Debatte: Warum sich die Klimaforschung öffnen muss

Debatte: Warum sich die Klimaforschung öffnen muss

Kommunikation mit den Bürgern, Beratung der Politik und Mitsprache bei der Energiewende - Klimaforscher sollten sich stärker engagieren.

Johannes Orphal ist Professor für Physik und Leiter des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Wissenschaftliche Sprecher des Programms „Atmosphäre und Klima“ der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF).

Was der Klimagipfel in Doha und die Klimawissenschaft gemeinsam haben? Sie werden in der Öffentlichkeit nicht richtig wahrgenommen. Ich selbst war übrigens letzte Woche nicht dabei in Doha, und ich habe leider in den Medien nicht allzu viel davon gelesen, gehört oder gesehen –es gab viele andere, wichtigere Ereignisse.

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Wenn man überhaupt etwas las, dann wurde oft daran gezweifelt, ob solche Konferenzen überhaupt Sinn machen. Und es wurde immer wieder gefragt, warum über 13000 Teilnehmer ausgerechnet an den Persischen Golf fliegen müssen, um dort über das Klima zu diskutieren? Aber über die Inhalte wurde weniger berichtet.

Ein ähnliches Problem könnte sich auch bei einem zweiten „Großevent“ in Sachen Erderwärmung wieder zeigen: seit Jahren bereiten Forscher den nächsten (fünften) Bericht des Weltklimarats (IPCC) vor, der 2014 erscheinen wird. Der mehrere hundert Seiten lange Bericht erfordert enorm viel Arbeit: nicht nur müssen die Forscher viele Tausend Studien aus der ganzen Welt zusammenfassen, sondern wie auch in Doha sind dafür unzählige Reisen, Sitzungen und lange Diskussionen nötig; zum Glück geht hier vieles per Email, anders als bei politischen Verhandlungen.

Aber nur so ist es eben überhaupt möglich, einen Bericht zu erstellen, der auf einem breiten wissenschaftlichen Konsens beruht. Der Bericht soll den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel so vollständig wie möglich wiedergeben, aber muss auch für Nicht-Fachleute weitestgehend verständlich sein.

Wie kann man nun dafür sorgen, dass diese Erkenntnisse auch in der Öffentlichkeit verstanden werden?

1. Die Klimaforschung muss in Zukunft besser mit den Medien zusammenarbeiten.Wie viel ist hier schiefgegangen in den letzten Jahren, und was für merkwürdige Theorien – manche verdienen nicht einmal diesen Namen, jedenfalls aus wissenschaftlicher Perspektive – werden immer noch von sogenannten Experten in den Medien verbreitet! Offenbar sind wir Klimaforscher einfach nicht besonders gut darin, unsere Ergebnisse und Unsicherheiten der Öffentlichkeit zu vermitteln. Und leider sind manche sehr kontrovers vorgebrachten Thesen für die Medien besonders interessant. Sollen die Klimaforschung und ihre Ergebnisse in Zukunft anders wahrgenommen werden, müssen wir Wissenschaftler darin deutlich besser werden.

Und: wir müssen vorsichtig damit umgehen, in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit immer wieder Katastrophen-Szenarios aufzuzählen, auch wenn vieles davon möglich oder sogar wahrscheinlich ist. Denn diese Aufregungsspirale, die gerne von den Medien aufgegriffen wird, erzeugt sehr schnell einen Ermüdungseffekt. Und genau dann gewinnen wissenschaftlich nicht haltbare Theorien an Überzeugungskraft. Bald beginnen viele Menschen zu glauben, die Vorhersagen wären falsch oder gar absichtlich übertrieben, zumal ja die Katastrophen nicht so plötzlich auftauchen, wie die meisten es erwarten.

