Unternehmen: Die große Angst vor dem Klimawandel

Unternehmen: Die große Angst vor dem Klimawandel

von Anna Gauto

Ein Drittel der europäischen Unternehmen beklagt Schäden durch den Klimawandel. Viele sehen aber auch Marktchancen in der Erderwärmung.

Nachdem der Wirbelsturm Katrina 2005 über die amerikanische Ostküste gerast war, musste Walmart 200 seiner Geschäfte schließen. Manche Läden konnte der Konzern erst 2010 wieder öffnen, andere machte er wegen starker Schäden komplett dicht. Der Umsatz brach in den betroffenen Gebieten ein. Aber auch jenseits von Superstürmen wir Katrina kosten extreme Regenfälle, Stürme und Überschwemmungen Walmart im Jahr durchschnittlich 20 Millionen US-Dollar.

Google bereitet indes die globale Erwärmung Sorgen. Denn höhere Temperaturen bedeuten, dass Google mehr Energie braucht und damit viel Geld ausgeben muss, um seine gigantischen Datenzentren zu kühlen. Auch der Softwareproduzent Adobe Systems befürchtet, dass die Kosten für zusätzliches Kühlen oder Heizen wegen Temperaturschwankungen in die Millionen gehen werden.

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Dass die Folgen des Klimawandels nicht nur einzelne Unternehmen wie die genannten betreffen, zeigt eine aktuelle Studie des Carbon Disclosure Project (CDP) aus London. Darin beschreiben 60 Konzerne des Standard & Poor 500 Index – neben dem Dow-Jones der wichtigste US-Aktienindex – wie sich der Klimawandel auf ihre Geschäfte auswirkt.

"Die Kosten für den Klimawandel gehören heute zum Business"Deutlich zeigt die Studie, dass Dürren, Überschwemmungen und Extremtemperaturen heute schon branchenübergreifend und in sämtlichen Bereichen der Lieferkette wüten. Die Unternehmen geben an, dass sie 45 Prozent der „physischen Risiken“, die das operative Geschäft gefährden, wie Mehrkosten, schwächelnde Produktionskapazitäten und sinkende Nachfrage, bereits jetzt oder in den kommenden fünf Jahren spüren werden. 2011 waren es nur 26 Prozent. Außerdem glauben sie, dass 50 Prozent der Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben, „so gut wie sicher“ eintreten werden.

Wissenschaftlich ist allerdings bisher nicht endgültig gesichert, welche Folgen der Klimawandel genau in einzelnen Weltregionen haben wird. Dass extreme Wetterereignisse aller Art zunehmen werden, gilt dagegen aus ausgemacht, wie auch der jüngste Report des UN-Weltklimarates zu dem Thema feststellte (hier in Kurzfassung als PDF).

„Die Kosten für den Klimawandel gehören heute zum Business dazu“, sagt Tom Carnac vom CDP. Friedrich Kitschelt, heute Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), folgerte bereits 2012: „Wir müssen akzeptieren, dass die Wirtschaft sich durch den Klimawandel neuen Risiken gegenüber sieht". Ein besseres Risikomanagement sei daher nötig.

Auch europäische Firmen sind aktuell vom Klimawandel betroffen. 32 Prozent der vom CDP in einer weiteren Studie befragten Unternehmen beklagen Schwierigkeiten in der Produktion. Zehn Prozent, darunter die ING-Gruppe, sehen sogar die Gefahr, das operative Geschäft zwischenzeitlich einstellen zu müssen. So würden Überschwemmungen in den Niederlanden, wo die Datenzentren der ING liegen, den Kundenservice lahm legen.

Deshalb überrascht es nur einen kurzen Moment, wenn Branchenriesen wie Nike, Intel, Starbucks oder General Motors plötzlich den US-Kongress drängen, die Klimaschutzgesetzgebung zu verschärfen und eine gemeinsame Klimaresolution auflegen. Auch scheint die Wirtschaft den Wert ökologischer Ressourcen als Grundvoraussetzung für ihr Geschäft erkannt zu haben und investiert etwa wie Coca-Cola in Wasserschutzprogramme. Denn Wasser ist das Lebenselixir des Konzerns.

Unternehmen profitieren vom KlimawandelDoch Anpassung an den Klimawandel muss nicht heißen, nur Risiken einzudämmen. Aus der Not kann eine Tugend werden. Wer innovativ genug ist, wittert neue Märkte und Einnahmequellen. 43 Prozent der vom CDP befragten europäischen Unternehmen sehen neue Marktchancen. So entwickelt der Finanzkonzern Barclays neue Finanzprodukte wie den „Katastrophen-Bonds“, der besonders im von Dürren betroffenen Afrika finanzielle Ausfälle abfedern soll.

In Skandinavien bedeuten kürzere und mildere Winter mitunter einen Produktivitätsanstieg und geringere Kosten. Außerdem können neue IT-Lösungen helfen, Überschwemmungen zu reduzieren und Risiken zu kalkulieren, wie die BT Group (British Telecommunications) in Aussicht stellt.

Dennoch sollten Unternehmen nicht nur neue Marktchancen aufspüren, sondern dem Kampf gegen den Klimawandel höchste Priorität einräumen. Es könnte sonst ziemlich teuer werden – und zwar für alle. Neben den ökologischen und humanitären Folgen gehen Schätzungen von bis zu vier Billionen US-Dollar aus, die der Klimawandel die globale Wirtschaft bis 2030 kosten könnte.

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