Energiewende: Jetzt kann sie nur noch der Verbraucher retten

Energiewende: Jetzt kann sie nur noch der Verbraucher retten

Politiker und Energiekonzerne tragen die Energiewende zu Grabe. Jetzt müssen Verbraucher sie in die Hand nehmen.

Dies ist der achte Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert regelmäßig ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann.

Der Autor dieses Textes ist Prof. Dr. Volker Quaschning. Er lehrt und forscht an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin. Er ist Autor mehrerer Bücher und betreibt das Portal www.volker-quaschning.de.

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Politik und Energiekonzerne beteuern: Die Energiewende ist auf einem guten Weg. Ihr Erfolg muss sich am Ausstieg aus der Kernenergie und am Klimaschutz messen lassen - doch eben diese beiden Ziele drohen, zu scheitern.

Die großen Energiekonzerne haben in den letzten Jahren beim Kernenergieausstieg vor allem auf den Neubau von Kohlekraftwerken gesetzt. Als Konsequenz sind im Jahr 2012 die energiebedingten Kohlendioxidemissionen  bereits um 2,2 Prozent angestiegen. In den kommenden Jahren sollen noch einmal über 6.000 Megawatt an neuen Steinkohlekraftwerken ans Netz gehen. Die vor Jahren geplanten und nun in der Pipeline befindlichen Kraftwerke müssen sich erst einmal amortisieren, bevor das regenerative Zeitalter dann wirklich beginnen darf. 

Die Bundespolitik schweigt diese fatale Entwicklung tot und tritt stattdessen bei der  Energiewende auf die Bremse. Bundesumweltminister Altmaier bejubelte unlängst die geglückte Zubaureduktion bei der Photovoltaik - wie man so die eigenen Ziele noch einhalten will, bleibt offen. Dabei zielt man auf einen wunden Punkt der Erneuerbaren: die Kosten.

Eine aktuelle Studie vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme zeigt zwar eindrucksvoll, dass ein vollständig erneuerbares Energiesystem nicht teurer sein wird als die heutige Versorgung. Das gilt aber erst für die Phase des Endausbaus. Die Investitionen für den Umbau verursachen in der Übergangszeit zwangsläufig höhere Kosten. Wirklich überraschend ist das nicht. Auch bei der Einführung der Kernenergie mussten die Strompreise erhöht werden.

Die Bundesregierung versprach aber vor zwei Jahren beim Verkünden der Energiewende nur geringe Kostensteigerungen. Dabei hätte die Bevölkerung nach dem Schock von Fukushima durchaus eine ehrliche Antwort akzeptiert: Die Strompreise werden in der Übergangszeit spürbar ansteigen, aber keine astronomische Höhen erreichen und langfristig dann dauerhaft stabil bleiben.

Selbst ohne EEG-Umlage sind die Strompreise um 70 Prozent gestiegenDie Politik der letzten Jahre liefert aber ausreichend Munition für die aktuelle Kostendiskussion. Die EEG-Umlage, die jeder auf seiner Stromrechnung wiederfindet, ist spürbar angestiegen und hat 2013 bereits 5,3 ct/kWh erreicht. Ein weiteres Ansteigen auf 7 ct/kWh für 2014 ist nicht ausgeschlossen - paradoxerweise nicht, um den Ausbau der Erneuerbaren zu finanzieren.

Während die Zahl der EEG-befreiten Unternehmen unaufhörlich ansteigt, müssen Haushalte und kleine Gewerbe deren Anteil mittragen. Die zunehmenden Kapazitäten erneuerbarer Kraftwerke drücken zudem die Preise an den Strombörsen. Da die EEG-Umlage aus den Mehrkosten der erneuerbaren Energien gegenüber dem Börsenstrompreis berechnet wird, sorgt das für eine höhere EEG-Umlage und damit für höhere Haushaltsstrompreise. Im ersten Halbjahr 2013 lag die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien durch die ungünstigen Wetterbedingungen geringfügig unter dem gleichen Zeitraum 2012. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Summe der Vergütungen für die Betreiber erneuerbarer Energieanlagen 2013 rückläufig sein wird, obwohl die EEG-Umlage erneut deutlich steigt.

Dabei ist die hohe EEG-Umlage nicht einmal der Hauptkostentreiber bei den Stromkosten. Selbst wenn wir die EEG-Umlage komplett streichen würden, bliebe eine Steigerung der Haushaltsstrompreise zwischen den Jahren 2000 und 2013 um stolze 70 Prozent. Vom Laien sind diese Hintergründe nicht mehr zu überblicken. Das wissen auch die Energiekonzerne und ihre Vertreter in der Politik genau und bringen sich schon einmal mit Forderungen bis hin zu einem vollständigen Ausbaustopp für erneuerbare Energien wegen der gestiegenen EEG-Umlage in Position.

Eine Kohlendioxidabgabe würde die EEG-Umlage stabilisierenDabei wäre es sehr einfach, die EEG-Umlage zu senken und einen wirksamen Klimaschutz zu erreichen: Kohlendioxidemissionen müssten einfach nur spürbar verteuert werden. Solange der CO2-Zertifikatehandel nicht funktioniert, wäre eine nationale Kohlendioxidsteuer eine funktionierende Lösung. Verteuern sich die Kohlendioxidemissionen, steigen auch der Preis für Kohlestrom und damit die Preise an der Strombörse. Das würde wiederum die Differenz der Kosten erneuerbarer Anlagen zum Börsenstrompreis und damit die EEG-Umlage senken.

Das scheint aber recht unwahrscheinlich - dem Bürger bleibt da nur eine Option: Er muss die Energiewende selbst in die Hand nehmen. Durch die stark gesunkenen Preise für Solaranlagen ist es inzwischen preiswerter, den Strom  selbst zu erzeugen. Das hat einen unangenehmen Nebeneffekt für die großen Energiekonzerne: Deren Gewinne werden dadurch kleiner.

Daher hat Umweltminister Altmaier im Februar bereits eine Umlage auf Eigenverbrauchsanlagen angekündigt. Es bleibt spannend, ob solche Positionen durchsetzbar sein werden. Hier stehen 13 Millionen Einfamilienhausbesitzer vier großen Energiekonzernen und wenigen Politikern gegenüber. Auf Dauer können sich die Energiekonzerne und die Politik nicht gegen ihre Bürger und den Klimaschutz stellen. Deshalb wird auch dieses Imperium irgendwann einmal zur Geschichte gehören. Offen bleibt die Frage, welche Klimaschäden wir bis dahin unseren künftigen Generationen hinterlassen werden.

Bisher sind im Rahmen der Serie “Zukunft der Energiewende” erschienen:

1. Teil: Eicke Weber beschreibt, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen

2. Teil: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern

3. Teil: Felix Matthes stellt die Grundlagen einer erfolgreichen EEG-Reform vor

4. Teil: Manuel Frondel fordert, dass die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren bremst

5. Teil: Manfred Fischedick beschreibt die sechs größten Herausforderungen der Energiewende

6. Teil: Udo Sieverding deckt Greenwashing beim Ökostrom auf

7. Teil: Patrick Graichen erklärt, wie die Stromversorgung sicher bleibt

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