Solarindustrie: Warum sie in Deutschland kaum Zukunft hat

Solarindustrie: Warum sie in Deutschland kaum Zukunft hat

Hochmut, starke Chinesen, fehlende Innovationen: Die deutsche Solarindustrie ist kaum noch zu retten, sagt unser Kolumnist.

Von Dirk Volkmann. Der Analyst und Berater arbeitet seit Jahren für Unternehmen aus der Solarbranche im In- und Ausland.

Schon im Jahr 2011 waren die weltweiten Investitionen in Erneuerbare Energien auf ein neues Rekordniveau gestiegen: von insgesamt 257 Milliarden Dollar flossen allein 147 Milliarden in den Solarbereich, ein Anstieg von 52 Prozent zum Vorjahr. Zwar legen die aktuellen Zahlen für 2012 eine Abschwächung der Investitionen nahe. Aber dennoch: Weltweit sind Photovoltaik (PV) und Windenergie mittlerweile zu ernsthaften Konkurrenten für fossile Brennstoffe wie Kohle und Gas geworden.

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Das liegt nicht nur an Subventionen, sondern vor allem an fallenden Anlagenpreisen. Der Preisverfall von Januar 2009 bis November 2012 liegt für deutsche PV-Module bei 75%, für chinesische PV-Module sogar bei 81% und der Preisindex für Windanlagen ist im ablaufenden Jahr um weitere 4-5% gefallen.

Insgesamt sind das also positive Nachrichten zum Ausbau der Erneuerbaren Energien. Einzig: Die deutsche Solarindustrie hat davon wenig, sie befindet sich in einer existentiellen Krise ‐ beinahe jeden Tag finden sich entsprechende Meldungen in der Presse.

Pleiten im ganzen LandEinige der letzten Opfer sind die Solarwatt AG, die eine Sanierung im Rahmen der nach Insolvenzrecht möglichen Eigenverwaltung durchführt. Hinzu kommt die Centrotherm AG, die neben einem allgemein schlechteren Geschäftsgang ein missglückter Auftrag tief in die roten Zahlen gerissen hat, ein Kreditversicherer die Deckung gekündigt und die Insolvenz umgehend folgte. Vorher sind bereits SOLON und Q‐Cells, einstmals die Vorzeigeunternehmen der Branche, zahlungsunfähig geworden.

SOLON konnte durch die indische Microsol-Gruppe aus der Insolvenz übernommen und erfolgversprechend an den Markt zurückgeführt werden. Q‐Cells wurde erst kürzlich von der koreanischen Hanwha übernommen.

Braucht der Weltmarkt die deutsche Solarindustrie?Die Frage ist, ob der Markt die deutschen Hersteller angesichts von weltweit 30 GW Überkapazitäten wirklich braucht? Von den 150.000 Arbeitsplätzen der einstmals so stolzen deutschen Solarbranche sind bereits mehr als 10.000 verlorengegangen, weitere werden folgen.

Wie konnte es dazu kommen? Sicherlich haben viele Gründe zum einsetzenden Niedergang der früheren Vorzeigebranche geführt. Kann man die Entwicklung jedoch stoppen oder sogar umkehren? Gibt es mögliche Auswege aus der Misere?

Zunächst zu den Gründen: Zu ihnen gehören massive Fehleinschätzungen der Solarunternehmen über die Entwicklung der Märkte, über die eigenen Fähigkeiten und die Rolle der Chinesen auf dem Weltmarkt.

China, mit billigen Krediten überschwemmtSicherlich nicht ganz unbemerkt ‐ denn vor allem deutsche Ausrüstungslieferanten und Anlagenbauer haben die chinesische Solarindustrie mit modernster Produktionstechnologie ausgestattet ‐ haben die Chinesen mit massiver Unterstützung der eigenen Regierung Kapazitäten in China geschaffen, die auf der restlichen Welt ihres gleichen suchen.

