Bundestagswahl: Warum wir alle wählen gehen müssen

Bundestagswahl: Warum wir alle wählen gehen müssen

Klimawandel und Energiewende sind die großen Zukunftsthemen - wer hier mitbestimmen will, muss wählen gehen. Von Eike Wenzel

Von Eike Wenzel. Er gilt als einer der renommiertesten deutschen Trend- und Zukunftsforscher und hat sich als erster deutscher Wissenschaftler mit den LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Dies ist der erste Teil seiner Kolumne, in der er erklärt, warum Wahlenthaltung bei der kommenden Wahl keine Lösung ist. Der zweite Teil folgt morgen.

In Zeiten des Wahlkampfs ist das erste, was auf der Strecke bleibt, die Wahrheit. Es folgen der gute Geschmack und das Sachhaltigkeitsprinzip. Doch mindestens genauso schlimm wie die populistische Zerschredderung der Energiewende durch den Wahlkampfpopulismus der Politik ist nur noch die narzisstische Gekränktheit unserer spätbürgerlichen Nachhaltigkeits-Avantgarden.

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Wahlverweigerung ist kein Ausweg. Politischer Wille muss auch beim Schicksalsthema Energie erstritten werden, ansonsten entgleitet uns das Jahrhundertprojekt Energiewende.

Seit gut zehn Jahren debattieren wir intensiv über Klimawandel und Energiewende. Jetzt, anlässlich des Bundestagswahlkampfs, scheint auch die Nachhaltigkeits-Avantgarde die Lust am Kampf um die Energiewende verloren zu gehen.

Bislang sah die neue Weltordnung auf dem Energiesektor so aus: Nachdem wir uns mehr oder weniger alle auf die Förderung der Erneuerbaren Energien festgelegt hatten, ereignete sich in den USA ein kleines Energiewunder. Fracking ermöglichte eine zusätzliche Förderung von Schiefererdgas- und Schieferölvorkommen, was den USA zwischen 2010 und jetzt äußerst günstige Strompreise bescherte.

Damit (und gestützt von einer sich langsam erholenden US- und Weltkonjunktur) wurde den rezessionsgeplagten Amerikanern ein kleines Ansiedlungswunder renommierter Global Player (unter anderem BASF) zuteil und es lässt sich mit guten Argumenten zumindest eine kleine Industrie-Renaissance (wenn schon Apple wieder zuhause arbeiten lässt) prophezeien.

Wahlkampf und Plattitüden verdecken TechnologiefortschritteDas heißt: Nach der Wahl können wir uns nicht mehr um die Frage, wie der Wandel im Energiesektor tatsächlich auszusehen hat, herumdrücken. Werden wir noch einmal einen anachronistischen Energieträger wie Kohle beatmen und damit unsere CO2-Bilanz ruinieren oder finden wir einen besseren Weg?

Ausgerechnet jetzt kommt einem Nachhaltigkeitsprotagonisten wie Harald Welzer die Lust abhanden zur Wahl zu gehen. Ja, Deutschlands handverlesene Intelligenzja erscheint, wie Ulf Poschardt in der „Welt“ zutreffend analysiert hat, narzisstisch gekränkt und verweigert den gesamtgesellschaftlichen Konsens, die Stimmabgabe.

Harald Welzer, in beachtlich kurzer Zeit vom Gedächtnistheoretiker zum Nachhaltigkeitsforscher gemendelt, empfiehlt im „Spiegel“ in diesem Jahr das Wählengehen sein zu lassen. Angesichts der globalökologischen Probleme wisse man nämlich gar nicht, was beim Urnengang das geringere Übel sei.

Das Ergebnis: Wahlkampfgetöse der Parteien und Parteienverdrossenheit der Nachhaltigkeits-Intelligenzija führen dazu, dass die Energiewende unter die Räder kommt.

Keine Frage, um die Energiewende herum ist in den letzten Monaten ein undurchdringliches Arsenal an Vorurteilen und Plattitüden gewachsen, die mittlerweile schon an Stammtischen die Runde machen. Ein Beispiel: Die Verluste, die bei den fluktuierenden Energielieferanten Sonne und Wind anfallen, führen angeblich die gesamte Unternehmung ad absurdum. Neuere Studien aber zeigen, dass es hierfür längst Lösungen gibt.

Mehr Sachlichkeit bitte!Aus der Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zum Beispiel geht hervor, dass die Überschüsse in den meisten Zukunftsszenarien relativ selten, aber in der Spitze mit hoher Leistung auftreten. In einer Simulation der Forscher für das Jahr 2032 entstehen unter Annahme eines flexiblen Systems gerade einmal in 471 von 8.760 Stunden des Jahres Überschusssituationen, in nur 14 Stunden ist dieser Überschuss jedoch größer als 30 GWh.

Fazit: Die regenerativen Energien optimieren ihre Technologie mit hoher Geschwindigkeit – aber wir haben ja Wahlkampf, schlechte Zeiten für sachhaltige Auseinandersetzungen.

Das große Ärgernis, das Wahlkampf und Populismus mit sich bringen, ist, dass komplexe technologische und gesellschaftspolitische Phänomene wie Erneuerbare Energien, Fracking und knappe Rohstoffe eher diffuser als durchschaubar gemacht werden.

