Energiewende: Das sind die sechs größten Herausforderungen

Energiewende: Das sind die sechs größten Herausforderungen

Die Energiewende ist bisher Stückwerk. Welche Herausforderungen jetzt warten, beschreibt Manfred Fischedick.

Dies ist der fünfte Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert regelmäßig ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann. Der Autor dieses Textes ist Manfred Fischedick, Experte für Energietechnik und Vizepräsident des Wuppertal Institutes für Klima, Umwelt, Energie

In der öffentlichen Diskussion wird die Energiewende in Deutschland häufig mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und deren Integration in die bestehende Stromversorgung gleichgesetzt. Dies greift im doppelten Sinne zu kurz. Zum einen wird mit der Steigerung der Energieeffizienz die zweite wesentliche Säule für den nachhaltigen Umbau des Energiesystems vernachlässigt, zum anderen wird die Debatte auf eine primär technische Gestaltungsaufgabe verkürzt.

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In der Realität umfasst die Energiewende in Deutschland aber neben der technologischen Herausforderung ein Bündel von sechs weiteren zentralen Herausforderungen. Erst, wenn alle Herausforderung gemeinsam angegangen und geplant werden, kann die Energiewende in Deutschland wirklich gelingen.

1. Die InvestitionsherausforderungDie Energiewende kostet erst einmal Geld. Erst später, wenn zum Beispiel Wind- und Solaranlagen abgeschrieben sind, werden sie uns günstigen Strom liefern. Neben den Kosten für die Erneuerbaren kommen aber noch eine Reihe weiterer Investitionen in den kommenden Jahren auf uns zu. Für die Aufrechterhaltung der Systemstabilität werden auch in Zukunft Investitionen in konventionelle Kraftwerkskapazitäten benötigt. Denn wenn Sonne und Wind keinen Strom liefern, werden wir auf Gaskraftwerke zurückgreifen müssen.

Auch in anderen Sektoren besteht ein immenser Kapitalbedarf. Dies gilt nicht zuletzt für den Gebäudesektor, der heute für rund zwei Fünftel des Endenergiebedarfs verantwortlich zeichnet und damit für das Gelingen der Energiewende eine Schlüsselfunktion besitzt. Typische Hemmnisse im Gebäudebereich sind neben der Kapitalverfügbarkeit, Informationsdefiziten, dem Vermieter-Mieter-Dilemma auch die mangelnde Bereitschaft vieler Gebäudebesitzer, aufgrund ihrer spezifischen Lebenssituation Kredite für eine Sanierung aufzunehmen. Um diese Blockade zu lösen, bedarf es unter anderem innovativer Finanzierungsdienstleistungen und –angebote.

Insgesamt kann die Energiewende nicht gelingen, wenn die Gesellschaft nicht bereit ist, monetäre Vorleistungen zu erbringen, um die ersten wesentlichen Schritte auf dem Transformationspfad machen zu können. Es bedarf also einer Bereitschaft, heute auf die Rendite der Zukunft einzahlen zu wollen.

2. Die InfrastrukturherausforderungDie Infrastrukturherausforderung ist in der öffentlichen Diskussion allgegenwärtig. Sie manifestiert sich vor allem in der Notwendigkeit neue Hochspannungsleitungen zu bauen, die den Strom von den Produzenten im Norden Deutschlands zu den Verbrauchern im Westen und Süden der Republik bringen.

Die Konzentration auf den reinen Leitungsbau greift aber zu kurz. Wichtig ist auch die Diskussion von alternativen Optionen zum Netzausbau: zum Beispiel die Ertüchtigung des bestehenden Netzes, ein Last- und Einsatzmanagement von Energie und der Einsatz von Speichern.

Hinzu kommt: Künftig wird das Gesamtsystem der Energieversorgung durch die Einbindung von unterschiedlichen Energiebereichen sehr viel komplizierter. Technologien wie Power to Gas (die Erzeugung von synthetischem Erdgas aus Windenergie-Überschussstrom), Power to Heat (Einbindung von Strom in die Wärmenetze) oder Power to Transport (Elektromobilität) führen zu immer mehr Schnittstellen zwischen Strom-, Gas- und Wärmeversorgung.

3. Die RessourcenherausforderungEigentlich wollen wir mit dem Umbau der Energieversorgung das Klima und die Umwelt schützen – dabei dürfen aber andere Umweltziele nicht unter die Räder kommen. Ein Beispiel: für die Herstellung von Solaranlagen kommen seltene Erden und giftige Materialien zum Einsatz. Um hier die Umweltauswirkungen so gering wie möglich zu halten, müssen die Hersteller diese entweder ersetzen oder Recyclingkonzepte entwickeln. Gleichermaßen gilt es, potenzielle Konflikte zwischen Energiewende und der Bewahrung von Naturschutzgebieten vor Bebauung sowie Verlagerungseffekte von Umweltfolgen in das Ausland zu vermeiden – Stichwort ist hier die Solarproduktion in China.

