Cleantech: So wird 2013

von Benjamin Reuter

Solar, Mobilität, Rohstoffe: 10 Trends, die das nächste Jahr bestimmen werden.

Ein Viertel unserer Stromversorgung stammt aus Erneuerbaren, Abertausende im ganzen Land beteiligen sich an der Energiewende. Zugleich erleben die USA einen schier unglaublichen Gas-Boom. Und Unternehmen, die sich im Bereich Nachhaltigkeit versucht haben, sind böse auf die Nase gefallen. Keine Frage, es war ein bewegtes Greentech-Jahr.

Wir glauben, das nächste Jahr wird noch weitaus entscheidender. Wieso das so ist und was wir von den nächsten Monaten erwarten, haben Benjamin Reuter und Sebastian Matthes in 10 Plus 1 Thesen für Sie zusammengefasst.

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1. Deutsche entdecken ihre Liebe für Hybridautos

Wie viel wurde in den vergangenen Jahren über Elektroautos berichtet. Bis 2020 will die Bundesregierung eine Million von ihnen auf die Straße bringen – mittlerweile sollen auch Elektrofahrräder in dieser Zahl berücksichtigt werden. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen: Das wird nichts – obwohl zum Beispiel BMW 2013 mit seinen Carbonfahrzeugen mit E-Antrieb auf den Markt kommt. Auch in den USA, so weissagte eine Studie der dortigen Energieagentur, werden 2030 nur ein Prozent der Autos rein elektrisch fahren.Ist das E-Auto damit tot? Mitnichten.Denn 2013 werden Hybridautos – die also entweder ihre Kraft aus einem Akku oder dem Benzin-Tank ziehen – ihren endgültigen Durchbruch feiern. In den USA sind Zwitterwagen wie der Toyota Prius schon jetzt Verkaufsschlager. Den autobahnvernarrten Deutschen waren sie bisher zu klapprig für schnelle Ausfahrten. Nun bringt VW im Frühjahr aber seinen Hybrid-Jetta auf den deutschen Markt. Auch Audi, Daimler und BMW planen mehrere Modelle mit Hybridantrieb. Fahrspaß, auch auf der Autobahn, sollte hier garantiert sein. Damit kann auch in Deutschland das Zeitalter der teilelektrischen Mobilität beginnen – denn eine Millionen Hybrids sind bis 2020 gar nicht unwahrscheinlich.

2. Treibstoff aus Algen kommt2013 wird auch das Jahr des Algentreibstoffs werden. In den USA tat schon länger eine Pilotanlage des US-Startups Sapphire Energy ihren Dienst. Jetzt ist die erste Industrieanlage im Bau. Und auch in Brasilien errichtet das Österreichische Unternehmen SAT bis Ende des Jahres eine erste Industrieanlage, die jährlich 1,2 Millionen Liter Algensprit herstellt. Auch ein weiteres amerikanisches Startup, nämlich Solazyme, verkauft jetzt schon den ersten Sprit an Tankstellen und will die Produktion ausweiten.

3. Grün oder nicht grün?Fragt man heute bei Großunternehmen wie DOW-Chemical nach, welche ihrer neuen Produkte besonders nachhaltig oder grün sind, dann erntet man nur Kopfschütteln: „Alle unsere neuen Produkte sind in irgendeiner Weise grün“, heißt es dann. Das bedeutet, sie helfen regenerative Energie zu erzeugen oder Rohstoffe zu sparen – ob als Dämmung in Häusern oder als Harze in Rotoren von Windanlagen. Auch bei nicht produzierenden Unternehmen ist dieser Trend zu bemerken: So binden immer mehr Firmen ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung in ihren Geschäftsbericht ein. Grün oder nicht grün – die Grenzen verschwimmen immer mehr.

4. Solarenergie erlebt ImagewandelBeim Thema Solarstrom ist Deutschland geteilt. Diejenigen, die Panele auf dem Dach haben, freuen sich über hohe Vergütungen – diejenigen, die sie zahlen, schimpfen dagegen auf die Technik. Dieser Gegensatz wird 2013 kleiner: Solaranlagen liefern Privatverbrauchern schon jetzt günstigeren Strom als die Energieversorger über die Steckdose. Und kleine Heimanlagen, zum Beispiel für Balkon und Terrasse werden nach den USA auch hierzulande ihren Siegeszug antreten. Sonnenenergie wird eine Energie für alle. Denn es wird immer offensichtlicher, dass sich die Stromerzeugung Zuhause auch ganz ohne Subventionen rechnet. Und in wenigen Jahren wird auch Wärme aus Solarstrom billiger als die Ölheizung. Damit werden die Anlagen auch für einstige Kritiker zu einer wichtigen Alternative, weil sie viel Geld sparen können. Allein wer einen großen Baum an der Südseite des Hauses hat, wird davon nicht profitieren.

