Startup Leihbar aus Berlin: Ein Schrank soll das Kaufhaus ersetzen

Startup Leihbar aus Berlin: Ein Schrank soll das Kaufhaus ersetzen

von Marius Hasenheit

Leihen statt kaufen – ein Startup aus Berlin will mit diesem Prinzip die Shareconomy auf die nächste Stufe heben.

Der Kapitalimus verabschiedet sich vom reinen Konsum. In Zukunft ist nicht mehr das Besitzen angesagt, sondern das Teilen und Tauschen. So jedenfalls sehen es viele Vordenker des Internetzeitalters. Sie sagen: Das Loch in der Wand ist wichtig und nicht die Bohrmaschine – warum sie also kaufen, wenn man sie sich auch für einen Einsatz über das Internet leihen kann. Diese Idee einer Sharing-Economy findet immer mehr Anhänger.

Ein Beispiel ist der Boom bei beim Carsharing. Doch auch Bücher, Wohnungen, Kleidung und praktisch alle anderen Konsumgüter werden inzwischen von Nutzern über das Internet getauscht oder verliehen.

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Das spart nicht nur Geld, sondern das Leihen und Tauschen soll auch zu einem effizienteren Ressourcenverbrauch und weniger materiellem Ballast führen. Warum das abgelegte, aber noch tadellose Kleid oder Buch einfach wegwerfen? Warum auf Reisen immer in anonymen Hotels und Pensionen übernachten und nicht in privaten Unterkünften?

Ein Problem hat die Sharing-Economy allerdings: Aus einer idealistischen Idee, die Welt nachhaltiger zu gestalten, ist ein knallhartes Geschäft geworden. Unternehmen wie Airbnb (Teilen von Wohnungen) und Uber (Teilen von Privatautos) sind mittlerweile mehrere Milliarden Dollar wert. Allerdings agieren sie häufig in einer rechtlichen Grauzone, mehrere Städte wehren sich inzwischen gegen die Startups.

Verleihen ohne zu besitzenAußerdem setzt das Tauschen und Leihen in seiner aktuellen Form nun einmal das Besitzen voraus. Das bedeutet, dass vor allem Menschen profitieren, die zum Beispiel eine Wohnung in beliebter Lage in einer Hauptstadt ihr Eigen nennen. Auch wer eine Bohrmaschine auf einem Onlinemarktplatz wie Frents zum Tausch oder Ausleihen anbieten, muss sie erst einmal im Baumarkt kaufen.

Das Startup Leihbar aus Berlin will nun so etwas wie einen Neustart für die Sharing-Economy wagen und sie weiterentwickeln. Bereits vor zwei Jahren entwickelte der Wirtschaftsingenieur Andreas Arnold in einem Social-Entrepreneurship-Projekt an der Technischen Universität Berlin ein Konzept, wie das Leihen von Gütern fair und effektiv gestaltet werden könnte.

In einer zunächst einfachen, dann zunehmend komplizierter werdenden Exceltabelle katalogisierte der heute 29-Jährige die Dinge, die sein Freundeskreis leihen wollen würde.

Was er dabei herausfand: Die extrem mobile junge Generation braucht im Grunde nur einen Laptop und ein Smartphone, ein paar lieb gewonnene Andenken und Bücher, sowie ein paar Kleidungsstücke. Viele andere Produkte werden zwar hin und wieder benötigt, aber viel zu selten, als dass sich ihre Anschaffung lohnt.

Für seine erste Idee erhielt Arnold ein Stipendium des Social Impact-Programms, das die Bundesregierung mit Unterstützung des Softwarekonzerns SAP für sozial orientierte Jungunternehmer aufgesetzt hat. Dabei entwickelte er sein Konzept weiter. Zusammen mit dem Medientechniker Michael Conzelmann gründete Arnold dann vor anderthalb Jahren schließlich Leihbar.

Die Idee des mittlerweile fünfköpfigen Teams: Sie wollen vollautomatisierte Schränke mit verschiedensten Produkten in deutschen Städten aufbauen. Die Boxen haben in etwa die Größe zweier Kleiderschränke und enthalten zehn Fächer. Über eine Computeroberfläche können sich Nutzer, wann immer sie wollen, die in den Schränken angebotenen Produkte gegen eine stundenbasierte Leihgebühr für den Heimgebrauch abholen.

Ein Schrank ersetzt das KaufhausAuf die Idee mit den Schränken kamen die Gründer als sie in der Entwicklungsphase merkten, dass die Grundprobleme bei schon existierenden Tauschringen die mangelhafte Flexibilität, Qualitätssicherung und Produktauswahl und der hohe Beschaffungsaufwand sind.

Die Schränke dagegen sollen neuwertige und regelmäßig kontrollierte Produkte enthalten, die sofern nicht verliehen, rund um die Uhr verfügbar sind. Um gegen Vandalismus geschützt, aber dennoch flexibel erreichbar zu sein, will Leihbar die Schränke an öffentlichen Orten, wie zum Beispiel Bahnhöfen und Studentenwohnheimen aufstellen.