Allein in den letzten 3 Jahren wurde die nationale Solarindustrie in China mit ca. 40 Mrd. Dollar in Form von nicht rückzahlbaren Darlehen, billigen Krediten und Subventionen unterstützt, weitere Unterstützung zur aktiven Konsolidierung und Eroberung neuer Märkte werden folgen. Die ist eine Wettbewerbsverzerrung, die letztendlich zu den diskussionswürdigen Importbarrieren in den USA geführt hat, die nun auch in Europa verhandelt werden.

Ob man damit Arbeitsplätze verteidigen kann, erscheint jedoch fraglich. Letztendlich hat erst die durch den Eintritt der chinesischen Hersteller in den Weltmarkt massive Absenkung der Modulpreise dazu geführt, was die Väter des EEG beabsichtigt haben: die stufenweise Absenkung der Einspeisevergütung führt über Technologiedruck auf die Hersteller zu sinkenden Preisen, um letztendlich die Netzparität zu erreichen.

Nach Expertenmeinung haben wir diesen Punkt im Jahre 2014 in Deutschland erreicht, andere südeuropäische Länder bereits heute. Dies hat aber auch dazu geführt, dass mittlerweile rund 80 % der in Deutschland verbauten Module chinesischer Herkunft sind (wenngleich auch viele deutsche Hersteller in China produzieren lassen).

Auf den Rekorden ausgeruhtDie großen Solarunternehmen haben bis 2008 Umsatzrekorde eingefahren, waren sogar zeitweise Weltmarktführer und haben Gewinne ausgewiesen, die einige Politiker in Berlin aufgeschreckt haben. Seither wurden immer wieder Anpassungen des EEG beschlossen, die über die früher einmal geplanten, stufenweisen Absenkungen weit hinausgingen. Stark überzeichnete Börsengänge von Unternehmen und die sehr bequeme Liquiditätssituation ist für Produktions‐ und Verwaltungs‐‚Paläste’ verwendet worden, die man im Rahmen einer konventionellen Bankfinanzierung mit vorheriger Zweitverwendungsprüfung niemals hätte genehmigt bekommen.

Neben, so berichten Brancheninsider‚ legendären Partys auf Messen und Kongressen und manchmal auch mitunter wahllosen Investitionen in PV‐Technologie‐Start-Ups (um die sich bei den pleite gegangenen Unternehmen der Insolvenzverwalter kümmern kann) führte der recht sorglose Umgang mit Geld zum einem beschleunigten Verbrauch desselben. Von konservativer Haushaltsführung keine Spur.

Es fehlte nicht nur an einem funktionierenden Controlling, insgesamt wurden die Organisationsstrukturen in der Wachstums‐ und auch in der späteren Konsolidierungsphase seit 2010 gar nicht oder viel zu spät angepasst.

Auch wurden Erfahrungen der traditionellen Branchen erst spät oder noch gar nicht entdeckt. So berichtet das Branchenmagazin Photovoltaik von Mai 2012 dass sich der PV‐Großhandel ernsthaft Gedanken dazu machen würde, eine Finanzierungsfunktion zu übernehmen, eine Funktion die der traditionelle Großhandel in etablierten Industrien von jeher hatte. Arroganz und Hochmut führten dazu, dass man an ewiges Wachstum glaubte, Parallen zur DotCom‐Blase Anfang des Jahrtausends drängen sich auf.

Welche Wege führen aus der Misere?Was ist nun zu tun? Teile der Bundesregierung sehen die staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung bei zeitgleicher Streichung des EEG als einen möglichen Heilsweg an, die FDP kündigt bereits für März 2013 eine Solarnovelle mit einem marktgerechteren EEG an.

Staatliche Forschungsförderung wird aber nicht zu einem plötzlichen Innovationsschub führen, der die zu geringen Forschungsausgaben der Solarunternehmen in den vergangenen Jahren ausgleichen kann. Der Markterfolg hatte die Unternehmen träge gemacht, eine vergleichsweise junge Branche mit hohem Innovationspotenzial und starker internationaler Konkurrenz investierte viel weniger in Forschung und Entwicklung als reifere Industriebranchen.

