdings überhaupt nicht zu denken.

Suzlon identifizierte Mittel und Wege für ein solches mutiges Zukunftsprojekt und verwandelte sich von einem Textilproduzenten zu einem Energiespezialisten, der verstanden hat, was produzierende Unternehmen in Drittweltländern dringend benötigen: nachhaltige Energie zu erschwinglichen Preisen.

Reverse Innovation im Sinne von Suzlon bedeutet, dass das Unternehmen begriffen hat, dass es ohne ein individuelles und passgenaues Energiesystem für die eigenen Zwecke nicht mehr weiter kommt. Aus dieser schwierigen Lage heraus hat es Pioniergeist und Expertise entwickelt.

In gewisser Weise steckt hinter der Idee von Reverse Innovation nichts anderes als intelligente Prozessoptimierung, die präzise auf lokale Anforderungen reagiert. Nicht in erster Linie also bahnbrechende Neutechnologie, sondern als geniale Implementierung. Reverse Innovation könnte für die Erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren deshalb so wichtig werden, weil das Konzept Effizienz und Nachhaltigkeit statt Highend und Glamour verspricht.

Reverse Innovation ist die Kunst des Machbaren – für eine nachhaltige Energiewelt

Disruptive Innovationen sind bei der Verwirklichung der Energiewende natürlich in hohem Maße willkommen. Wir können uns jedoch nicht nur auf diese Sternstunden der Highend-Technologie verlassen. Was wir ebenso nötig brauchen, das sind mutige Vorstöße, die ganz im Sinne von Reverse Innovation Prozesse optimieren und in das Machbare verliebt sind.

Und das heißt: Nicht nur Technologien zu verscherbeln, sondern sie effektiv den jeweiligen Gegebenheiten vor Ort (in Afrika, Indien, China, Malaysia...) anzupassen. Es liegt auf der Hand, dass Reverse Innovation seine Margen dann auch nicht nur vor Ort einspielt. Reverse Innovation heißt, dass eine „Ganz-gut“-Technologie, die vor Ort in den Schwellenländern reüssiert hat, natürlich auch in die erste Welt re-exportierbar ist. Und auf diesen umkämpften Märkten werden Produkte aus der Welt der Reverse Innovation in der Regel durch bahnbrechend niedrige Preise hervorstechen.

Die Suzlon-Story zeigt außerdem, dass der Kampf um rund 1,5 Milliarden Menschen in den Schwellenländern, die kaum oder nur sehr limitiert Zugang zu verlässlicher Energie haben, zu einem profitablen Geschäft werden kann. 84 Prozent dieser unterversorgten Menschen leben in ländlichen Regionen. Und diese Regionen werden auf absehbare Zeit über keine funktionierenden Stromnetze verfügen. Heißt, das überwiegende Maß an Energie wird lokal vor Ort und auf Basis von erneuerbaren Energien erzeugt werden müssen. Suzlon hat diesen gigantischen Versorgungsengpass mehr oder weniger durch Zufall, aber rechtzeitig erkannt.

Wie Reverse Innovation das globale Energieszenario verändern wird?

Reverse Innovation (ob ausschließlich von lokalen Firmen oder in internationalen Kooperationen) verschafft Zugang zu noch nicht abgegrasten Märkten, schafft Raum für Weiterentwicklungen und findet zumindest teilweise unter Entlastung von Wettbewerbsdruck statt.

Denn die Erneuerbaren Energien müssen in den Schwellenländern nicht mit den subtilen Strategien der Kohle- und Atomlobby konkurrieren. Sie sind ein Eldorado für Erneuerbare Energien, gigantische Absatzmärkte für Experten, die sich beispielsweise mit der Installation von Windturbinen auskennen. Und die Installation der modernen Windmühlen ist ein hoch komplexer Vorgang. Hierbei zählt nicht nur der günstigste Stückzahlpreis (wie bei Solarpanelen), hier sind hoch spezialisierte Ingenieur- und Technikerdienstleistungen gefragt.

Bahnbrechende Innovationen in der Grundlagenforschung werden wohl auch noch in den nächsten 20 Jahren zuallererst in Europa und Nordamerika an den Start gebracht. Die ganzheitliche Wertschöpfung wird - auf der Basis von Reverse Innovation - jedoch grundlegend anders vonstatten gehen.

In gewisser Weise liegt mit dem chinesischen Boom in der Solarbranche ebenfalls ein Fall von Reverse Innovation vor. Auch hier liefern die technologisch recht banalen und günstig herstellbaren Solarpanele die Grundlage für eine unschlagbare Massenmarktstrategie. Dass dadurch die erfolgstrunkene deutsche Solarindustrie in kürzester Zeit zerschlagen wurde, sollten den Technologieunternehmen hierzulande zu denken geben.

Bis ins Jahr 2030 könnte die Elektrifizierung der Welt abgeschlossen sein. Bis dahin werden laut IEA World Energy Outlook pro Jahr Investitionen von 34 Milliarden US-Dollar nötig sein. Enorme Chancen, enorme Herausforderungen. Mit den vorhandenen Geschäftsmodellen werden die Siemens', Boschs und viele weitere hier indes nicht erfolgreich sein. Gerade in Afrika, das 60 Prozent der 1,5 Milliarden Menschen ohne Strom ausmacht, bieten Erneuerbare Energien (vor allem Wind und Sonne) enorme Wertschöpfungspotenziale.

Reverse Innovation ist die Kunst des Machbaren. Der Ansatz passt perfekt in die hierzulande ins Stocken geratene Weiterentwicklung der Erneuerbaren Energien. Reverse Innovation zielt mit seinen Machbarkeitsprodukten (in der Medizintechnik, aber sicher auch auf dem Energiesektor) auf die nächsten zwei Milliarden Menschen der neuglobalen Mittelschicht, die sich jetzt herausbildet.

Wind- und Solarenergie für diese Menschen zu produzieren, könnte aus der deprimierenden Energiedebatte hierzulande in den kommenden zehn Jahren einen gigantischen Wachstumsmarkt machen.

Wer Reverse Innovation richtig versteht, dem geht es darum, saubere Energie als transkulturelles Empowerment für den gesamten Planeten zu liefern. Hiesige Unternehmen, die sich zunächst auf die Erneuerbaren Energiequellen stürzten, um sich anschließend wieder frustriert davon zu verabschieden, sollten schnellstens prüfen, ob sich mit Reverse Innovation ein neues Geschäftsmodell abzeichnet, das der Debatte um die – globale – Energiewende im eigenen Unternehmen neue Schubkraft geben könnte. Es geht um die Lebensgrundlagen für die ganze Welt.

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