Startup-Tagebuch: Chido’s Mushrooms züchtet Pilze auf Kaffeesatz

Startup-Tagebuch: Chido’s Mushrooms züchtet Pilze auf Kaffeesatz

von Sebastian Matthes

Das Berliner Startup Chido's züchtet Pilze auf Kaffeesatz. Hier berichten die Berliner über den Aufbau ihres Geschäfts.

Zunächst klingt die Idee skurril: Kuriere radeln mit elektrounterstützten Lastenrädern durch Berlin und sammlen für das Startup Chido’s Mushrooms Kaffeereste ein. Anschließend lässt das Unternehmen auf der schwarzen Masse in einem Keller, nicht weit vom alten Flughafen Tempelhof, Gourmet-Pilze sprießen.

So sonderbar das Konzept scheint: Es ist ein höchst kreativer Ansatz, ein globalisiertes Massengeschäft umweltfreundlicher zu gestalten. Denn deutsche Züchter produzieren etwa 60.000 Tonnen Pilze pro Jahr. Viel zu wenig für die Deutschen, die rund 260.000 Tonnen jährlich verspeisen. Deshalb karren Lastwagen nicht nur tonnenweise Pilze durch Europa. Die Züchter verbrauchen auch massenhaft Ressourcen, weil Austernpilze, Kräuterseitling und Shiitake auf Stroh oder Baumstämmen wachsen. „Pro Kilo Pilze“, sagt Chido’s-Chef Philipp Buddemeier, „werden drei bis vier Kilo frisches Holz oder Stroh benötigt“. Seine Pilze brauchen das nicht. Sie wachsen auf Kaffeesatz, der sonst im Müll gelandet wäre.

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Für dieses Geschäftsmodell vergibt die Jury des Sustainovation Awards von WirtschaftsWoche und Altran Chido’s den Startup-Sonderpreis. Denn es geht um weit mehr, als nur intelligente Abfallverwertung:Chido’s ist ein Musterfall für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft und steht gleichzeitig für den weltweiten Trend des Urban Farming: die Rückkehr der Landwirtschaft in die Städte. Der Preis beinhaltet die Möglichkeit für Chido's, ab sofort in einem regelmäßig erscheinenden Startup Tagebuch über Rückschläge und Erfolge zu berichten. Denn Chido's ist ohne Zweifel eines der interessantesten jungen Unternehmen aus dem Sektor.

Lesen Sie nun:

Chido’s Mushrooms: Das Startup-Tagebuch #1

12. November 2012

Ohne Moos nix los, zuhause, in der Bar, im Startup. Die Berliner Volksbank hat das natürlich nicht interessiert. Alles andere dafür schon,  zum Beispiel mein Nettoverdienst im Jahr 2010: Ob ich verheiratet sei wollten die Banker wissen und ob ich im Güterstand der Zugewinngemeinschaft lebe. Interessiert hat sich die Berliner Volksbank auch für unseren Mietvertrag. Selbst die Lebensläufe der Gesellschafter durften nicht fehlen, unterschrieben versteht sich.

Die Prüfung des Kreditantrags dauerte dann 4 Wochen statt der versprochenen 5 Tage. Es waren ja so viele Unterlagen zu prüfen. Und dann hat es leider doch nicht geklappt. Es handele sich ja um ein neues Produkt, da wisse man gar nicht, wie sich der Absatz entwickeln würde. Das Thema Innovation hat die Volksbank wohl eher nicht verstanden. Ich wünsche dem Gründerzentrum der Volksbank viel Erfolg bei der Finanzierung von Frisörgeschäften und Imbissbuden, das sind ja solide Geschäfte.

Bei Privatinvestoren hatte ich mehr Glück, bis März 2013 reicht das Geld. Dann brauche ich noch 50.000 Euro bis zum Break-even.

30. November 2012

Anruf von der Wirtschaftswoche: „Herr Buddemeier, Sie haben mit Chido’s Mushrooms die Jury begeistert. Sie haben den Sonderpreis des Sustainovation Awards für Startups gewonnen.“ Sonderpreis? Also darf ich jetzt jede Woche einen Blog schreiben, umsonst natürlich. Und: „unterhaltsam darf es ruhig sein“. Bislang habe ich mich allerdings eher durch unfreiwillige Komik in Szene gesetzt. Zum Beispiel mit meinem ersten Fernsehauftritt. Der wurde von Stefan Raabs Team sofort entdeckt. Auf TV total schaffte es mein Versprecher „Fütte fischern“ statt „Fische füttern“ bis zur Schlusspointe.

Damit konnte ich einem Millionenpublikum den Kreislauf vorstellen, der mich an Chido’s mushrooms so begeistert. So funktioniert es: Wir holen Kaffeesatz von Berliner Cafés ab und züchten darauf Gourmet-Pilze. Nach der Pilzernte kompostieren wir das Substrat pilothaft für die Gewinnung von Humus und Würmern. Die Würmer verfüttern wir an Fische und die Fischausscheidungen düngen Pflanzen. Die Fische werden in einem Aquaponik-System gehalten, einem System, das die Aufzucht von Fischen in Aquakultur mit der Kultivierung von Nutzpflanzen in Hydrokultur verbindet. Die Pflanzen klären das Wasser und das geklärte Wasser fließt zurück in die Fischtanks.

So entsteht ein Kreislauf lokaler Nahrungsmittelproduktion, ohne Abfälle und ohne Emissionen. Die Kompostierung und unser Aquaponik-System sind zur Zeit noch Pilotprojekte. Aber mit unserem Pilzkeller beliefern wir seit Monaten die Berliner Spitzengastronomie. Und unser Home Growing Kit können Sie sich bestellen um zuhause zu erleben, wie Sie Kaffeesatz in leckere Gourmet-Pilze verwandeln können, nachhaltig und gesund.

7. Dezember 2012

Besser zuhören, den Müll trennen, mehr Sex haben. Jeder hat seine persönlichen Ziele für 2013. Bei Chido’s haben wir uns auch viel vorgenommen. Schon heute haben unsere Produkte gute Umwelteigenschaften. Durch die lokale Produktion unserer Frischpilze sparen wir lange Transportwege. Den Kaffeesatz  holen wir mit elektrounterstützen Lastenrädern ab. Der Versand unseres Home Growing Kits erfolgt CO2 neutral.

Für das nächste Jahr haben wir uns weitere Ziele gesetzt: Wir wollen das Pilzmyzel (oder auch „Pilzgeflecht“ oder „Pilzbrut“) selber herstellen. Zur Zeit beziehen wir das Pilzmyzel aus Belgien. Durch die eigene Herstellung des Myzels würden wir den Transportweg sparen. Damit würden wir knapp 100 Prozent unserer Ausgangsstoffe lokal beziehen, im Regelfall mit Lastenrädern. Als nächstes wollen wir die Plastikbeutel in denen wir die Frischpilze anbauen durch organisches Plastik ersetzen. Nach der Pilzernte können wir dann das Substrat und den Beutel kompostieren. Unser Ziel der abfall- und emissionslosen Pilzproduktion hätten wir damit erreicht.

Lesen Sie hier die nächste Folge des Startup-Tagebuchs.

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