Visionäre: Sissy Müller macht jeden zum Energie-Investor

Visionäre: Sissy Müller macht jeden zum Energie-Investor

von Jan Willmroth

Sissy Müller war gut bezahlte Energiehänderlin. Doch Sie kündigte lieber - um per Crowdfunding die Energiewende voranzutreiben.

Als Sissy Müller vor einem guten Jahr ihren Job kündigte, konnte das keiner verstehen. Ihre Karriere war zum neidisch werden: Nach dem VWL-Studium in Maastricht mit Spezialgebiet Mikroökonomik, einem Trainee-Programm bei der EU-Kommission und einem Job bei der Ökonomie-Beratung Oxera in Oxford war sie im Brüsseler Handelsraum des französischen Energiekonzerns GDF Suez gelandet.

Dort verkaufte die heute 32-Jährige alles, was man in der Energiebranche so braucht: Öl, Kohle, Gas, Strom, CO2-Zertifikate. Deutschen Stadtwerken und Großkonzernen half sie, ihre Kosten zu senken. Bald kopierten alle großen deutschen Energiekonzerne ihr System.

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So hätte es für sie immer weiter nach oben gehen können. Doch sie entschied sich gegen die Konzernkarriere. Sie hatte den Wunsch, eine eigene Firma zu gründen, und "wirklich etwas zu verändern", wie sie heute sagt.

Schon im alten Job war ihr täglich klarer geworden, wie die Energiewende ein ganzes Land verändert. Wie ein von vier großen Energiekonzernen beherrschter Markt binnen weniger Jahre völlig aus den Fugen gerät. Ihr gefiel, wie engagierte Bürger sich daranmachten, die Energieversorgung in die eigene Hand zu nehmen.

Energiewende-Investments für Kleinstanleger

Doch ihr missfiel, dass sich der Kreis im Wesentlichen auf Hausbesitzer, Landwirte und Projektgesellschaften begrenzte. Sie wollte jedem die Chance eröffnen, Solar- und Windenergieprojekte zu initiieren und an möglichen Gewinnen zu teilzuhaben.

Andernfalls, so ihre Sorge, würde die Energiewende in der Bevölkerung rasch an Akzeptanz verlieren.

Also gründete Müller im Januar 2013 Green Crowding, ein Online-Portal, über das jeder mit wenigen Klicks in erneuerbare Energien und Energieeffizienzprojekte investieren kann. Dahinter steckt das Prinzip des Crowd-Investing: Privatanleger investieren kleine Summen in konkrete Einzelprojekte, die auf der Web-Seite beschrieben sind, und erhalten binnen weniger Jahre eine garantierte Rendite. Künftig soll das bei jedem Projekt in Schritten von 50 Euro möglich sein - eine Summe, die Investitionen in die Energiezukunft auch für Kleinstanleger interessant macht.

Meist sind es Stadtwerke und Kommunen, die Geldgeber für neue Fotovoltaik-, Wind- und Biomasse-anlagen oder Energieeffizienzprojekte suchen. Mal tauscht ein städtisches Museum seine Glühbirnen gegen Sparlampen aus, mal will eine Schule eine sparsamere Heizung einbauen. Gerade steht das Projekt „X-Wind“ auf der Seite, über das wir vor wenigen Monaten bei WiWo Green berichteten.

Alternative zur BankenfinanzierungMüller will vor allem für sehr kleine Vorhaben eine Alternative zur Bankenfinanzierung schaffen. Ihre Anleger fungieren als Kreditgeber und erhalten einen Teil des bei Strom- und Heizkostenrechnungen eingesparten oder per Stromverkauf verdienten Geldes als Rendite. Die Energiewende als Volksbewegung – für Müller lässt sich Geld derzeit kaum sinnvoller anlegen.

Ein dreiköpfiges Team hat sie um sich geschart: einen Energieexperten, einen Internet-Spezialisten und einen Energieeffizienzmanager. Alle arbeiten an verschiedenen Orten. Schon mehr als 50 Projekte prüfte Müller auf ihre Seriosität. Nur wenn das Finanzierungsmodell und die Wirtschaftlichkeit stimmen, nimmt sie die Vorhaben in die Liste auf. Derzeit führt sie Gespräche mit mehreren Städten und Energieversorgern.

"Crowdfunding löst zwar nicht das Problem, dass vor allem die privaten Stromkunden die Kosten der Energiewende tragen", räumt Müller ein. "Aber zumindest können mehr Leute an der Wertschöpfung teilhaben." Ob das wirklich gelingt, daran will die Gründerin ihren Erfolg messen lassen. So wie die drei anderen deutschen Energiewende-Plattformen, die ein ähnliches Modell verfolgen.

In diesen Tagen stellen wir bei WiWo Green nacheinander sieben Menschen vor, die ihr Leben verändert haben, um die Welt zu verbessern.

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