Unternehmen: Philips will Elektronikschrott drastisch minimieren

Unternehmen: Philips will Elektronikschrott drastisch minimieren

von Jan Willmroth

Im Gespräch erklärt Nachhaltigkeits-Chef Simon Braaksma, warum Nachhaltigkeit gut für den Umsatz ist.

Heute legt der Elektronikkonzern Philips seinen Geschäftsbericht für 2012 vor. Als eines von wenigen Unternehmen verpacken die Niederländer ihren Nachhaltigkeitsbericht direkt im Jahresabschluss – so wollen sie betonen, dass Umweltbewusstsein bei ihnen zum Geschäftsmodell gehört. Die Ziele für die kommenden Jahre sind ambitioniert: Bis 2016 will Philips doppelt so viele Altstoffe sammeln und recyceln und so seine Materialkreisläufe schließen, die Energieeffizienz der verkauften Produkte soll bis 2015 um die Hälfte steigen. Zwischen 2008 und 2012 hat der niederländische Konzern seine CO2-Emissionen schon um 25 Prozent gedrückt.

WiWo Green hat sich den Nachhaltigkeitsbericht vorab angesehen. Simon Braaksma, Chef des Philips-Nachhaltigkeitsreportings, erklärt dazu im Interview, wo die Grenzen des Recyclings liegen.

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Herr Braaksma, Philips beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Nachhaltigkeit. Warum ist Umweltbewusstsein gut für’s Geschäft?

Braaksma: Wir verdienen gutes Geld damit: Im vergangenen Jahr machten grüne Produkte 45 Prozent unseres Umsatzes aus. Auch die Margen der umweltfreundlichen Produkte sind hoch. Die Umweltbilanz ist vielen Investoren zunehmend wichtig – und sie steigert unseren Markenwert. Nicht zuletzt motiviert es unsere Mitarbeiter und zieht Talente an.

Sie wollen also als forschrittlicher, nachhaltiger Konzern wahrgenommen werden. Wo ziehen Sie die Grenze zum Greenwashing?

Braaksma: Wenn sie sich die hohe Zahl unserer grünen Produkte anschauen, könnte man Greenwashing annehmen. Aber das ist zu einfach. Wir machen das so transparent wie möglich, haben klare Kriterien, welche Produkte bei uns grün sind. Und diese Kriterien prüft KPMG jedes Jahr für uns nach. Daran messen wir uns, das kann jeder nachlesen und selbst bewerten.

Trotzdem wirkt Philips nicht besonders außergewöhnlich. Im aktuellen Green Electronics Guide von Greenpeace fielen Sie auf den zehnten Platz zurück. Haben andere Technologiefirmen wie HP oder Nokia Sie überholt?

Braaksma: Das ist eine Frage der Vergleichbarkeit: Wir konkurrieren nicht direkt mit IT-Konzernen, die eine völlig andere Produktpalette haben. Wir haben das mit Greenpeace auch angesprochen.

Andere Rankings sehen Sie hingegen weit vorn. In welchen Bereichen sind Sie denn ambitionierter als Ihre Konkurrenten?

Braaksma: Vor allem beim Reporting. Wir veröffentlichen seit fünf Jahren unseren Nachhaltigkeitsbericht integriert in unserem Jahresbericht. Beim Thema Nachhaltigkeit gelten die gleichen Regeln wie bei Finanzberichten. Wir schlüsseln zum Beispiel unsere CO2-Bilanz genau auf. Damit wollen wir betonen, dass Themen wie Energieeffizienz, Reduktion des CO2-Ausstoßes und vermehrtes Recycling zu unserem Geschäftsmodell gehören. Ich kenne keinen Konkurrenten, der Finanzen und Umwelt so eng miteinander verknüpft.

Ein Beispiel: Sie wollen künftig mehr Kunststoffe in Ihren Produkten wiederverwerten. Schon heute gibt es Philips-Kaffeemaschinen mit 50 Prozent Recycling-Anteil. Erreichen Sie bald 100 Prozent?

