Unternehmen: Die neuen Entwicklungshelfer

Unternehmen: Die neuen Entwicklungshelfer

von Benjamin Reuter

Nachhaltig will heutzutage fast jedes Unternehmen sein. Manche denken schon einen Schritt weiter.

Ein Großteil der Unternehmer weltweit leidet an Schizophrenie, könnte man meinen. Denn die allermeisten von ihnen sind laut einer Umfrage der Unternehmensberatung Accenture davon überzeugt, dass Nachhaltigkeit für ihr Geschäft eine wichtige Rolle spielt. Allerdings: Gleichzeitig denken nur 32 Prozent von ihnen, dass die Wirtschaft auf dem richtigen Weg für eine bessere Zukunft ist. Nur zehn Prozent von ihnen denken laut einer weiteren Studie, dass ihr Engagement auf dem Feld der Nachhaltigkeit ausreicht.

Bei soviel Selbstkritik der Unternehmenslenker könnte man auch die Frage stellen: Was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich? Denn wie das britische Wirtschaftsmagazin Economist kürzlich in einem Artikel anmerkte, wird der Begriff viel zu häufig mit reinen Effizienzmaßnahmen verwechselt, die die Umwelt- und Klimabilanz der Produktion verbessern. Dazu gehört unter anderem, weniger Energie und Wasser zu verbrauchen und weniger Abfall zu produzieren.

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Nach der Solaranlage kommt die EntwicklungshilfeNatürlich schütze ein geringerer Ressourcenverbrauch die Umwelt, heißt es in dem Artikel. Aber wenn eine Fabrik weniger Wasser, Metalle oder Energieträger nutzt und weniger Abfall produziert, seien das schlicht Effizienzmaßnahmen, die Geld sparen – und damit ein ökonomisches Gebot.

So heimst zum Beispiel der Autobauer VW seit Jahren Umweltpreise für sein Think Blue-Programm ein. Es hat zum Ziel, den Ressourcenverbrauch in den Produktionsstätten und den CO2-Ausstoß bis 2018 im Vergleich mit 2010 um ein Viertel zu reduzieren. Statt Umweltpreise hätte das Programm Auszeichnungen in guter Unternehmensführung verdient, wenn man dem Economist folgt.

Auch Apple schreibt sich seit einiger Zeit auf die Fahnen, für seine Datenzentren nur noch grünen Strom zu nutzen. Der Grund: Die Stromversorgung wird sicherer und das Unternehmen spart Geld damit.

Doch einige Unternehmen beginnen nun, das Konzept der Nachhaltigkeit weiter zu denken. Denn das Problem ist: Der meiste Ressourcenverbrauch, der meiste Abfall, die größten sozialen Probleme entstehen nicht bei den Großunternehmen selbst, deren Produkte wir täglich im Internet, in Supermärkten oder Kaufhäusern erstehen – sondern bei den Zulieferern und in den Produktionsländern.

Recycelte Windmühlen sollen Wirtschaftswachstum ankurbelnDer Economist nennt bei den Unternehmen, die das Konzept der Nachhaltigkeit weiterdenken unter anderem den US-Bierkonzern SABMiller, der 500.000 Verkäufer seiner Waren in Entwicklungsländern im Einmaleins der Unternehmensführung ausbilden will. Das soll ihnen und den Gemeinenden, in denen sie ihre Ware verkaufen, zu mehr wirtschaftlichem Erfolg verhelfen.

Auch Apple hat seinen Zulieferern kürzlich verboten, für die Arbeiter giftige Reinigungsmittel einzusetzen. Und der dänische Windanlagenbauer Vestas schickt neuerdings recycelte Windturbinen nach Afrika, um dort die Elektrifizierung voranzutreiben.

All diesen Projekten ist gemeinsam, dass sie nicht mehr direkt auf eine Ersparnis bei den Ausgaben zielen, sondern die Lebenssituation in den Ländern verbessern wollen, wo die Unternehmen ihre Waren verkaufen oder produzieren lassen.

Der Grund für das Engagement ist leicht zu erahnen. Kein geringerer als Muhtar Kent, der Chef von Coca-Cola, hat ihn im vergangenen Jahr bei einer Pressekonferenz in New York benannt: „Nur wenn es den Regionen, in denen wir unsere Produkte verkaufen, wirtschaftlich gut geht, machen wir dort ein gutes Geschäft.“

Sprich: Die neue Welle der Nachhaltigkeit ist auch darauf angelegt, Märkte für die Zukunft zu sichern.

