Solid Denim: Designer fertigen Brillen aus Jeans

Solid Denim: Designer fertigen Brillen aus Jeans

von Malte Laub

In Zukunft wollen zwei Engländer alte Hosen in neue Brillen verwandeln. Die Jeans-Gestelle sollen es bis auf den Mond schaffen - ein langer Weg.

Als Hose, als Jacke, als Mütze, ja sogar als Hemd oder Weste – Jeansstoff hat auf seinem mehr als hundert Jahre dauernden Triumphzug durch die Welt bereits in jedem Fach des Kleiderschranks ein Zuhause gefunden. Zwei Engländer sind nun auf dem besten Wege, den strapazierfähigen Stoff auch ins Brillenetui zu verfrachten.

Die Idee dazu kam Jack Spencer gemeinsam mit einem Kommilitonen schon vor vier Jahren. Die beiden lernten sich auf der Universität von Falmouth im südenglischen Cornwall kennen. „Wir studierten beide nachhaltiges Produktdesign und uns war schnell klar, dass wir mit Jeansstoff arbeiten wollen“, erinnert sich Spencer. Die Frage war: Was könnten sie aus dem traditionsreichen Stoff herstellen, das es nicht schon tausendfach gab?

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Die Wahl fiel auf Sonnenbrillen. Kurzentschlossen griffen sich die Designer ein paar gebrauchte Jeans und begannen zu experimentieren, wie man sich die wohl auf die Nase setzen könnte. Das Hauptproblem: Wie bringt man den Stoff dazu, die Form einer Sonnenbrille anzunehmen - und vor allem auch in dieser Form zu bleiben? Die grundsätzliche Lösung fanden sie zügig. Sie tränkten die Fetzen der ehemaligen Arbeiterhosen in Kunstharz und verklebten sie miteinander, dann schliffen und frästen sie das Material in Form.

Experimentieren bis das Harz hältDoch es dauerte, bis sie eine Mischung gefunden hatten, die alltagstauglich war. Über eintausend Brillen-Prototypen haben Spencer und sein Kollege in vier Jahren in Handarbeit dafür gebaut – nun sind sie aber zufrieden und haben die Marke Mosevic gegründet. Je nach Teil verschmelzen die Designer heute zwischen drei und zehn Lagen Stoff und schleifen sie in Form – den Bügel hinter dem Ohr am dünnsten, das Nasenstück am dicksten.

Solid Denim haben die Designer ihr Stoff-Harz-Gemisch getauft. Es sei genauso robust wie Plastik, sagt Spencer. Im Mai wagten sie sich damit per Kickstarter an die Öffentlichkeit, um Kapital einzusammeln und in die Produktion zu starten. Schon Mitte des selben Monats stand die Finanzierung. Konkurrenz von Weltmarken wie Ray-Ban fürchtet Spencer nicht. Deren Jeans-Brillen sähen nur auf den ersten Blick ähnlich aus, bestünden sie doch aus einem Kern aus Azetatfasern.

Nun herrscht in der Werkstatt in Cornwall Hochbetrieb, die beiden Designer haben sich Unterstützung geholt und produzieren die ersten Chargen ihrer Sonnenbrillen. Drei Modelle in je drei Farbtönen stehen zunächst auf dem Programm, ein vierter Farbton soll folgen.

Doch die allergrößte Änderung steht noch bevor. Mosevic möchte schnell wegkommen von Kunstharz und Jeansstoff von der Rolle. „Wir möchten in diesem Jahr Erfahrung sammeln und schauen, wie wir ankommen“, sagt Spencer. Läuft alles gut, soll im nächsten Sommer dann die Produktion auf Nachhaltigkeit umgestellt werden. „Wir sind in Verhandlungen mit einigen Textilunternehmen, um einen Waste-Stream zu erschließen“, sagt Spencer.

Es geht darum, Verschnitt und Stoffabfälle der großen Hersteller zu nutzen. Diese Methode der Abfallveredelung ist auch unter dem Namen Upcycling bekannt. Das Einsparpotenzial ist groß, da bis zu 8000 Liter Wasser gebraucht werden, um eine Jeans herzustellen.

Nachhaltigkeit ist auch ein GeschäftsfaktorAuf der Kickstarterseite regen Unterstützer zudem bereits an, dass Kunden doch auch ihre in die Jahre gekommenen Lieblingsjeans einschicken könnten, um ihnen zu einem neuen Leben auf der Nase zu verhelfen. Für Spencer ist das derzeit aber noch nicht umsetzbar, zu groß der logistische Aufwand für den Kleinbetrieb.

Realistischer, wenn auch technisch aufwendig, sei da schon die Umstellung von Kunst- auf Naturharz. „Wir brauchen Harz mit ganz bestimmten Klebe-Eigenschaften“, sagt Spencer. Entsprechend schwierig sei es, einen geeigneten zu finden. Auch hier befinde man sich aber in Gesprächen mit Bio-Harz-Herstellern. „Wir möchte nicht Teil einer Wegwerf-Gesellschaft sein“, sagt Spencer. Es gefalle ihm nicht, dass der wenige Abfall, der derzeit bei der Produktion entstehe, durch das Kunstharz nicht biologisch abbaubar sei.

Von der Umstellung auf Nachhaltigkeits-Brillen verspricht sich Spencer allerdings nicht nur ein reineres Gewissen, sondern auch wirtschaftliche Vorteile. „Nachhaltigkeit ist derzeit ein Trend, der uns durchaus Antrieb geben kann“, sagt der Designer. Und Schubkraft ist nötig, denn die Ziele sind hoch gesteckt: Im Kickstarter-Video äußern die Designer den Wunsch, dass ihre handgefertigten Brillen, die es zum Preis von 99 Pfund (knapp 140 Euro) gibt, irgendwann auch mal auf dem Mond getragen werden sollen. Ein kleines bisschen unrealistisch, gibt Spencer zu. Die grobe Richtung aber stimme.

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