Das könnte für uns nach dem 22. September zur Folge haben, dass in der öffentlichen Diskussion ein fataler Stillstand entsteht: „Mit den Erneuerbaren geht es sowieso nicht weiter, und beim Fracking halten sich Vor- und Nachteile ebenfalls die Waage“ – dieser Eindruck hat sich in der öffentlichen Meinung längst verfestigt. Auf diese Weise verschwindet ein zentrales Zukunftsthema von der Agenda. Berliner Wahlkampfpopulismus und geknickte Nachhaltigkeits-Intelligenzija befördern das öffentliche Verschwinden eines Schicksalsdiskurses unserer Epoche (nämlich wie entkoppeln wir Energiegewinnung von Umweltzerstörung).

Ein kurzer Sommer der Nachhaltigkeits-AvantgardeDie hiesige Intelligenzja hat sich in den vergangenen rund zwei Jahren (gerade einmal eine halbe Legislaturperiode) mit beachtlicher Emphase um die gute alte gesellschaftliche Relevanz bemüht. Getan hat sie das mit Vorliebe mit Bezug auf das Thema der Nachhaltigkeit und der Energiewende. Was die plötzliche Demoralisierung der Nachhaltigkeits-Intelligenzja verständlich macht, sind die Subventionsspielchen, die die amtierende Bundesregierung mit dem Thema Energie treibt, die „Zeit“ hat das kürzlich überzeugend aufgearbeitet.

Die an der Welt verzweifelnden Intellektuellen eignen sich nicht für den Wahlkampf (wofür ich volles Verständnis habe). Sie eignen sich jedoch auch nicht für die Energiewende, denn die verlangt Sisyphos-Arbeit, Geduld und Demokratieverständnis. Und sie verlangt, dass wir geschlossene Weltbilder außer Kraft setzen und auf Gewissheiten verzichten.

Nur noch Ignoranten und reaktionäre Esoteriker bezweifeln den menschengemachten Klimawandel. Und wir brauchen hierzulande ein Denken über Technik, das sich wieder stärker an dem griechischen Techné orientiert. Und das heißt: Kunstfertigkeit oder allgemeiner: Vermögen, Handwerklichkeit. Wir dürfen angesichts des dramatischen Wandels unserer Lebensgrundlagen (Rohstoffe, Klimawandel, Digitalisierung, Globalisierung) Lösungen nicht zu früh verteufeln: Fracking darf nicht zu Stuttgart 21 werden. Wir müssen Technologien als gesellschaftliches Vermögen, als gesellschaftlichen Schatz verstehen.

Fracking ist das Stuttgart 21 der EnergiedebatteSo stehen wir als Veränderungsforscher und Marktbeobachter ein wenig allein gelassen vor den Herausforderungen der kommenden Jahre. Die gekränkte Nachhaltigkeits-Intelligenzija, wie sie der schreibfreudige Harald Welzer repräsentiert, erweist den Mechanismen des Wahlkampfs einen Bärendienst, weil sie von vornherein die Debatte verweigert.

Wie wir in den nächsten Jahren mit Energiewende, Klimawandel etc. weiter kommen, müssen wir aber in der tagespolitischen Arena selbst entscheiden. Und wir müssen Gesellschaft (die so genannten „Konsumenten“, Institutionen, Meinungsbildner) und die Märkte damit konfrontieren, dass die Energiewende in einem politischen Prozess auf den Weg gebracht werden muss.

Dafür sollten wir unsere Kränkungen abschütteln (der Weltgeist hat die Realität noch nie im Parforceritt verändert, liebe Intelligenzija!). Und wir sollten uns ernsthaft auch mit brisanten Themen befassen.

Fracking beispielsweise ist mittlerweile ein Index-Wort, das man hier zu Lande beim empörten Nachhaltigkeits-Bürgertum am besten gar nicht mehr in den Mund nimmt. Schade eigentlich, denn wenn wir kluge Technologien so frühzeitig zum No-Go-Diskurs erklären, könnte es uns passieren, dass wir wichtige Entwicklungen verpassen.

Ich war kürzlich für ein paar Wochen in Großbritannien. Dort hat die kollektive Empörung um Fracking (die Torys wollen Fracking, die königlichen Wutbürger halten es für Teufelszeug) einen Grad der Unsachlichkeit erreicht, der das hochverschuldete und modernisierungsresistente Land ein weiteres Mal spalten wird.

Wenn Individualismus mit Ökologismus verwechselt wirdDer größte Feind einer Zukunft erschließenden Umweltpolitik ist der Parteienpopulismus und sein Hochamt, der Wahlkampf. Es hat sich ja abgezeichnet, dass das Schlüsselthema Energiewende im Wahlkampf böse unter die Räder geraten würde.

Die Briten nennen das Electioneering: Weil nun einmal Wahlkampf ist, werden zukunftswichtige Themen vorübergehend auf Parolen, Formeln, oder schlimmer noch: auf seichte Glaubensbekenntnisse herunter transformiert („Wir alle wollen eine lebenswerte Umwelt“), und damit in ihrer Brisanz und Relevanz entschärft.

Was der kampagnendementen Politik zurzeit wunderbar in die Karten spielt, sind Protestformen (Fracking und Strompreise bieten sich hier besonders an), die Individualismus mit Ökologismus, Befindlichkeitspolitik mit Verantwortungsbewusstsein verwechseln. Hierzu gehören Bürgerinitiativen, die in erster Linie nach dem St.-Florians-Prinzip handeln („Nicht in meinem Vorgarten!“), aber auch unsere sensible Nachhaltigkeits-Intelligenzija arbeitet dieser Zukunftsvergessenheit zu.

Morgen lesen Sie, auf welchen sechs Grundlagen die künftige Energiepolitik basieren muss.

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