Sozialunternehmen: Was sie von Apple lernen können

Sozialunternehmen: Was sie von Apple lernen können

von Benjamin Reuter

Soziale Einrichtungen und NGOs versagen im Kampf für das Gute, sagt der Amerikaner Dan Pallotta. Er hat fünf Ideen, was sie besser machen können.

Zu Beginn macht Dan Pallotta einen Witz, der an die CDU gerichtet sein könnte: "Ich bin Vater von drei glücklichen Drillingen. Tja, und wie es der Zufall will, bin ich gleichzeitig schwul. Das ist wahrscheinlich die größte Innovation im sozialen Bereich, zu der ich jemals fähig war."

Natürlich geht es dem US-Amerikaner Pallotta nicht um die CDU, wahrscheinlich kennt er die Partei noch nicht einmal. Vielmehr macht Pallotta einen Witz über sich selbst. Denn wenn jemand in den USA bekannt für innovative Arbeit im Sozialsektor und im Bereich soziales Unternehmertum ist, dann er.

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Pallotta sammelte vor Jahren mehrere hundert Millionen Dollar und startete riesige Kampagnen, die Aids bekämpften und die Brustkrebsbehandlung fördern sollten. Sein Problem: Er bekam immer wieder Ärger mit den Geldgebern, weil er angeblich unmoralisch hohe Summen in Fundraising-Aktionen und Werbung investierte. Die Geldgeber sprangen ab. Die Projekte stoppten.

Vor einigen Tagen hielt Pallotta in den USA einen TED-Talk - eine Art digitale Vorlesung, die faszinierenden Ideen eine Bühne geben soll. Seine Ausgangsfrage: Warum schaffen es Charities, NGOs und andere gemeinnützige Organisationen nicht, die Probleme der Welt zu lindern? Denn das sei ja eigentlich ihr Job. Bis jetzt wurde sein Auftritt rund eine halbe Million Mal angeklickt.

Die Ausgangslage: Weltweit sammeln die Kämpfer für das Gute in den Non-Profit-Organisationen jährlich rund zwei Billionen US-Dollar ein - das meiste von Unternehmen, weitaus weniger von staatlichen Stellen und durch Spenden von Bürgern. Damit unterstützen sie unter anderem Obdachlosenprojekte, Nachhilfeunterricht für benachteiligte Schüler oder bohren Brunnen in Afrika. Alles schön und gut, sagt Pallotta. Sonderlich effektiv sei das System aber nicht.

In den USA zum Beispiel habe sich die Anzahl der Obdachlosen und der Menschen, die in Armut leben, in den vergangenen vier Jahrzehnten kaum verändert. Und das, obwohl sich hunderte Organisationen um ihr Wohl und eine Verbesserung ihrer Lebenslage bemühen. Seine schlichte Antwort, warum das so ist: Weil die Probleme zu groß sind für die vergleichweise kleinen Organisationen, deren Mittel in den vergangenen Jahrzehnten absolut gesehen nicht wuchsen. Auch für Deutschland gilt dieser Befund, zumindest laut den verfügbaren Daten für die Zeit seit 2004. Die Wohltätigkeitsorganisationen schaffen es also gerade einmal, die Probleme im Griff zu halten - von einer Verbesserung kann keine Rede sein.

Austernparties gegen den Hunger?Pallotta gibt auch eine recht interessante Antwort, warum  es nicht vorangeht. Weil wir, die Geld für einen guten Zweck geben und die, die es erhalten, eine völlig verquere Vorstellung davon haben, was Gemeinnützigkeit überhaupt ist. Für die Spender sei nämlich immer noch diejenige Organisationen die beste, die am wenigsten in Verwaltung, Werbung und das Sammeln von Geld stecke (Gemeinkosten nennt sich das im Fachsprech). Möglichst viel von jedem gespendeten Euro oder Dollar soll beim Projekt selbst ankommen. Die britische NGO Oxfam rühmt sich zum Beispiel, 77 Prozent der Einnahmen direkt an die Hilfsprojekte weiterzuleiten.