4. Die politische HerausforderungDie Energiewende gehört zweifellos zu den größten und komplexesten Veränderungsprozessen, für die es weltweit keine Blaupause gibt. Zentrales Erfolgskriterium in Bezug auf die politische Herausforderung erscheint aktuell, dass alle politischen Ebenen, angefangen bei der EU über den Bund, die Bundesländer bis hin zu den Regionen und Kommunen, an einem Strang ziehen.

Alle politischen Akteure müssen sich gemeinschaftlich auf den Weg machen und nach dem richtigen Transformationspfad suchen, statt sich gegenseitig Sand in das Getriebe zu streuen. Ein solcher konsistenter Mehrebenen-Politikansatz ist daher von zentraler Bedeutung. Wichtig ist aber auch über Wahlperioden hinweg, die mittel- und langfristigen Etappen nicht aus den Augen zu verlieren und mutig und mit Ausdauer auftretende Widerstände zu überwinden.

5. Die gesellschaftliche HerausforderungBei der Energiewende geht es nicht nur unbedingt darum, gesellschaftliche Akzeptanz zu schaffen – das haben Großprojektplanungen wie Stuttgart 21 und andere gezeigt. Sondern Bürgerinnen und Bürger müssen schon sehr früh in der Planungsphase einzelner Projekte eingebunden werden. Was in dieser Hinsicht gerade schief läuft, sieht man zum Beispiel beim Bau von Windparks und neuen Stromtrassen. Denn sehr hohe Zustimmungswerte zur Energiewende im Allgemeinen stehen großflächige Proteste bei nahezu allen diesen realen Umsetzungsprojekten gegenüber.

Die Ursache dieser Ambivalenz ist klar: Nach der Verabschiedung des Energiekonzeptes der Bundesregierung Mitte 2011 hat es die Politik verpasst, einen breiten gesellschaftspolitischen Diskurs zu starten und die Bürgerinnen und Bürger oder ihre Repräsentanten in die Diskussion um die Gestaltung der Energiewende einzubinden. Auch wenn einige interessante Diskussionsformate – zum Beispiel der Bürgerdialog der Kanzlerin – umgesetzt wurden, liefen zum Beispiel die diesbezüglichen Empfehlungen der Ethikkommission vom Frühsommer 2011 ins Leere. Breitere Dialogformate, die jenseits der Politik initiiert wurden (z.B. Agora Energiewende, Energietrialog), können staatlich legitimierte Formate nicht ersetzen.

Eine Maßnahmen gegen die Zustimmung im Großen und den Protest im Kleinen wäre eine Mitmachkultur. Hierfür werden vielfältige Initiativen und unter anderem das Wirken sogenannter „change agents“ benötigt: Das sind Personen in Nachbarschaftsvereinen, die im Kleinen wirken, aber auch Sportler und Künstler, die Zugang zu vielen Bürgern und Bürgerinnen haben und für das Thema werben.

Notwendig ist dabei nicht nur eine Sensibilisierung für den Einsatz erneuerbarer Energien oder energieeffizienter Technologien, sondern auch für nachhaltige Lebensstile. So soll vermieden werden, dass erreichte Einsparungen durch Reboundeffekte ganz oder teilweise wieder verloren gehen.

6. Die wissenschaftliche HerausforderungDie Energiewende ist wie kaum eine andere Gestaltungsaufgabe auf umfassendes transformatives Wissen angewiesen und damit auf ein neues Selbstverständnis der Wissenschaft. Transformative Wissenschaft bedeutet für die Forscher eine viel pro-aktivere Rolle einzunehmen und mehr als ein von Außen reflektierender Partner zu sein: Wissenschaft selbst wird mehr und mehr Teil des Transformationsprozesses, sie setzt Impulse, schafft mit Partnern aus der Praxis wichtige Experimentierräume, wertet Erfahrungen aus und transferiert die gewonnenen Erkenntnisse und die sich herauskristallisierten Erfolgsfaktoren.

Aufgrund der Komplexität des Gestaltungsprozesses benötigt die Wissenschaft ein neues Systemverständnis. Nicht nur technische Innovationen sind künftig gefragt, sondern Systeminnovationen, die technische, infrastrukturelle und sozialökonomische Innovationen, wie neue Geschäftsfelder und Beteiligungsformen, intelligent miteinander verbinden.

 

Bisher sind im Rahmen der Serie “Zukunft der Energiewende” erschienen:

Teil 1: Eicke Weber beschreibt, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen.

Teil 2: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern.

Teil 3: Felix Matthes stellt die Grundlagen einer erfolgreichen EEG-Reform vor

Teil 4: Manuel Frondel fordert, dass die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren bremst

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