Visionäre der Nachhaltigkeit: Der Klima-Kapitalist

Visionäre der Nachhaltigkeit: Der Klima-Kapitalist

von Dieter Dürand

Früher protestierte Renat Heuberger gegen Unternehmen. Heute leitet er selbst eins: Mit "South Pole Carbon" kämpft er unternehmerisch gegen den Klimawandel.

Ein Unternehmen gründen, um das Klima zu retten: Einst fand Renat Heuberger diesen Gedanken geradezu absurd. Schließlich, so dachte er damals, waren Unternehmen und ihre vielen Treibhausgasemissionen doch Hauptverursacher des Problems. Selbstverständlich protestierte der Schweizer in seiner Jugend gegen die schlimmsten Schmutzfinken.

Doch dann hat die Erfahrung ihn bekehrt. Heute hält Heuberger die unternehmerische Organisationsform für das effektivste Mittel, etwas gegen die Erderwärmung zu tun. Nur das übliche Unternehmensziel hat er ausgetauscht: Er will nicht möglichst viel Gewinn erzielen, sondern möglichst viel CO2 reduzieren.

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Als Heuberger 2002 mit Gleichgesinnten myclimate ins Leben rief, glaubte er noch, ehrenamtliches Engagement sei die Lösung. Die gemeinnützige Stiftung setzte sich weltweit für Klimaschutzprojekte ein: für Biogasanlagen in Thailand etwa, mit denen die Bauern sauberen Strom erzeugen können. Doch das Modell stieß an Grenzen. Weil die Stiftung nicht selbst in Projekte investieren durfte, sondern lediglich Spenden weiterleiten konnte, kamen die Initiativen oft nur schleppend voran.

Bei Heuberger und seinen Mitstreitern reifte die Erkenntnis: Idealismus allein bringt uns nicht voran. Um wirklich etwas erreichen zu können, müssen wir mehr bewegen. Vor allem mehr Geld.

"Es gefällt mir, Umweltprobleme marktwirtschaftlich zu lösen"So entschied sich der 36-Jährige zu einem Schritt, den er jahrelang ausgeschlossen hatte: Er ging in die Wirtschaft und gründete 2006 South Pole Carbon. Das Unternehmen hilft Konzernen in aller Welt, ihre Treibhausgasemissionen zu kompensieren. Die Konzerne kaufen auf freiwilliger Basis Zertifikate – South Pole finanziert aus den Einnahmen Klimaschutzprojekte, vorwiegend in ärmeren Ländern. Dass die Projekte auch Jobs schaffen und so helfen, Not zu lindern, ist Heuberger ebenso wichtig.

Schon während der Schulzeit wurde der studierte Umweltwissenschaftler zum Kämpfer gegen Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung. Als Austauschschüler in der indonesischen Hauptstadt Jakarta machte er lebensverändernde Erfahrungen. Täglich sah sich der damals 16-Jährige mit unglaublichem Elend und Armut konfrontiert. Er musste erleben, wie eine schwangere Mitschülerin mit 15 Jahren zur Witwe wurde, weil die Familie kein Geld für lebensrettende Medikamente hatte. "100 Franken hätten gereicht", sagt er.

Diese Erlebnisse haben seinen inneren Kompass neu geeicht. Fortan war für ihn klar: "Du musst einen Beitrag leisten, die Welt ein Stück besser zu machen."

South Pole ist sein Vehikel dafür. Rund 22 Millionen Euro hat das Schweizer Unternehmen im vergangenen Jahr durch den Zertifikatsverkauf eingesammelt und das Geld in mehr als 300 Vorhaben investiert. Besonders stolz ist Heuberger auf eine grüne Kreditkarte, die er mit der Cornèr Bank aus Lugano entwickelt hat: Wer damit seine Käufe bezahlt, gleicht automatisch die damit verbundenen CO2-Emissionen aus, indem ein entsprechender Betrag in Klimaprojekte fließt.

"Es gefällt mir, Umweltprobleme marktwirtschaftlich zu lösen", sagt Heuberger heute. "Je mehr wir einnehmen, desto mehr können wir bewegen."

Auch Die Weltbank macht mitOb in Asien, Afrika oder Südamerika - in 25 Ländern suchen 110 Mitarbeiter in lokalen Büros nach sinnvollen Projekten und schlagen sie der Züricher Zentrale zur Realisierung vor. Mal geht es um Windparks, mal um solarbetriebene Kochstellen in abgelegenen Dörfern oder um einfache Wasserkraftwerke in Flüssen.

Zusammengerechnet konnten die Schweizer Klimaschützer vergangenes Jahr fast zwölf Millionen Tonnen Kohlendioxid vermeiden – annähernd die Menge, die durch die Nutzung von Facebook pro Jahr entsteht. Bekannte Kunden der Schweizer sind der Logistikkonzern Deutsche Post DHL, der beim Transport von Sendungen entstehende Emissionen neutralisieren will. Oder die Münchner HypoVereinsbank, die Umweltbelastungen von Dienstreisen kompensiert.

Für Heuberger ist das nur ein Anfang. Gerade entwickelt er für die Weltbank und Regierungen Gesetzesvorlagen zum Klimaschutz und Emissionshandel. Und er will sein Modell auf den Erhalt der Artenvielfalt und den Wasserschutz ausdehnen. Sein Eifer, Gutes zu bewirken, ist noch lange nicht am Ende.

In diesen Tagen stellen wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vor, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

Wir erzählen, wie Yvon Chouinard Patagonia zum ungewöhnlichsten Textilhersteller der Welt machte, wie Jacques-Philippe Piverger Solarleuchten in Entwicklungsländer bringt und wie Sissy Müller mit Crowdunding der Energiewende auf die Sprünge hilft.

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