Klar, jeder kennt den Reflex der Empörung die das Paradox einer Spendengala auslöst, die zehntausende Euro kostet und auf der Kellner Austern reichen, um Geld gegen den Hunger in Afrika zu sammeln. Oder Champagner, um Brunnenprojekte zu unterstützen.

Die klugen Köpfe bleiben wegZugespitzt lautet Pallottas These aber: Wir machen noch gar nicht genug Austernveranstaltungen gegen den Hunger. Im Gegenteil, wir bräuchten viel mehr davon. Allgemeiner formuliert: Hohe Ausgaben für Personal, Werbung und Fundraising können einen insgesamt positiven Effekt haben. Was bringt es, fragt Pallotta, wenn 100.000 Dollar direkt in ein Projekt fließen, wenn sich daraus über Fundraising auch eine Million Dollar machen lassen, die dann den Bedürftigen zu Gute kommen?

Pallotta nennt insgesamt fünf Gründe, warum der Sektor der Kümmerer und Helfer hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt:

1. Wer bei gemeinnützigen Organisationen arbeitet, verdient zu wenig - in den USA im Schnitt nicht mal ein Viertel dessen, was die freie Wirtschaft bietet. "Wer eine halbe Million Dollar verdient und gegen Malaria kämpft, gilt als Parasit", klagt Pallotta. Das schrecke viele der besten Köpfe ab. Das bestätigt auch eine aktuelle Studie aus Deutschland: Demnach würden zwei Drittel der 1767 Befragten nicht in den sozialen Sektor wechseln, wenn sie dort weniger verdienen.

2. Wenn NGOs zu viel Geld in Werbung und Marketing stecken, wird ihnen das übel genommen. Grundfalsch, sagt Pallotta. Jeder Dollar, der in Marketing fließe generiere ein Vielfaches an Gewinn. "Eine sündhaft teure Anzeige in der New York Times bringt im Verhältnis mehr als ein paar hundert Flyer im Waschsalon."

3. Gemeinnützige Organisationen gehen zu wenig Risiko ein. Natürlich will man als Spender, dass mit Geld nicht unverantwortlich umgegangen wird. Das sei aber der Grund, sagt Pallotta, warum kein Geld in innovative Projekte und neue Ideen fließe. Und scheiterten die Projekte dann, sei das Geschrei groß. "Wenn Disney für 200 Millionen Dollar einen Film produziert, der floppt, schreit dagegen niemand auf."

4. NGOs bekommen zu wenig Zeit. Wenn ein Startup in der freien Wirtschaft über Jahre keinen Gewinn bringe, sei das in Ordnung. Gemeinnützige Organisationen müssten vom ersten Tag an Ergebnisse produzieren. Auch das verhindere Innovation in dem Sektor.

5. Investoren können ihr Kapital nicht in NGOs anlegen, weil sie es nicht zurück bekommen. All ihr Geld fließe so in die freie Wirtschaft.

Das Fazit von Pallotta ist eindeutig. Um das Gute in der Welt voranzubringen und mit dem For-Profit-Sektor mitzuhalten, ihm Talente und Geld abjagen zu können, müssen Sozialunternehmen mehr wie Apple, Burger King und Coca-Cola werden. Also risikoafin mit guten Gehältern, mit besseren Ideen, mit Marketingstrategien, die Bekanntheit schaffen. Oxfam, Brot für die Welt und ein Herz für Kinder sollen zu Unternehmen werden.

Man könnte es sich einfach machen, und das als ziemlich amerikanische Idee abtun - aber tatsächlich könnte sie in dem eher konservativen Sektor in dem Business as usual regiert, vieles aufrütteln. Gefallen wird es den Beteiligten kaum.

Hier gibt es Pallottas TED-Talk im Video:

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