Energiewende: So könnte eine gute EEG-Reform aussehen

Energiewende: So könnte eine gute EEG-Reform aussehen

Wie geht es mit der Energiewende weiter? Unser Gastautor Felix Matthes vom Öko-Institut legt sechs Kriterien für einen Umbau fest.

Dies ist der dritte Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert jede Woche ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann. Autor dieses Textes ist Felix Matthes, Forschungs-Koordinator für Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut.

Die Diskussionen um das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) schlagen seit Monaten hohe Wellen. Zweifelsohne hat das EEG in den vergangenen Jahren einen Ausbau der regenerativen Stromerzeugung ermöglicht, die viele Erwartungen übertroffen hat. Es hat massive Kostensenkungen bewirkt sowie eine bemerkenswerte Breite von Investoren - von Bürgern bis hin zu Großversorgern - und Finanzierungsquellen für die Energiewende erschlossen.

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Gleichzeitig kommt aber der Ansatz einer festgelegten Einspeisevergütung – sie beträgt zum Beispiel für Windstrom derzeit rund neun Cent pro Kilowattstunde – an ihre Grenzen, auch und in zunehmendem Maße im Kontext des liberalisierten Strommarkts. Wenn immer mehr erneuerbare Energien ans Netz gehen sollen, wird eine Reform unausweichlich.

Für eine aufgeklärte und effektive Reformpolitik bedarf es jedoch einer Vergewisserung über die Prämissen der anstehenden Veränderungen. Ihre sechs wichtigsten Punkte sind:

1. Die Perspektive der Reform: Nicht alle Ideen, die für den Ausbau auf 25 bis 35 Prozent der Stromversorgung sinnvoll erscheinen, sind auch längerfristig tragfähig. Das bedeutet: Alle Reformvorschläge müssen sich der Frage stellen, ob sie zum langfristigen Umbau der Stromversorgung beitragen, der bis zur Mitte dieses Jahrhunderts einen Ausbau der regenerativen Stromerzeugung auf mindestens 80% ermöglicht. Unterstützungsinstrumente für erneuerbare Energien, die längerfristige Folgen mit Blick auf Netzengpässe oder den zukünftigen Bedarf an Infrastruktur ausblenden, haben keine Zukunft.

2. Die Rolle der Märkte und Preissignale: Gerade in einem sehr vielfältigen Stromversorgungssystem der Zukunft, das aus fossilen Energieträgern wie Gas und verschiedenen Erneuerbaren besteht, wird man die Koordinierung von Investitionen und Betriebsentscheidungen nicht staatlich reguliere können, diese Koordination wird zunehmend von Preisen und Wettbewerb übernommen werden müssen.

3. Der ganzheitliche Ansatz: Gerade wenn es um eine Optimierung und die Kostenbegrenzung des Gesamtsystems geht, ist eine Strategie erforderlich, die verschiedenen Teilsegmente des Stromsystems – also grüne Energieträger, Netzausbau und Speicher – zumindest schrittweise zu integrieren. Wenn Strompreise an der Börse wegen hoher Wind- und Solarstromerzeugung niedrig oder gar negativ sind, muss es Anreize geben, flexible einsetzbare Biomasse-Kraftwerke abzuschalten. Wind und Solarkraftwerke müssen so ausgelegt werden, dass sie vor allem dann produzieren, wenn teure Gas- und Kohlekraftwerke Strom liefern.

4. Die Errungenschaften des EEG bewahren: Dazu gehören vor allem die Beteiligung sehr breiter Investorenkreise, wie einzelnen Bürgern und großen Energieversorgern. Hinzu kommt eine sinnvolle Bandbreite an geförderten Energieträgern, wie Wind, Solar und Biomasse und die Begrenzung der Risiken für Investoren durch langfristige Laufzeiten der Vergütung.

