Strom-Revolution: Erster Solar-Radweg der Welt in Betrieb

Strom-Revolution: Erster Solar-Radweg der Welt in Betrieb

von Andreas Menn

In den Niederlanden wurde heute der erste Strom erzeugende Radweg eröffnet. Erste Messungen zeigen: Die Idee könnte funktionieren.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Wirtschaftsminister einen Fahrradweg eröffnet, selbst in den Niederlanden. Diesen Mittwoch war das anders: Regierungsmitglied Henk Kamp reiste eigens zu diesem Zwecke in die Gemeinde Krommenie nördlich von Amsterdam. Das 70 Meter lange Stück Radweg, das Kamp einweihte, ist auf den ersten Blick ganz gewöhnlich: Es ist Teil der Strecke von Krommenie zur Nachbargemeinde Wormerveer.

Doch wer genauer hinschaut, sieht: Das hier ist nicht nur ein Band Asphalt - sondern ein begehbares Kraftwerk. Unter einer Schicht aus Glas, einen Zentimeter dick, schimmern bläulich Solarzellen hindurch. Sie sollen, sobald der Radweg auf hundert Meter verlängert ist, genug Strom erzeugen, um im Jahresdurchschnitt drei Haushalte zu versorgen. Drei Jahre lang soll sich das Pilotprojekt nun in der Praxis beweisen (WiWo Green berichtete).

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Gelingt das Experiment, könnte eine Epoche des billigen, massenhaft verfügbaren Solarstroms anbrechen. Allein in den Niederlanden stehen 140.000 Kilometer Straßen bereit, sich in Solarkraftwerke zu verwandeln. Bereits 42.000 Kilometer davon könnten den Erbauern des Radwegs zufolge genug Strom produzieren, um den kompletten Autoverkehr in den Niederlanden elektrisch zu betreiben - und den Import von Treibstoff zum einem Ding der Vergangenheit zu machen.

Hinter dem ehrgeizigen Vorhaben namens Solaroad stecken Unternehmen, die sich mit Straßenbau auskennen: Die niederländische Industrieforschungsorganisation TNO, die Provinz Nord-Holland, der niederländische Straßenbau-Spezialist Ooms Civiel und das Verkehrs- und Infrastrukturunternehmen Imtech. Insgesamt drei Millionen Euro investieren die Projektpartner in ihr Forschungsvorhaben.

Die Idee, Solarstrom in der Straße zu erzeugen, fasziniert auch viele Leser von Wiwo Green. Als wir Mitte Oktober als erstes Magazin außerhalb der Niederlande über das Projekt berichtete, verbreitete sich die Geschichte auf Facebook wie ein Lauffeuer: Sie erhielt mehr als 28.000 Likes und erreichte mehr als 350.000 Nutzer. Zahlreiche Leserkommentare zeigten sich begeistert von der Idee. Doch es gibt auch viel Kritik: Kann das Projekt tatsächlich funktionieren? Wiwo Green beantwortet die wichtigsten Fragen:

Wie viel Strom erzeugt der Solar-Radweg wirklich?

Das Ziel der Solaroad-Ingenieure ist eine Stromausbeute von 50 bis 70 Kilowattstunden pro Quadratmeter Fläche und Jahr. Hochgerechnet auf 100 Meter Fahrradweg mit einer Breite von 1,5 Metern wären das maximal 10.500 Kilowattstunden im Jahr. Ein Durchschnitts-Haushalt in Deutschland verbraucht 3.464 Kilowattstunden. Der Radweg könnte also knapp drei Haushalte mit Strom versorgen, zumindest im Jahresmittel gerechnet.

Erste Zahlen zeigen nun, dass die Berechnungen der Solar-Pioniere sich bestätigen könnten: Seit drei Wochen ist der Solar-Radweg ans Stromnetz angeschlossen. In dieser Zeit hat er 140 Kilowattstunden Strom produziert - auf einer Fläche von 105 Quadratmetern. Das macht, auf das Jahr hochgerechnet, zwar nur 23 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Doch Ende Oktober ist die Sonneneinstrahlung in den Niederlanden deutlich schwächer als in den Sommermonaten, und im Oktober 2014 war der Himmel laut Solaroad-Projektleiter de Wit stärker bewölkt als in anderen Jahren. "Darum sind wir zuversichtlich, dass unsere Schätzungen für die Stromausbeute richtig liegen", sagt De Wit, "auch wenn wir in den kommenden Monaten noch viele Daten sammeln müssen." Schatten müssen die Paneele nicht fürchten: Bäume gibt es am Rand nicht, die in den Sonnenstunden die Strahlen behindern.

Solarmodule erzeugen den meisten Strom, wenn sie im rechten Winkel zur Sonne installiert sind. Ergibt es überhaupt Sinn, sie flach auf dem Boden zu verlegen?

Tatsächlich sinkt die Stromausbeute von Silizium-Solarzellen mit jedem Grad, mit dem sie sich der Sonne abwenden. Solaroad-Projektleiter Stan de Wit geht darum davon aus, dass der Radweg nur 70 Prozent so viel Strom erzeugt wie ein Paneel auf dem Hausdach. Das vergleichbare Projekt Solar Roadways in den USA hat auf einem Test-Solarparkplatz erste Messwerte ermittelt: Dort erzeugen die Solarzellen nur 60 Prozent im Vergleich zu den gleichen Zellen auf dem Dach. Zehn Prozent Ertragseinbuße, so das Fazit der Entwickler, gehe auf die Glasabdeckung zurück, die Radfahrer und Autos tragen muss und weniger Licht durchlässt.

