Chef der Steyler Bank: „Nachhaltige Geldanlagen sind noch zu abstrakt“

Chef der Steyler Bank: „Nachhaltige Geldanlagen sind noch zu abstrakt“

von Jan Willmroth

Der Geschäftsführer der Steyler Missionsbank, spricht über Nachholbedarf und Gefahren großer Banken.

Aufgeblasene Bilanzen, verantwortungsloses Management, Finanzprodukte, die ein ganzes Geldsystem an den Rand des Abgrunds bringen: Man muss kein Bankexperte sein, um wesentliche Ursachen der Finanzkrise bei den Großbanken auszumachen.

Das ist ein Grund, warum fünf Jahre nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers noch viele Kunden zu einem nachhaltigen Geldhaus wechseln. Das gilt auch für die Steyler Bank, die trotz des Wachstums selbst unter den nachhaltigen Banken ein kleines Institut ist. Ihr Name geht zurück auf die Steyler Missionare, ein katholischer Missionsorden, der sich für Nächstenliebe und die Bewahrung der Schöpfung einsetzt.

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Bei der Bonner Bank entscheiden die Kunden zum großen Teil selbst, was ihnen bei der Geldanlage wichtig ist. Die Branchenexperten des Info-Dienstes Ecoreporter haben die Bank kürzlich mit ihrem Nachhaltigkeitssiegel ausgezeichnet. Geschäftsführer Norbert Wolf erklärt im Interview den Nachhaltigkeitsansatz der Bank – und warum er Großbanken für gefährlich hält.

Herr Wolf, die Steyler Bank ist eine Missionsbank. Was muss man sich unter dem Begriff vorstellen?

Also einmal, dass die Gründung der Bank und die heutige Eigentümerstruktur eng mit einer katholischen Ordensgemeinschaft verbunden ist – also mit Leuten, die eigentlich ein Armutsgelübde abgelegt haben. Die Steyler Missionare haben neben ihrem Auftrag, das Wort Gottes in die Welt hinaus zu tragen, das Ziel, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern und die Schöpfung zu bewahren. Das sollte auch im Bankgeschäft zum Tragen kommen.

Also eine religiös begründete Nachhaltigkeit. Ist das überhaupt etwas für Nicht-Christen?

Wir kommen natürlich aus dem katholischen Raum, und unsere bescheidenen Werbe-Bemühungen finden vor allem dort statt. Deshalb sind die meisten unserer Kunden katholische Christen, viele evangelische Christen gehören auch dazu. In den vergangenen Jahren erleben wir allerdings einen Zulauf von Menschen, die nicht mehr unbedingt eine starke Bindung zur Kirche haben – die kommen wegen unseres Konzeptes. Insgesamt reden wir über rund 500 neue Kunden pro Jahr.

Also mehr und mehr wegen ihres nachhaltigen Ansatzes und weniger wegen ihres kirchlichen Hintergrunds. Das passt ins Bild: Nachhaltige Banken erleben einen nie gekannten Kundenzuwachs. Für ihr Konzept haben sie das Nachhaltigkeitssiegel der Zeitschrift Ecoreporter erhalten. Was ist das Besondere an dem Ansatz?

Uns ist es wichtig, dass wir bei unseren Geldanlagen auf das gesamte Wirtschaftssystem schauen – anders als bei den meisten anderen nachhaltigen Banken stehen  für uns nicht die ökologischen Kriterien im Vordergrund. Es geht nicht nur um Windräder oder Solaranlagen, sondern alle sozialen und ökologischen Kriterien in Unternehmen. Wir investieren zum Beispiel nur in Unternehmen, deren Produkte die Menschen im christlichen Sinn zu einem „guten Leben“ führen.

"Nichts, das vernichtet"Welche Produkte sind das?

Fangen Sie bei Alltagsprodukten an, bei Grundbedürfnissen: Morgens kochen Sie sich Kaffee, essen Brot, dann putzen Sie sich die Zähne. All das muss jemand herstellen. Wir schauen genau nach, wie diese Produkte unter sozialen und ökologischen Kriterien hergestellt werden. Dann folgen wir dem Best-in-Class-Prinzip und unseren Ausschlusskriterien.

Die Ausschlusskriterien sind eine alte Leier, man kennt sie von anderer Stelle: Keine Investitionen in Rüstung, Atomkraft, Zigaretten, bestimmte Rohstoffe. Sind ihre Kriterien besonders streng?

Wir kommen immer wieder zu den Fragen, womit wir Geld verdienen wollen und womit nicht. Alle Kriterien gehen darauf zurück, dass wir nicht in etwas investieren wollen, das vernichtet. Dann: Wie sieht es mit der Würde des Menschen aus? Schon sind wir bei den Themen Abtreibung und Pornografie. Was ist mit der menschlichen Gesundheit? Schon sind wir weg von Zigaretten und hochprozentigen Alkoholika. Sie sehen: Man braucht nur einfache Grundprinzipien, und prompt fliegen viele Sachen raus.