5. Die Beteiligung erhöhen: Große Energieverbraucher, vor allem wenn sie nicht oder nur in geringem Maße im internationalen Wettbewerb stehen, müssen stärker an den Kosten der Energiewende beteiligt werden, bisher sind zu viele Betriebe von der EEG-Abgabe befreit. Auf der anderen Seite müssen auch Solaranlagenbesitzer und Windmüller ein stärkeres Risiko tragen – zum Beispiel, wenn ihre Anlagen wegen Netzüberlastung abgeschaltet werden, sollen sie nicht wie bisher eine volle Entschädigung für den nicht produzierten Strom erhalten.

6. Die Reformschritte müssen als Lernprozess angelegt werden: Der Ausbau der Erneuerbaren Energien soll und kann nicht in einem „großen Sprung“ erfolgen, sondern in kleineren Schritten, die immer wieder schnell an die jeweilige Situation angepasst werden können, aber gleichzeitig einer klaren Vision für den Strommarkt der Zukunft folgen.

Die Leitplanken sind klarSowohl für den Ausbau der erneuerbaren Energien als auch für die Weiterentwicklung des Marktes für konventionelle Kraftwerke gewinnen die notwendigen Reformschritte erheblich an Klarheit, wenn man sich die Eigenschaften des zukünftigen Stromerzeugungssystems vergegenwärtigt:

Diese sind bei allen Unsicherheiten im Detail klar: Die künftige Energieversorgung wird mit Energieträgern wie Wind, Sonne, Speichern und Gaskraftwerken einerseits sehr viel vielfältiger als heute und damit sehr viel koordinationsintensiver sein. Sie wird auch deutlich infrastrukturintensiver sein als heute - Stichwort Netzausbau. Die künftige Energieversorgung wird außerdem geprägt durch Technologien, die hohe Anfangsinvestitionen, aber eher geringe Betriebskosten haben. Und sie soll letztlich weitgehend CO2-frei sein.

Als Konsequenz für den zukünftigen Strommarkt bedeutet dies, dass alle Stromerzeugungsoptionen Einkommen für Strommengen (Kilowattstunden), für gesicherte Kraftwerkskapazitäten, für CO2-freie Kraftwerkskapazitäten sowie für Systemdienstleistungen erzielen und den entsprechenden Preissignalen aussetzen müssen, über die dann Investitionen und Betrieb optimiert sowie Versorgungssicherheit und Versorgungsqualität koordiniert werden.

Mein Vorschlag für die Reform des EEG baut auf das bestehende System auf, richtet sich an den oben genannten längerfristigen Strukturen aus und zielt damit auf deutliche Veränderungen in der Ausrichtung und in der Architektur des EEG ab.

Technologien sollten unterschiedlich gefördert werdenWährend bei der Einführung des EEG im Jahr 2000 – mit Ausnahme der Wasserkraft – faktisch alle Technologien an der Startlinie standen, haben vor allem Onshore-Windenergie und die Solarstromerzeugung einen erheblichen Teil der Lernkurve durchlaufen, sind damit günstiger geworden und inzwischen vergleichsweise weit entwickelt. Die Offshore-Windkrafterzeugung befindet sich dagegen erst am Anfang dieser Entwicklung, erhebliche Technologieoptimierungen und Kostensenkungen stehen hier noch aus.

Für alle anderen Optionen, wie zum Beispiel Biogas, sind die Innovationserfolge bisher in Grenzen geblieben. An Stelle des bisherigen Einheitsmodells sollten also differenzierte Ansätze für diese drei verschiedenen Technologiegruppen verfolgt werden, die den Bedarf an geförderter Innovation angemessen reflektieren.

Ein weiteres Problem des EEG, das gelöst werden muss: Es ist inzwischen überkomplex geworden. Es bedarf einer deutlichen Vereinfachung des Vergütungsmodells und einer möglichst einheitlichen Gestaltung innerhalb der verschiedenen Technologiegruppen. Die inzwischen übergroße Zahl von Sonderregelungen und Boni (für bestimmte Formen der Biomasse bis hin zur Modernisierung von Windkraftanlagen) sollte weitgehend abgeschafft werden.

