Unternehmen ohne Abfall: Willkommen in der Kreislaufwirtschaft

Unternehmen ohne Abfall: Willkommen in der Kreislaufwirtschaft

von Michael D’heur

Weniger Müll in der Produktion: Dass sich das lohnt, zeigt der deutsche Outdoorhersteller Vaude. Ein Gastbeitrag.

Von Michael D’heur. Der Autor ist Experte für Lieferketten und Nachhaltigkeit. Als Geschäftsführer von shared.value.chain, einer Beratungsfirma mit Sitz München, unterstützt er seit 2012 Unternehmen bei der Umsetzung von Nachhaltigkeit. Von ihm erschien kürzlich das Fachbuch „CSR und Value Chain Management“. Welche Rolle Produktinnovationen für nachhaltige Geschäftsmodelle spielen, erklärt der Autor an dieser Stelle am Beispiel des Outdoorherstellers Vaude.

Die Motive von Unternehmen, Nachhaltigkeit im Kerngeschäft, also in Produkten und Wertschöpfungskette zu verankern, sind so vielfältig wie der wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftliche Nutzen, der realisiert werden kann. Ohne Zweifel kann Nachhaltigkeit die Reputation des Unternehmens verbessern. Fragt man nach dem ökonomischen Nutzen, stehen an erster Stelle Umsatzsteigerungen (weil Kunden bereit sind, für nachhaltige Produkte Premiumpreise zu bezahlen) oder die Möglichkeit, sich von Wettbewerbern zu differenzieren.

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Doch was zeichnet nachhaltige Produkte aus? Ein Stichwort ist hier Cradle-to-Cradle, sinngemäß „von der Wiege zur Wiege“. Das Konzept beschreibt eine Form zyklischer Ressourcennutzung. Am Ende des Lebenszyklus sollte das Produkt in seine Ausgangsmaterialien zerlegt werden können, um wieder als Eingangsstoff in den biologischen oder technischen Kreislauf eingehen zu können. Das Prinzip wurde von der Natur abgeschaut. Dabei sollen die Materialien nicht nur ein ‚downcycling‘ durchlaufen (und am Ende doch wieder im Müll landen), sondern unbegrenzt wiederverwertet werden.

Für die Produktentwicklung heißt das, Produkte müssen so konzipiert sein, dass sie aus recycelten Rohstoffen hergestellt und am Ende der Nutzung wiederum recycelt werden können. So entstehen weder Kosten noch Umweltbelastungen durch Primärrohstoffgewinnung.

Das ist ein großes Ziel und nicht für jede Produktgruppe zu realisieren. Aber das Prinzip weist den richtigen Weg.

Wer ein bestehendes Produktportfolio nachhaltig verändern will, beginnt am Besten mit einer Bestandsaufnahme. Folgende Fragen helfen bei der Orientierung:

·     Welche Umweltauswirkungen haben einzelne Produkte über ihren gesamten Lebenszyklus?

·     Wo entstehen positive, wo negative Effekte, und wie lassen sie sich jeweils verstärken oder verringern?

·     Ist ein Umstieg von endlichen Ressourcen auf nachwachsende Rohstoffe vorstellbar?

·     Welche Produktkomponenten können ganz oder teilweise in biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden?

·     Können spezifische Produktionsformen und -verfahren auch gesellschaftlichen Mehrwert stiften?

„Think big, start small“: erfolgreiche Umsetzung in kleinen SchrittenEs versteht sich, dass eine Neuausrichtung eines Produktportfolios nur schrittweise und nicht am grünen Tisch erfolgen kann. Zudem werden sich Erfolge nur langsam einstellen. Es empfiehlt sich daher für Unternehmen, mit einzelnen Produkten zu starten und aus den Erfahrungen zu lernen. Wie reagieren Lieferanten und Wertschöpfungspartner? Wie ist die Akzeptanz beim Endkunden? Erfolgreiche Ansätze werden dann nach und nach auf weitere Produkte zu übertragen.

Eine langfristige Unternehmensausrichtung ist dabei hilfreich. Deswegen erstaunt es nicht, dass viele Erfolgsbeispiele für die Verankerung von Nachhaltigkeit im Kerngeschäft im Mittelstand zu finden sind. Gerade Familienunternehmen orientieren sich oft an Konzepten, die dem Aufbau eines zukunftsorientierten Wirtschafts- und Wertesystems dienen. So auch der im baden-württembergischen Tettnang beheimatete Outdoorhersteller Vaude. Das Unternehmen verfügt über Produktionsstandorte in Deutschland, China und Vietnam. Etwa ein Drittel aller Produkte wird in eigenen Produktionsstätten gefertigt, die übrigen von Auftragsbetrieben hergestellt.

Das Unternehmen strebt in allen Teilbereichen seiner Wertschöpfungskette soziale und ökologische Optimierungen an und hat sich dabei hohe Ziele gesetzt, ohne jedoch den wirtschaftlichen Erfolg aus den Augen zu verlieren. Bis 2015 will man Europas nachhaltigster Outdoor-Ausrüster sein. Vaude hat das Streben nach Nachhaltigkeit in seiner Strategie verankert und im „Vaude Ecosystem“ für alle Teilbereiche der Wertschöpfungskette ausformuliert. Das Unternehmen verfolgt bei der Umsetzung drei Stoßrichtungen:

·     Umweltschonendes Wirtschaften in Produktion, Logistik und Verwaltung,

·     gesellschaftliches Engagement durch aktive Umweltpolitik in Fachverbänden des Einzelhandels und der Textilindustrie,

·     Streben nach Innovativen, die auf umweltfreundlichen Produktdesigns und Produktionsverfahren beruhen.