Und auch wissenschaftlich gibt es Nachholbedarf: Vor allem brauchen wir in Zukunft bessere, noch genauere Vorhersagen, um die Öffentlichkeit zu überzeugen, und uns auf mögliche Risiken vorzubereiten. Genauer gesagt heißt das:

2. Die Klimaforschung muss den Bedürfnissen der Menschen antworten.Die Klimaforschung muss sich vor allem noch stärker als bisher auf den regionalen Klimawandel konzentrieren: Denn nur dann bleibt er für die Menschen kein abstraktes Phänomen vom „anderen Ende der Welt“. Dazu gehören Untersuchungen mit leistungsfähigen Observatorien, Satelliten, Großlabors und numerischen Modellen. Hier sind auch neue Formen der Zusammenarbeit mit Experten aus anderen Bereichen wie den Wirtschafts- und Politikwissenschaften besonders wichtig.

Übrigens: Ich mache jetzt kein Plädoyer für mehr Geld, wie man Klimaforschern gerne unterstellt. Deutschland ist hier im internationalen Vergleich bislang sehr gut ausgerüstet. Aber leider wird der Sinn der Klimaforschung auch hierzulande immer wieder in Frage gestellt. Dabei wird die Ausrichtung auf regionalen Klimawandel gerade in Deutschland seit einigen Jahren verstärkt gefördert, wie zum Beispiel in der „REKLIM“-Initiative der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Außerdem sollten sich Klimaforscher mehr in die Diskussion um die Energiewende einmischen: Verbunden mit der Frage der Verfügbarkeit von Rohstoffen und ihren steigenden Preisen ist sie doch ein ganz maßgeblicher Faktor für die Entwicklung des Klimas. Aber es ist leider gar nicht so einfach, das alles in Klima-Modellen zu berücksichtigen. Hier ist die Zusammenarbeit mit Experten aus anderen Gebieten ganz besonders wichtig.

Und noch in einem dritten wichtigen Bereich müssen sich Klimaforscher stärker engagieren: In der Beratung der Entscheider. Denn die wirtschaftlichen und politischen Dimensionen des Klimawandels sind gewaltig. Deshalb sind nur erfahrene und vor allem sehr gut beratene Politiker in der Lage, bei einer so diversen und kontroversen Interessenlage eine diplomatische Einigung zu erzielen, die zu internationalen Abkommen und grundsätzlichen Veränderungen führen kann. Daher meine dritte These:

3. Klimakonferenzen und Klimawissenschaft brauchen mehr Aufmerksamkeit.Wenn viele Kommentatoren nach Doha am Sinn der Klimagipfel zweifeln, ist das meiner Meinung nach kurzsichtig. Denn um etwas gegen den Klimawandel und seine Auswirkungen zu tun, müssen sich die wichtigsten Akteure aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Wissen auch in Zukunft wieder treffen – selbst wenn es sehr mühsam ist, zu einem konkreten Ergebnis zu kommen, wie wir gerade wieder gesehen haben. Aber ohne diese Konferenzen geht es eben schon gar nicht.

Ich hoffe, der Klimawandel wird in den Medien nicht immer wieder von anderen, nur teilweise wichtigeren Tagesereignissen überschattet. Der Klimawandel ist natürlich oft sehr unspektakulär und vollzieht sich nur langsam (hingegen für unseren Planeten und die gesamte Biosphäre ist es eine extrem schnelle Veränderung, wie wir aus Vergleichen mit Datenreihen über Millionen von Jahren sehen können) – aber die Konsequenzen sind, soweit wir es bisher abschätzen können, gewaltig. Wir müssen ihn daher als ein ernsthaftes Risiko behandeln, und lernen, mit dieser großen globalen Herausforderung gemeinsam und verantwortlich umzugehen.

Auf der Ebene einzelner Staaten ist diesem Menschheitsproblem gewiss nicht beizukommen. Aber ich meine, Deutschland und seine Klimawissenschaftler können und sollten hier unbedingt eine proaktive Rolle spielen, sowohl in der Wissenschaft und Öffentlichkeit, wie auch in Wirtschaft und Politik.

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