Zu viel Kohle, Öl und Erdgas: Klimakatastrophe schlummert im Boden

Zu viel Kohle, Öl und Erdgas: Klimakatastrophe schlummert im Boden

von Jan Willmroth

Kohle- und Ölkonzerne besitzen viermal mehr Reserven, als für einen effektiven Klimaschutz verbrannt werden dürften.

Der erste Mai 2014 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der europäischen Rohstoffimporte. Kurz nachdem der russische Staatskonzern Gazprom zum ersten Mal Öl aus den Tiefen des arktischen Meeres gefördert hatte, erreichte am Donnerstag der erste Tanker mit Arktis-Öl den Hafen von Rotterdam. Mit großem Aufwand hatten Greenpeace-Aktivisten noch versucht, den Tanker zu stoppen – ohne Erfolg.

Das arktische Öl steht symbolisch für eine Entwicklung, die angesichts des Klimawandels zu denken geben sollte. Denn es sind nicht nur die Schmutzwolken, die Fabriken und Kraftwerke heute in die Luft pusten, die die globale Erwärmung begünstigen. Viel wichtiger sind die fossilen Brennstoffe, die heute noch in der Erde sind und erst in Zukunft verfeuert werden. Die Reserven der wichtigsten Energieträger Kohle, Öl und Gas sind zuletzt wieder kräftig angestiegen, und mit ihnen eine beängstigende Gewissheit: Die Klimakatastrophe schlummert im Boden.

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Das US-Unternehmen Fossil Free Indexes (FFI) hat in dieser Woche eine Rangliste von 200 Unternehmen veröffentlicht (hier zum Download), die die weltgrößten Rohstoffkonzerne nach den potenziellen Klimagas-Emissionen sortiert, aufgeteilt nach je 100 börsennotierten Kohle- und Öl- und Erdgas-Unternehmen. Die Logik des Reports „The Carbon Underground“: Je mehr Reserven ein Konzern sein Eigen nennt, desto mehr könnte er in Zukunft zum Klimawandel beitragen.

Spitzenreiter GazpromGasprom ist nicht nur Pionier bei der Förderung arktischen Öls – der Rohstoff-Riese besitzt auch von allen Konzernen das meiste in Öl und Gas gebundene CO2. Spitzenreiter im Kohle-Ranking ist der größte Kohleförderer Indiens, Coal India.

Das Ranking hat Fossil Free Indexes in einer Grafik dargestellt:

FFI-Gründer Stuart Braman sieht in seiner Studie eine Aktualisierung des wegweisenden Reports „Unburnable Carbon“ der Carbon Tracker Initiative. Darin hieß es noch 2011, die Reserven der Top 200 der Rohstoffkonzerne überstiegen das zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels noch zulässige CO2-Budget um 340 Prozent. Durch die neu erschlossenen Reserven liege das im Boden gebundene CO2 heute schon um das Vierfache über dem zulässigen Wert, schreiben Braman und seine Kollegen.

Damit reihen sie sich ein in eine wachsende Zahl von Forschern, Investoren und Aktivisten, die auf die Verbindung von Klima- und Investorenrisiken hinweisen und gleichzeitig fordern, möglichst viel Geld von den Konzernen abzuziehen und anders zu investieren. „Carbon Bubble“ – die Kohlenstoffblase – heißt das Stichwort. Demzufolge stehen weltweit Billionen in Rohstoffkonzerne investierte Dollar im Risiko, weil die Brennstoffe im Boden unter strengeren Klimaschutzvorschriften viel weniger wert sein könnten, als heute noch an den Märkten angenommen.

Weltweite BewegungAus dem Konzept ist inzwischen eine globale Bewegung geworden, die von Investoren eine Desinvestition fordert: Sie sollen ihr Geld von Anlagen abziehen, deren Wert von Brennstoffreserven abhängt. Zahlreiche Universitäten, Städte, Stiftungen und Investoren haben sich der Forderung bereits angeschlossen. Erst kürzlich forderten knapp 100 Professoren der US-Eliteuniversität Harvard in einem offenen Brief an die Universitätsleitung, ihr in Öl-und Kohlekonzernen investiertes Geld abzuziehen. Sogar die US-Großbank Morgan Stanley bezeichnete die Bewegung Anfang des Jahres als einen „Trend, den man beobachten sollte“.

Zuletzt bekam die Bewegung noch einmal prominenten Zulauf: Die weltgrößte Fondsgesellschaft BlackRock und die Londoner FTSE Group kündigten an, Aktienindizes zu veröffentlichen, die speziell alle Unternehmen ausschließen, deren Geschäft von nicht-erneuerbaren Brennstoffen abhängt. Damit reagiere man auf eine steigende Nachfrage, erklärte FTSE-Chef Mark Makepeace.

Die Warnungen werden deutlicher, die Forderungen deutlicher, die Zahl der Unterstützer wächst – doch es dürfte noch eine ganze Weile vergehen, bis mit Rohstoffkonzernen an der Börse kein Geld mehr zu verdienen ist. Bis dahin werden noch zahlreiche russische Arktis-Tanker europäische Häfen erreichen.

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