Coca-Cola ist denn auch eines der interessantesten Beispiele für ein Unternehmen, das Nachhaltigkeit einen Schritt weiterdenkt. Vor allem wegen des hohen Wasserverbrauchs bei der Produktion der süßen Brause steht das Unternehmen in der Kritik. Erst kürzlich ordneten Behörden in Nordindien die Schließung einer Abfüllanlage an, weil sie zu viel Grundwasser aus dem Boden zog. Coca-Cola hat Expansionsplänen für die Anlage inzwischen eine Absage erteilt.

Medikamente im hintersten Winkel der WeltWohl auch wegen solcher Vorfälle hat sich das Unternehmen auf die Fahnen geschrieben, bis 2020 wasserneutral zu produzieren. Das bedeutet: Jeder Liter Wasser, der in die Herstellung von Getränken fließt, wird anderswo als neues, sauberes Wasser verfügbar gemacht.

Das will der Konzern unter anderem mit einer Wasseraufbereitungsanlage erreichen, die in Entwicklungsländern zum Einsatz kommen soll und vom Erfinder des Segways, Dean Kamen, entwickelt wurde. Zusammen mit einer Quelle für die Stromversorgung soll die Wasseraufbereitung die Wirtschaft in ländlichen Gegenden ankurbeln – und Coca-Cola neue Kunden bescheren.

In eine ganz ähnliche Richtung zielt auch ein aktuelles Projekt von Coca-Cola, das mit Getränken auf den ersten Blick überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Vor wenigen Wochen gab die Nichtregierungsorganisation Global Fund eine Kooperation mit Coca-Cola bekannt, um Medikamente in Afrika auszuliefern. Vor allem im Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose ist die NGO mit Unterstützung der US-Regierung und der Bill & Melinda Gates Stiftung aktiv, dessen Gründer Microsoft-Milliardär Bill Gates ist.

Nachhilfe in LogistikDer Hintergrund für die ungewöhnliche Partnerschaft: Zwar gelingt es NGOs immer besser, benötigte Medikamente nach Afrika zu schaffen. Sie dann aber meist über hunderte Kilometer in Regionen zu bringen, wo kaum ein Straßennetz existiert und keine Unternehmen die Lieferungen übernehmen, klappte bisher kaum. Hinzu kommt, dass viele Medikamente gekühlt werden müssen, also unnötig lange Transportwege nicht vertragen.

Die Mitarbeiter bei Global Fund hatten aber ein Vorbild, wie man Produkte auch in die hintersten Winkel der Welt bringt: Coca-Cola. Und das auch in der Regenzeit und unter den widrigsten Bedingungen. "Coca-Cola hat die Expertise und die Infrastruktur, um die Produkte zu den Kunden zu schaffen", sagt Christoph Benn, einer der Direktoren von Global Fund und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der NGO. Seit 2002 hat die Organisation 4,5 Milliarden Dollar für die medizinische Hilfe in Entwicklungsländern angewendet.

Schon im Jahr 2009 starteten die Partner in Tansania ein erstes Pilotprojekt unter dem Namen "Last Mile". Coca-Cola brachte dabei sein Know-How in Logistik ein und half unter anderem beim Training von Mitarbeitern der Regierung, die für die Verteilung der Medikamente zuständig sind, nachdem Global Fund sie liefert. Außerdem bauten die Partner ein profesionelles System zur Erfassung der Bestände der Hilfslieferungen auf.

Das Ergebnis: Die Lieferzeit von Medikamenten im Wert von rund einer Milliarde Dollar sank von durchschnittlich 30 Tagen auf fünf Tage. Fast zehn Millionen Moskitonetze wurden verteilt. Statt 500 Ausgabe- und Lagerstellen werden inzwischen mehr als 5000 beliefert.

20 Millionen Menschen hat das Programm, das Medikamente, Kondome und Mückennetze ausgibt, inzwischen laut dem Global Fund erreicht. 75 Prozent der Menschen in Tansania sollen damit Zugang zu einer besseren Gesundheitsversorgung haben. Ähnliche Initiativen will Global Fund zusammen mit Coca-Cola nun auch in Mozambique und Ghana starten. Weitere acht Länder in Afrika sind in der Diskussion.

Der Grund, warum sich Coca-Cola engagiert, ist dabei klar: Sind die Menschen gesund, geht auch die wirtschaftliche Entwicklung in den bisher abgehängten Regionen voran. Und das fördert den Absatz.

Vielleicht schreibt der britische Economist in einigen Jahren aber auch über dieses Programm, es habe weniger mit Nachhaltigkeit zu tun als mit guter Unternehmensführung. Vielleicht ist das eine vom anderen auch gar nicht zu trennen.

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