Bei alledem geht es darum, was produziert wird. Was ist mit dem Wie?

Wir wollen nicht Geld mit Unternehmen verdienen, die auf unlautere Weise Gewinne erwirtschaften. Massive Kartellrechtsvergehen, Missbrauch von Marktmacht, Korruption – solche Sachen lehnen wir ab.

Dann ist Siemens tabu?

Siemens ist inzwischen wieder investierbar, war aber sehr lange Zeit tabu. Wir haben sie damals wegen der Korruptionsskandale aus dem Anlageuniversum rausgeschmissen – und im vergangenen Quartal sind sie wieder reingekommen. Sie haben einen guten Job gemacht, die Korruptionsprobleme aufzuarbeiten. Sie sehen, wir wollen Unternehmen zum Umdenken bewegen. Wir sagen, wie in diesem Fall: Dieser Ausschluss ist nicht für die Ewigkeit. Unternehmen können sich auch ändern.

"Das Thema Geld ist für viele zu abstrakt"Der Dunstkreis der nachhaltigen Banken ist überschaubar, sie sind Winzlinge im Bankensektor, ihr Einfluss ist begrenzt. Wie viel Druck können Sie tatsächlich auf Unternehmen ausüben?

Wir sind in den vergangenen Jahren schon einige Schritte gegangen: Wir führen als Bank viele Gespräche mit Unternehmen und nutzen Netzwerke unter anderem zu Stiftungen, zudem sind wir Mitglied im Verein nachhaltig orientierter Investoren (CRIC) Also: Wir werden gehört. Wir haben in unserer Branche mit dem Thema Geld aber etwas sehr abstraktes – wir müssen dem Verbraucher bewusst machen, welchen Mehrwert er dadurch schafft. Wenn er sich einen fair gehandelten Kaffee kauft, bekommt er das direkte Gefühl, etwas Gutes zu tun. Bei einem nachhaltigen Fonds ist das viel weniger greifbar. Es ist die wichtigste Aufgabe unserer Branche, das greifbarer zu machen.

Wie kann man diesen Einfluss denn für den Anleger darstellen?

Wir haben bei unseren Fonds mal analysiert, wie viel CO2-Ausstoß pro Marktkapitalisierung die darin enthaltenen Unternehmen verursachen. Dabei kam heraus, dass sie viermal weniger Emissionen pro Einheit Börsenwert verursachen, als wenn man das gleiche Geld in den Dax investiert hätte.

Nicht nur der Einfluss auf Unternehmen ist begrenzt – auch im Bankensektor gehören Sie weiterhin zu einer exotischen Gruppe kleiner Banken mit nachhaltigem Ansatz. Gehen Größe und Nachhaltigkeit nicht zusammen?

Wenn man die paar großen Banken ausklammert, bleiben ja in Deutschland fast nur sehr kleine Banken übrig. Und selbst die Großen merken gerade, dass sie sich um die Nachhaltigkeit kümmern müssen. Wenn jetzt die vielen kleinen Sparkassen und Genossenschaftsbanken mehr auf nachhaltige Kriterien achten – und ich glaube, das ist sehr gut möglich – würde das natürlich den Druck auf die großen Geldhäuser enorm erhöhen. Ich kann mich an eine sehr große Fondsgesellschaft erinnern, deren Chef mir vor rund zehn Jahren gesagt hat, man brauche keinen nachhaltigen Fonds. Heute spielen sie alle mit.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage wünscht sich eine ganz große Mehrheit der Deutschen eine schärfere Bankenregulierung. Ist das Großbankensystem eine Bedrohung?

Ich merke ja, wie sich die Regularien ändern. Wir haben gerade eine Situation, in der die vielen kleinen Banken einem enormen Regulierungsdruck unterliegen. Ich bin heute der Meinung, dass wir erst einmal genügend Regulierung haben. Aber ich sage ganz klar: Wenn eine Aufsichtsbehörde die Risiken einer Bank nicht mehr beurteilen kann – und das gibt es in vielen Fällen –, dann darf diese Bank eigentlich nicht mehr am Markt existieren.

Also sollten wir Großbanken zerschlagen?

Keine Bank darf so groß sein, dass sie das ganze System mit in den Abgrund reißt, wenn sie in Schwierigkeiten gerät. Wir haben da auch ein Dilemma: Viele Kunden entscheiden sich für eine große Bank, weil sie glauben, dass dort ihr Geld sicher ist – gegebenenfalls  haftet ja auch der Steuerzahler. Das darf nicht sein. Im Zweifel muss man vorübergehend eine Staatsbank daraus machen, wenn die Risiken nicht beherrschbar sind.

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