Macht es also überhaupt Sinn, Solarmodule auf dem Boden zu verlegen? Am Ende kommt es auf die Kosten des Gesamtsystems an. Straßen müssen ohnehin gebaut werden. Solarparks auf Wiesen dagegen benötigen aufwändige Fundamente, hinzu kommen Pachtkosten für das Land. Beides entfällt bei Solarstraßen. Künftig könnte sich die Stromausbeute zudem erhöhen - wenn neuartige Solarzellen, etwa aus dem Mineral Perowskit, marktreif werden. Sie holen aus schräg einfallendem Sonnenlicht mehr Strom heraus als herkömmliche Solarzellen.

Wie teuer ist Solarstrom aus der Straße?

Genaue Zahlen verraten weder die Niederländer noch die Macher von Solar Roadways in den USA. Ein Ziel aber geben die Solaroad-Entwickler aus: Der Mehraufwand für den Solar-Radweg, also Solarzellen, Glasabdeckung und Verkabelung, soll sich in weniger als 15 Jahren einspielen. Danach bringt jede erzeugte Kilowattstunde Geld. Es wäre die erste Straße, die Gemeinden kein Geld kostet, sondern welches einfährt.

Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?

Der alte Karnevals-Schlager trifft auch hier wieder ein Kernproblem: Worum sollten Kommunen teure Solar-Straßen bauen, wenn sie sich schon die normalen Straßen nicht leisten können? Die Antwort könnte lauten: Weil Solar-Straßen eines Tages auf die Lebensdauer gerechnet einfach billiger sind. Künftig könnten Energieunternehmen die Mehrkosten für die Bau vorstrecken - und am Ertrag des Stroms Geld verdienen. Das Unternehmen Solarcity ist in den USA mit diesem Modell schon zum größten Solarunternehmen des Landes geworden. Vielleicht fusionieren Energiekonzerne künftig gar mit Straßenbau-Unternehmen - und werden zu Betreibern von Energiestraßen.

Wie viel Strom könnten Solar-Straßen in Deutschland erzeugen?

Eine grobe Rechnung: Rund 40.000 Kilometer Radwege gibt es in Deutschland. Angenommen, sie sind im Schnitt eineinhalb Meter breit, könnten sie wie in Holland pro hundert Meter drei Haushalte mit Strom versorgen, also 30 Haushalte pro Kilometer. Macht 120.000 Haushalte, also eine mittlere Großstadt. Aber Radwege sind nur ein kleiner Teil der asphaltierten Fläche in Deutschland.

650.000 Kilometer Straßen gibt es, hinzu kommen Parkplätze, Flughäfen, öffentliche Plätze. Die Verkehrsfläche insgesamt macht rund 18.000 Quadratkilometer aus, also 18.000.000.000 Quadratmeter. Angenommen, pro Quadratmeter ließen sich pro Jahr 50 Kilowattstunden aus Solarzellen gewinnen, ergäbe das 900 Terawattstunden. Zum Vergleich: Der gesamte Netto-Stromverbrauch in Deutschland lag zuletzt bei 540 Terawattstunden.

Brauchen wir überhaupt so viel Solarstrom?

Die Frage, wie viel Solarstrom das Stromnetz überhaupt gebrauchen kann, ist umstritten. Die Meinungen reichen von: "Mehr als heute wäre zu viel" bis hin zu "100 Prozent Solarstrom sind möglich". Entscheidend ist die Auslegung der Netze und die Entwicklung von neuen Kurzfrist- und Langfristspeichern. Selbst die konservative Internationale Energieagentur geht aber inzwischen davon aus, dass Solarenergie die wichtigste Stromquelle im Jahr 2050 sein wird - weltweit.

Welche Probleme müssen die Forscher noch lösen?

Noch steht die Idee von Strom erzeugenden Straßen ganz am Anfang. Zwar sind in den Niederlanden bereits Autos über den Solar-Radweg gefahren und in den USA war ein Traktor auf dem Solar-Roadways-Parkplatz unterwegs. Zudem haben die Forscher ihre Glas-Fahrbahn in aufwändigen Labortests untersucht. Doch ob die Paneele tatsächlich 20 Jahre lang der Belastung durch schweren Verkehr, Wind und Wetter standhalten, müssen sie noch beweisen.

Zudem muss sich zeigen, wie stark Schatten durch parkende Autos, Fußgänger oder Bäume die Stromausbeute mindert. Und schließlich müssen Autofahrer und Radfahrer den neuen Straßen vertrauen. Zwar setzen die Energie-Pioniere speziell aufgerautes Glas ein, das so rutschfest sein soll wie Asphalt. Ob das aber auch bei Regen und Eis so ist - den Beweis müssen sie der Öffentlichkeit noch präsentierten.

Hier einige Fotos des Radweges vor der Eröffnung:

 

Und hier noch einige Tweets von der Eröffnung:De Statenleden op SolaRoad met @HeinStruben , @SvanBerkum en @pinosalm pic.twitter.com/Loq2fVNwuT

— Ilse Zaal (@Ilsezaal) 12. November 2014 Internationale belangstelling #solaroad #krommenie #duurzaam pic.twitter.com/udwjpYKFa1

— Addy Verschuren (@AddyVerschuren) 12. November 2014 Aanwezig bij de opening van SolaRoad in Krommenie. Video vanmiddag online op http://t.co/vxN16v5YjV pic.twitter.com/r92s2xcQ5U

— Bas Witvliet (@BasWitvliet) 12. November 2014

Dieses Video zeigt ab Minute 1:20 die Testfahrt auf dem Radweg:

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