Das Produktdesign ist eine entscheidende Stellschraube im Lebenszyklus. Design meint nicht nur die modische Gestaltung der Produkte, sondern umfasst alle Entscheidungen über Materialien, Lieferanten und Produktionsstandorte. Dadurch werden früh große Teile der ökonomischen, ökologischen und sozialen Auswirkungen eines Produkts unwiderruflich festgelegt.

Nachhaltige Rohstoffgewinnung und TechnologieinnovationenUnter der Bezeichnung „Green Shape“ bietet Vaude Produkte an, die sich durch umweltfreundliche Materialauswahl auszeichnen. Das bedeutet schadstoffarme Produktion, oft unter Einsatz erneuerbarer Energien, Umweltfreundlichkeit bei Gebrauch und Pflege und Recyclingfähigkeit. So wird organische Baumwolle eingesetzt, die nach ökologischen Richtlinien ohne Pestizide, chemische Düngemittel und gentechnische Veränderung erzeugt wird.

Daneben greift das Unternehmen auf Tencel zurück, eine aus Holz gewonnene Faser. Sie hemmt das Bakterienwachstum, das infolge des Schwitzens auftreten kann und macht Chemikalien überflüssig, die bei Funktionsbekleidung normalerweise für diese Aufgabe zum Einsatz kommen.

Orientiert am Cradle-to-cradle-Konzept verwendet das Unternehmen recycelte Ausgangsmaterialien, um Produktlebenszyklen zu schließen; so zum Beispiel Polyester, das aus PET-Flaschen gewonnen wird. Das spart in der Rohstoffgewinnung bis zu 50 Prozent Energie. Kernstück von Funktionsbekleidung und unter ökologischen Gesichtspunkten eine problematische Komponente ist aber die Membran, eine dünne Trennschicht, die vor Regen schützt, Feuchtigkeit aber nach außen treten lässt.

Vaude verwendet keine Polytetrafluorethylen-Membranen (PTFE; Handelsname Goretex), die gewöhnlich aus per- und polyfluorierte Chemikalien besteht. Die sind bei Herstellung und Entsorgung ein Risiko für Mensch und Umwelt. Stattdessen werden PTFE-freie Alternativen wie Sympatex und Ceplex verwendet.

Ein wichtiger Schritt in der Weiterverarbeitung ist der Färbeprozess. Hier greift Vaude in Teilbereichen der Herstellung auf ein eigens entwickeltes Färbesystem zurück. Dabei werden die Farbpigmente direkt während des Garnspinnens zugefügt. Die positiven Effekte können sich sehen lassen. Im Vergleich zum herkömmlichen Färben, bei dem das Garn erst ungefärbt gesponnen und danach in mehreren Färbe- und Spül-Durchgängen bearbeitet wird, werden 89 Prozent an Wasser und 63 Prozent an Energie gespart.

Produktentwicklung: wirksamer Ansatzpunkt für Nachhaltigkeit im KerngeschäftVor allem aber setzt das Unternehmen auf Langlebigkeit. Haltbarkeit ist ein Eckpfeiler der Produktentwicklungsstrategie, die ihre konsequente Verlängerung im Angebot eines hauseigenen Reparaturservice findet. Hier können Kunden ihre Stücke fachgerecht reparieren lassen. Dies zahlt sich für das Unternehmen aus.

Teile, die auch nach zehn oder sogar 20 Jahren noch voll funktionsfähig sind, vermeiden Abfall und führen zu einem positiven Kundenerlebnis. Zufriedene Kunden zeigen beim Wiederkauf eine hohe Zahlungsbereitschaft. Mit dieser Strategie behauptet sich Vaude erfolgreich im hart umkämpften Outdoormarkt, wie ein überdurchschnittliches Wachstum in den letzten Jahren dokumentiert.

Produktkonzepte, die sich über den gesamten Lebenszyklus an Nachhaltigkeitskriterien orientieren, sind also nicht nur ökologisch und gesellschaftlich zukunftsfähig, sondern ergeben auch betriebswirtschaftlich Sinn, wie das Beispiel Vaude zeigt.

Unternehmen, die Nachhaltigkeit im Kerngeschäft verankern wollen, kommen nicht umhin, bei der Produktentwicklung anzusetzen, denn am Anfang eines Produktlebenszyklus werden wichtige Weichen gestellt. Vor allem in bestehenden Organisationen geht das nicht im Hauruck-Verfahren. Der bessere Weg ist, auf Basis einer wirksamen Strategie fortlaufend kleine Entscheidungen zu treffen – und damit bisherige Überzeugungen und Verfahren infrage stellen. Mithilfe wirksamen Managements mündet die so angestoßene Transformation in einen evolutionären Prozess. Das Ergebnis wird von den Kunden belohnt.

In seiner ersten Kolumne für WiWo Green beschrieb Michael D’heur anhand der Fairphones wie nachhaltige Geschäftsmodelle funktionieren können.

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