Derzeit arbeiten die Leihbar-Gründer noch mit Eigenkapital an ihrer Geschäftsidee. Ab Dezember könnte dann ein Exist-Gründungsstipendium helfen, das Startup weiter aufzubauen.

Ein erster Leihschrank soll schon bald in dem aus Containern bestehenden futuristischen Studentendorf Eba51 in Berlin stehen. Dann können sich Studierende ohne Umstände spontan und flexibel Beamer, Kameras, Gesellschaftsspiele, Staubsauger und andere Produkte ausleihen. Dem Frühjahrsputz, Film- oder Spieleabend würde dann nichts mehr im Wege stehen – ohne dass die Geräte für den seltenen Gebrauch extra gekauft werden müssen. Die Produkte werden über Umfragen unter den Nutzern und je nach Nachfrage und Bedarf des Einzugsgebietes zusammengestellt.

Ganz neu ist das Konzept des Leihens von Gebrauchsgütern freilich nicht. In zahlreichen Städten gibt es Umsonstläden, zu denen abgelegte Dinge gebracht und von anderen Nutzern abgeholt werden können. Daneben gibt es auch Tauschläden, zum Beispiel in Berlin und Wien. Doch Leihbar will noch einen Schritt weitergehen.

Denn statt die leihbaren Produkte zu kaufen, wollen die Gründer strategische Partnerschaften mit den Herstellern eingehen. Deren Produkte werden von Leihbar ebenfalls geliehen und bei Defekten zurückgeschickt. Dafür sollen die Produzenten an den Umsätzen beteiligt werden, um so ihr Eigeninteresse an der Herstellung hochwertiger, langlebiger und reparierbarer Geräte zu stärken. Bereits in der Auswahl der Partner favorisiert das Team von Leihbar also qualitätsorientierte Unternehmen.

Inzwischen konnten unter anderem der Musikgeräthersteller Pokketmixer und der Kamerastativproduzent Luuv als Partner gewonnen werden. Außerdem sind Geräte von Acer und Siemens im Angebot.

Und die Liste der kooperierenden Hersteller wird länger werden, ist sich Michael Conzelmann sicher: "Es gibt unzählige frustrierte Ingenieure und Unternehmer, die ihre Ideen von perfekten Bohrmaschinen oder Beamern gerne verwirklichen würden. Leider können sich die meisten Hersteller Exzellenz nicht leisten – weil diese auch zu höheren Verkaufspreisen führt und damit im Massenmarkt ein Wettbewerbsnachteil ist."

Zukunftsfähig statt nachhaltigFür die kooperienden Unternehmen gibt es also durchaus auch einen Werbeeffekt und eine Kundenbindung an die Marke, zudem kommt auch ein weiterer Vertriebskanal hinzu. Ganz ähnlich haben es die großen Autobauer Daimler und BMW beim Carsharing vorgemacht.

Für Leihbar geht es aber um mehr als Nachhaltigkeit. Auch ein Gewinn an Lebensqualität soll für die Nutzer dabei sein. Denn sie müssen sich weder mit der Unterbringung, noch der Kaufentscheidung oder gar Entsorgung eines Produktes beschäftigen. Statt von Nachhaltigkeit sprechen die Leihbar-Macher deshalb lieber von Zukunftsfähigkeit. "Befreie Dich von belastendem Besitz und mach was Besseres mit Deiner Zeit. Immer mehr Menschen sehnen sich nach diesem Gefühl“, glaubt Conzelmann. Außerdem sparen die Nutzer mit dem Konzept Geld (wie viel die Produkte pro Stunde kosten sollen, ist allerdings noch nicht klar).

Interessierte können auf der Homepage des Startups ihre Wohngegend eintragen. Das Stadtviertel mit den meisten Stimmen wird dann, neben dem Studentendorf in Berlin, Standort des zweiten Leihbar-Schrankes. Zunächst wird sich das junge Unternehmen jedoch auf Berlin beschränken, da in der ersten Phase die technische Wartung an einem Ort konzentriert werden soll. Später sollen Schränke in Hamburg und München dazukommen. Die Schränke selber werden auf der Homepage des Unternehmens in einer interaktiven Karte eingezeichnet.

Derzeit baut das Team den ersten Prototypen der Leihstation. Es handelt um einen alten Fitnessstudioschrank, der mit einem Raspberry Pi, einem günstigen Kleinstcomputer, ausgestattet wird. Um den Bau voranzutreiben, hat sich das Team für den mit 5000 Euro dotierten Social Impact Start Award für junge Unternehmen beworben. Internetnutzer kühren dabei ihr Lieblingsstartup und können es so unterstützen.

Nachtrag vom 11.9.: Die Wahl für den Social Impact Award ist mittlerweile beendet.

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