Braaksma: Heute ist die Antwort nein. Wir können inzwischen zwar mehr recyclebare Kunststoffe einkaufen, doch es gibt noch klare Grenzen. Die Qualität ist oft nicht hoch genug. Zum Beispiel dürfen wir nicht einfach jeden Kunststoff für Bauteile verwenden, die mit Lebensmitteln oder der Haut in Kontakt sind. Es ist auch noch nicht möglich, recyceltes Plastik für unsere Kaffeemaschinen einzufärben. Es ist meist schwarz oder grau.

Warum kann man nicht einfach Farbe beimischen?

Braaksma: Weil man dafür sehr reines Plastik aus nur einer Quelle braucht. Zum Beispiel aus alten CD-Hüllen: Die sind durchsichtig und können deshalb alle Farben annehmen. Wir wollen aber Plastik aus dem normalen Wertstoffmüll verwenden. Darin sind Kunststoffe in allen möglichen Farben und Qualitäten. Und das macht es schwierig. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis wir farbige Recycling-Kunststoffe verwenden können.

Bislang verkaufen Sie nur wenige Produkte mit einem hohen Recycling-Anteil. Werden Sie das auf weitere übertragen?

Braaksma: Wir haben in den vergangenen Jahren viel experimentiert und haben jetzt eine ganze Menge an recyelten Kunststoffen unterschiedlicher Qualität. Jetzt versuchen wir, diese Kunststoffe überall dort einzusetzten, wo es möglich ist – in Staubsaugern, dem Unterbau von Wasserkochern, in Bügeleisen und Haartrocknern. Wegen des Farben-Problems betrifft das oft grau-schwarze Bauteile und Bauteile, die man von außen nicht sieht. Aber denken Sie an Kaffeemaschinen: Die meisten Teile sieht man von außen nicht.

Kann ich meine alte Kaffeemaschine denn direkt zu Ihnen bringen?

Braaksma: In den meisten Ländern wäre der Aufwand zu groß, wenn jeder Elektronikkonzern seine eigenen Produkte zurücknimmt. Für die Konsumenten wäre das auch zu unübersichtlich. Wir brauchen Rücknahmesysteme von staatlicher Seite – oder müssen uns mit anderen Unternehmen zusammenschließen. Wo solche Systeme noch nicht existieren, machen wir uns bei den öffentlichen Stellen dafür stark, beispielsweise in China.

So weit sind wir in Europa aber auch noch nicht: Wir recyclen nur 25 Prozent unseres Wertstoffmülls. Da müssen Sie mehr tun.

Braaksma: Tun wir. Wir setzen zum Beispiel auf Ökodesign: Schon bei der Gestaltung unserer Produkte denken wir darüber nach, wie man sie später am besten wiederverwerten kann. Das ist der Anfang unserer Vorhabens, unsere Stoffkreisläufe zu schließen – also mehr von dem, was wir verkaufen, auch wieder zurückzunehmen. Wir arbeiten gerade an Plänen, wie wir das optimieren können.

Was ist mit dem Rebound-Effekt? Wir haben doch heute viel mehr Geräte als früher. Da ist es ein Nullsummenspiel, wenn die effizienter sind.

Braaksma: Während der Nutzungsphase unserer Produkte sind Lampen und Leuchten für 97 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Beim Licht sprechen wir aber über einen fixen Bedarf, es ist heute genauso lange dunkel wie früher. Neue LED-Lampen sind zwischen 80 und 90 Prozent energieeffizienter – da haben wir also einen großen Einfluss. Was etwa Küchengeräte angeht, haben Sie Recht, die können wir nur effizienter machen. Wie unsere Kunden sie nutzen, können wir nicht beeinflussen. Wir werden ihnen auch nicht sagen, sie sollten unsere Produkte nicht mehr kaufen. Denn wir können nur nachhaltig wirtschaften, wenn wir auch genügend Geld verdienen.

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