5. Neue Speicherkonzepte gehen an den StartWo speichern wir grünen Strom für Zeiten, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint? Drei Großprojekte, die Lösungen aufzeigen, werden 2013 aktuell: Von Deutschland wird der Bau von Stromleitungen nach Norwegen begonnen, um dort die Energie in Wasserbecken zu speichern. Nahe Hamburg will der Chemiekonzern DOW den Bau einer Pilotanlage für die unterirdische Wasserstoffspeicherung prüfen. Und Audi treibt im Verbund mit dem Startup Solarfuel den Bau einer Anlage voran, die grüne Energie in erdgasähnliches Methan umwandelt. Dieses grüne Gas kann Autos antreiben, Häuser heizen oder in einer Turbine wieder zu Strom werden.

6. Energiewende im Keller wird beherrschendes ThemaFrüher waren die Dinge einfach: Da mussten sich Eigenheimbesitzer zwischen Gas- und Ölheizungen entscheiden. Nächstes Jahr werden die Dinge komplizierter. Die Hersteller haben ihr Sortiment ausgeweitet und bieten eine riesige Palette an Kombinationsmöglichkeiten: Solarthermie mit Gas, Geothermie mit Solar, Mini-Blockheizkraftwerke, die Strom UND Wärme erzeugen, und und und. Schon jetzt können Technik-Journalisten kaum noch auf Partys gehen, ohne den ganzen Abend zu diesen Möglichkeiten interviewt zu werden. Das war erst der Anfang.

7. Cleantech-Hype kühlt weiter abAlle reden über die grüne Wirtschaft, allein: die Startups haben wenig davon. Zwar erhalten die grünen Gründer in aller Regel viel Applaus für ihre Ideen. Geht es aber ums Geld, werden Investoren nächstes Jahr noch zurückhaltender als sie es 2012 schon waren. Zu viele haben sich von der grünen Euphorie mitreißen lassen. Das ist bitter, sorgt aber zugleich dafür, dass die Unternehmen nachhaltiger wachsen, weil sie nicht vorschnell mit Geld überschüttet werden.

8. Unternehmen finanzieren CleantechEinen Lichtblick gibt es für grüne Unternehmer aber: Immer mehr Konzerne beteiligen sich an grünen Jungunternehmen. Sie werden - wie in der Vergangenheit schon bei Internet-Startups - im nächsten Jahr auch für Cleantech-Startups zu einer der wichtigsten Finanz- und Know-how-Quelle.

9. Das wahre Gesicht des Gas-BoomsDie USA sind im Gas-Rausch - und schon in wenigen Jahren könnten sie, so glaubt die Internationale Energieagentur - zum größten Öl-Exporteur werden. Doch langsam werden Zweifel an solchen Prognosen laut. Nächstes Jahr werden wir eine intensive Debatte über die Nachhaltigkeit des US-Rohstoffbooms erleben. Während langsam klar wird, dass die Technik des Fracking aus Umweltgesichtspunkten beherrschbar ist, werden wir öfter die Frage hören, ob es überhaupt so viel Gas im amerikanischen Boden gibt, wie Exxon & Co glauben. Denn Insider der US-Ölwirtschaft klagen schon länger, dass die Schiefergasquellen wesentlich schneller erschöpft sind, als gedacht. Damit wird das Geschäft mit unkonventionellen Gasreserven (bei jetzigen Preisen) unrentabel. Arthur Berman, ein ehemaliger Geologe von Amoco Petroleum sagt, dass Gas-Quellen in Texas so schnell erschöpft sind, dass jedes Jahr 1000 Mal neu gebohrt werden müsse, um die Produktion auf dem gleichen Stand zu halten. Das Problem: Das koste zehn bis zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Eine unvorstellbare Summe, die sich schnell zu Kosten addieren könnte, die in den USA ausgegeben wurden, um die Banken zu retten.

10. Renaissance grüner KohleEin fast vergessenes Modethema wird eine Renaissance erleben: grüne Kohlekraftwerke, die zwar fossile Brennstoffe verheizen, aber dennoch kaum CO2 ausstoßen. In Deutschland ist das Thema erledigt, auch aus Angst, dass das Klimagas eines Tages aus seinem Grab tief in der Erde wieder emporsteigt. Doch Länder wie China sind wild entschlossen, die Technologie zum Abspalten und Einlagern voranzutreiben. Hier werden wir 2013 wahrscheinlich erste Erfolge sehen. Vielleicht ist das dann die erste grüne Technik, die Deutschland aus Asien re-impotieren muss?

Und so viel steht fest: 2013 wird ein gutes Jahr

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