Um jedoch gegenüber den Chinesen bestehen zu können, brauchen wir Innovationen, neue Verfahren und Produkte sowie wesentlich höhere Wirkungsgrade, die im Rahmen einer aufmerksamen nationalen und/oder europäischen Industriepolitik bewahrt werden und nicht sofort an asiatische Wettbewerber weitergegeben werden sollten. Nur so wird man die von den Chinesen angestrebte marktbeherrschende Stellung verhindern können.

Die allgemeine Einladung von Bundesminister Rösler an chinesische Unternehmen in Deutschland technologisch führende Unternehmen zu kaufen, ist überhaupt nicht förderlich, sondern bedenklich.

Rufe nach der Politik "wir brauchen eine Deutsche Solar AG“ mit entsprechender staatlicher Beteiligung sind leider auch nicht zielführend, da der Staat schon immer ein schlechter Unternehmer war. Auch die von den Grünen geforderte Forschungsoffensive und die Förderung von Investitionen in neue Produktionsanlagen oder die Erneuerung des Maschinenparks werden nicht zu einer spürbaren Verbesserung der deutschen Wettbewerbsposition führen.

Ist Dünnschicht ein Ausweg aus der Krise?Führende japanische und koreanische Konzerne investieren trotz der weltweiten Überkapazitäten weiterhin in den Ausbau der eigenen Fertigung, konzentrieren sich aber auf intelligente technische Lösungen und nicht auf das von den Chinesen betriebene Massengeschäft mit mono- und polykristallinen Zellen und Modulen.

Neue Technologien müssen entwickelt werden, aber mittlerweile hat auch die viel gepriesene Dünnschichttechnologie gegenüber den kristallinen Siliziumzellen an Boden verloren (auch hier ist der deutsche Anbieterkreis durch die Insolvenzen von Sunfilm, Sovello, Soltecture, Konarka und Inventux kleiner geworden). Ob die Entwicklung der organischen Photovoltaik ein Ausweg aus der Krise ist, muss weiter aufmerksam beobachtet werden.

Es sollte untersucht werden, inwieweit die Kooperation oder sogar der Zusammenschluss von mehren produzierenden deutschen Unternehmen mit entsprechender Wertschöpfungskette, die Zusammenlegung und massive Aufstockung von Forschungskapazitäten, die aktive Konsolidierung und die daraus zu erzielenden ‚Economies of Scale’ zur Schaffung einer Marktstellung führen können, um den Chinesen tatsächlich auf den Märkten der Welt Paroli bieten zu können.

Gegenwind auch in EuropaDie europäischen Regierungen, neben Deutschland auch in Italien, Frankreich und England, bremsen den Zubau von Kapazitäten und kürzen die Einspeisvergütungen, teilweise wie in Spanien oder Tschechien sogar retroaktiv. Die deutschen Solarunternehmen sind bisher nur marginal außerhalb von Europa anzutreffen, sich schnell entwickelnde neue Märkte wie Chile, Brasilien, Indien oder Südafrika werden aufgrund fehlender Finanzkraft wenig bis gar nicht bedient und entwickelt und daher anderen überlassen.

Der Weltmarkt wird in den nächsten Jahren weiter wachsen, die Bedeutung von Deutschland und Europa nimmt jedoch ab. Allein in Saudi‐Arabien werden bis 2030 rund 100 Milliarden Dollar in solare Stromerzeugungskapazitäten investiert, um den Eigenverbrauch von Rohöl (2011 wurden 30% der Produktion für die Stromerzeu-gung verbrannt) zu bremsen.

„Auf den Märkten der Welt zu Hause“ (so ein Slogan des international tätigen Handelshauses Klöckner & Co. aus den 80ern) lässt sich nur dann erreichen, wenn man über bereits etablierte Niederlassungen oder Tochtergesellschaften in der Welt verfügt oder diese zügig auf‐ und ausbauen kann. Mittelständler ohne entsprechende Einbindung in ein Netzwerk tun sich damit schwer und werden daher in Zukunft nicht erfolgreich sein.

Insgesamt sind das keine guten Aussichten für die deutsche Solarindustrie.

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