Das zentrale Element der nächsten Reformstufe bildet jedoch die durchgängige Integration der Strombörsenpreise in die Einkommensströme regenerativer Kraftwerke. Das bedeutet: Es wird also nicht mehr zu jeder Zeit der volle EEG-Preis für eine Kilowattstunde Wind- oder Solarstrom gezahlt, sondern ein Teil der Vergütung richtet sich nach Angebot und Nachfrage im Gesamtmarkt. Nicht mehr das Volumen der Stromproduktion wird vergütet, sondern vor allem sein Wert - und der ist nicht zu jeder Tages- und Jahreszeit gleich.

Der Wert ist wichtig, nicht die MengeZum Beispiel: Biomasseanlagen sollen ein klares Signal erhalten, dass Stromerzeugung in Zeiten geringer Nachfrage und negativer Strompreise nicht sinnvoll ist; Windkraftanlagen sollen so ausgelegt werden, dass sie auch bei Schwachwind Strom produzieren, wenn der Strom mehr wert ist. Und Solaranlagen sollen nicht ausschließlich nach Süden ausgerichtet werden, damit die Produktionsspitzen nicht nur in eine Zeit fallen, in der zukünftig der Strom kaum noch etwas wert sein wird.

So werden die einzelnen Betreiber und Investoren werden mit dem Wert des produzierten Stroms konfrontiert und können entsprechend ihrer spezifischen Situation und ihrer ökonomischen Einschätzungen auf dezentraler Ebene reagieren. Diese Integration der Strompreissignale kann und sollte für die unterschiedlichen Technologiegruppen verschieden umgesetzt werden.

Für einzelne regenerative Stromerzeugungsoptionen können und müssen Sonderziele verfolgt werden. Die Offshore-Windenergie muss den Prozess der industrialisierungsbedingten Innovation noch durchlaufen und solange Engpässe das deutsche Netz prägen, sind beispielsweise Anreize zur Errichtung von Windkraftanlagen in Süddeutschland sinnvoll. Für solche Sonderziele sollten jedoch Sonderfinanzierungen bereitgestellt werden, die beispielsweise über Ausschreibung vergeben werden könnten.

Kostenverteilung muss gerechter werdenDie Vergütung für grünen Strom sollte dabei in Zukunft so aufgebaut sein: Das Einkommen für Solar-, Wind- und andere regenerative Kraftwerke ergibt sich erstens aus einer festen und gut berechenbaren Vergütung sowie zweitens einem variablen Bestandteil, dessen Berechenbarkeit sich mit intensiverer Beschäftigung mit dem Wert des erzeugten Stroms verbessert und gegebenenfalls drittens mit einer im Wettbewerb vergebenen Finanzierung für Sonderziele.

Nicht zuletzt muss die Kostenverteilung im System geändert werden. Die Ausnahmen für Großverbraucher müssen auf den wirklich relevanten Kern zurückgeführt werden und die bisher von den Kosten vollständig befreite Stromerzeugung für den Eigenverbrauch muss angemessen an den Investitionskosten des Gesamtsystems beteiligt werden.

Reformen mit Augenmaß und Vision sind so das Gebot der Stunde, die Ablösung der Strommengen - durch eine Stromwertoptimierung bei Grünstromerzeugern müssen den Schwerpunkt des nächsten Reformschritts bilden. Und schließlich können die damit einhergehenden Kostendämpfungen im Zusammenwirken mit einer Neuausrichtung der Kostenverteilung die Frage der ökonomischen Belastungen für die heute nicht privilegierten Verbrauchergruppen entschärfen.

Bisher sind im Rahmen der Serie "Zukunft der Energiewende" erschienen:

Teil 1: Eicke Weber beschreibt darin, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen.

Teil 2: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern.

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