Energiewende: "Die Kosten müssen besser verteilt werden"

Energiewende: "Die Kosten müssen besser verteilt werden"

Die Energiewende ist eine Erfolgsgeschichte, schreibt Eicke Weber. Um sie weiterzuführen, brauchen wir statt Strompreisbremse einen Masterplan.

Dies ist der erste Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. Von nun an wird jede Woche ein Experte seine Ideen präsentieren, wie der grüne Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann. Den Auftakt macht Eicke Weber, Physiker und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Das ISE ist das größte Solarforschungsinstitut Europas.

Die Energiewende, die Umstellung unseres Energiesystems hin zu effizienter Nutzung von ausschließlich erneuerbarer Energie, ist in Deutschland unerwartet erfolgreich. Wer hätte noch vor wenigen Jahren geahnt, dass wir heute bereits über mehr als 32 Gigawatt Photovoltaik und 30 Gigawatt installierter Windenergie verfügen, sodass mehr als 25 Prozent unseres Stroms bereits aus erneuerbaren Quellen kommt.

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Auch die energetische Gebäudesanierung kommt immer mehr in Fahrt, bald werden sich ganze Gemeinden und Regionen bis zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien versorgen können. Getragen wurde das durch eindrucksvolle Innovationen sowie durch weltweite Investitionen von mehr als 100 Milliarden Euro, die übrigens zu einem großen Teil bei uns in Deutschland getätigt wurden.

Wir lieferten die notwendigen Anlagen, auf denen beispielsweise in China preiswerte Solarmodule gefertigt werden, und auch die Installationskosten der zahlreichen Module blieben im Lande. Es wird häufig übersehen, dass ein beträchtlicher Teil der im europäischen Vergleich stabilen deutschen Wirtschaft der durch die Energiewende ausgelösten zusätzlichen Wirtschaftsleistung zu verdanken ist, ein wahrer Konjunkturmotor.

Wir waren so erfolgreich, weil wir seit zehn Jahren Marktmechanismen nutzen, um diese Investitionen zu stimulieren: Wir bieten mit festen, dem Markt aber jeweils angepassten Einspeisetarifen großen und kleinen Investoren die Chance, Geld zu garantiert recht guter Verzinsung anzulegen.

Besser als die USAWir überlassen es den Investoren, die interessantesten Anbieter zu finden und dafür zu sorgen, dass die Anlagen auch effizient arbeiten. Die USA wählten einen anderen Weg: Sie subventionieren die Kosten von Wind- und Solaranlagen, mit dem Ergebnis, dass diese Anlagen in den USA teurer verkauft werden als bei uns – dazu mit beträchtlich erhöhtem Verwaltungsaufwand. Ein Subventionsgeber muss natürlich kontrollieren, ob die so mitfinanzierten Anlagen tatsächlich wie geplant arbeiten, und dies auch noch nach Jahren.

Wir haben mit der Energiewende tatsächlich eine globale Lawine losgetreten: Von den im Jahr 2012 weltweit verkauften 30 Gigawatt Photovoltaik wurden weniger als acht Gigawatt bei uns installiert. Viele andere Nationen machen bei der Energiewende mit. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Es rechnet sich!

Um 1000 Kilowattstunden (kWh) Strom aus Öl zu produzieren, müssen zwei Fässer Öl in Dieselgeneratoren oder Kraftwerken verbrannt werden. Bei einem Ölpreis von rund 100 Dollar pro Fass sind dies eben 20 Cent pro kWh, die Kosten für Kraftwerke und Verteilung des Stroms nicht mitgerechnet. Photovoltaik dagegen kann Strom im Sonnengürtel der Erde für deutlich weniger als die Hälfte erzeugen. Es rentiert sich dort bereits heute, tagsüber die Generatoren abzuschalten und nur noch Nachtstrom damit zu erzeugen, bis Speicher auch diesen Strom liefern können.

Ein weiterer, in dieser Art unerwartet rasch eingetretener Effekt, ist auch bei uns zu beobachten: die drastische Senkung der Preise an der Leipziger Strombörse durch die Einspeisung der so rasch wachsenden Mengen von Strom aus Wind und Sonne. Diese Preissenkung beträgt fast ein Viertel des Industriestrompreises und macht so Deutschlands energieintensive Industrie deutlich wettbewerbsfähiger.

Strompreisbremse ist überstürztTrotz dieser Erfolge haben wir heute in Deutschland ein Problem: Wir verteilen die Kosten des zu festen Einspeisetarifen abgerechneten, erneuerbaren Stroms auf die Kunden. Soweit so gut. Doch die erwünschten, sinkenden Strompreise an der Börse haben den Effekt, die erforderliche Umlage für alle – außer der privilegierten, energieintensiven Industrie – zu erhöhen. Dieser Fehler des Systems muss dringend korrigiert werden. Spätestens nach der kommenden Bundestagswahl im Herbst sollten wir uns daran machen.

Statt an hektisch ins Gespräch gebrachten Entwürfen für Strompreisbremsen eines weiteren Erneuerbare-Energien-Änderungsgesetzes sollte man allerdings besser gleich an einem Energiewendegesetz (EWG) arbeiten. Dieses sollte die für die weitere Umsetzung der Energiewende nötigen gesetzlichen Maßnahmen zusammenfassen.

Grundlage eines solchen EWG sollte eine Roadmap sein, also die Beschreibung einer Straße, und kein Masterplan, da wir nicht absehen können, wie schnell wir auf der Straße zur Energiewende künftig fahren werden. In dieser Roadmap sollte beispielsweise beschrieben werden, wie viel an dezentraler und zentraler Energiespeicherung und innerdeutscher sowie internationaler Verflechtung des Stromnetzes erforderlich sein werden, um 50 Prozent und mehr von Strom aus fluktuierenden Quellen in ein versorgungssicheres Netz einzuspeisen.

Die zentralen Fragen für dieses EWG sind: Wie soll ein effektives und kostengünstiges Anreizsystem zur lokalen Speicherung und Einspeisung zur richtigen Zeit in ein Smart Grid aussehen, in dem die Batteriesysteme der Stromkunden entsprechend den während des Tages veränderlichen Stromkosten systemstabilisierend einspeisen und entnehmen? Wie können wir die energetische Gebäudesanierung schnell voranbringen? Den Zubau von gasgeführten Kombikraftwerken zur Erzeugung von Strom und Wärme forcieren? Die Elektromobilität vorantreiben, die zunehmend außer auf Batteriesystemen auch auf Wasserstoff-Brennstoffzellenautos basieren wird, da große Mengen Wasserstoff zu den Zeiten von Überschussstrom aus Sonne und Wind preiswert zur Verfügung stehen?

Stromsparen muss attraktiver werdenDie Lösung dieser Problempalette sollte bereits jetzt sorgfältig vorbereitet werden, um nach der Bundestagswahl in Angriff genommen zu werden.

Als kurzfristige Maßnahme zur Senkung der Stromkosten für Niedrigverdiener könnte ein Basis-Stromtarif gesetzlich vorgeschrieben werden. Die ersten beispielsweise 1000 kWh pro Haushalt und Jahr sollten wesentlich preiswerter als jetzt angeboten werden. Ein Verbrauch zwischen 1000-3000 kWh pro Haushalt könnte den heutigen Tarifen entsprechend abgerechnet werden. Für einen Verbrauch über 3000kWh müsste dann entsprechend mehr als heute bezahlt werden.

Wenn es administrativ möglich ist, könnten die Grenzwerte nach der Zahl der Personen im Haushalt gestaffelt werden. Dies schafft maximalen Anreiz zum Stromsparen. Wirklich sparsame Haushalte würden dadurch nennenswert entlastet. In einem derartigen System kann man auch bald auf Einspeisetarife für neue Photovoltaikanlagen von Privathaushalten verzichten, da sich der Selbstverbrauch von Sonnenstrom, auch unterstützt durch ein Batteriesystem, schon heute rechnet.

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