Energiewende: Warum erst die Fundamente gelegt werden müssen

Energiewende: Warum erst die Fundamente gelegt werden müssen

Wie geht es mit der Energiewende weiter? Der Ökonom Manuel Frondel, empfiehlt die Entdeckung der Langsamkeit.

Dies ist der vierte Teil unserer Serie über die Zukunft der Energiewende. An dieser Stelle präsentiert jede Woche ein Experte seine Ideen, wie der Umbau unserer Energieversorgung erfolgreich gestaltet werden kann. Der Autor dieses Textes ist Manuel Frondel, Leiter des Bereichs „Umwelt und Ressourcen“ am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).

Die Fortschritte Deutschlands bei der Energiewende erinnern stark an die Errichtung eines mit zahlreichen Konstruktionsmängeln behafteten Neubaus. So sind bei der Energiewende einige Fundamente noch gar nicht gelegt, auch viele Stützpfeiler fehlen noch. Trotzdem werden der Dachstuhl und das Dach in hohem Tempo immer prunkvoller ausgebaut. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis das Ganze in sich zusammenstürzt.

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Dem Ausbau des Dachs entspricht in der Realität der stetig wachsende Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung. Ungelöst ist allerdings, was mit dem überschüssigen grünen Strom geschehen soll, der in zunehmendem Maße produziert wird. Diese Überschussproduktion gefährdet die Netzstabilität, ein wichtiges Fundament unserer Volkswirtschaft, und sorgt durch weitere Ineffizienzen für unnötig hohe Kosten.

Gleichzeitig drückt das wachsende Angebot an grünem Strom auf die Strompreise an der Börse. Dies macht den Betrieb konventioneller Kraftwerke, die als Reserve für sonnen- und windschwache Zeiten unabdingbare Vorrausetzung für die Sicherheit unserer Stromversorgung sind, zunehmend unattraktiver. Damit gerät ein bedeutender Stützpfeiler unserer Wohlfahrt, die Versorgungssicherheit, immer stärker ins Wanken.

Solarkaft lastet schwer auf der EnergiewendeNicht zuletzt gefährdet der prunkvolle Dachausbau, der mit den überaus teuren Photovoltaikanlagen nur so gespickt ist, den entscheidenden Stützpfeiler der Energiewende: Die Akzeptanz der Bürger. Mit einer Strompreisbremse möchte die Politik diesen Stützpfeiler nun sichern. Das ist ohne Frage notwendig, schließlich hat dieser Pfeiler durch den massiven Anstieg der sogenannten EEG-Umlage, mit der die Kosten der Förderung von grünem Strom auf die Verbraucher umgelegt werden, bereits einen starken Knacks erhalten.

Die Umlage hat sich seit dem Jahr 2009 mehr als vervierfacht und erhöhte sich von 1,31 auf 5,28 Cent je Kilowattstunde (kWh) im Jahr 2013. Die Hauptschuld dafür trägt die Solarstromerzeugung: Der in den Jahren 2000 bis 2012 erfolgte Ausbau der Photovoltaik in Deutschland auf derzeit rund 33 000 Megawatt (MW) hat den Stromverbrauchern nach unseren Berechnungen insgesamt Zahlungsverpflichtungen in Höhe von rund 108 Mrd. aufgebürdet. Erst weniger als ein Fünftel davon ist in den vergangenen Jahren mit unseren Stromrechnungen getilgt worden. Den Löwenanteil müssen die Verbraucher in den kommenden 20 Jahren noch abzahlen.

Der weltweit beispiellose Energiewende-Neubau ist durch diese Konstruktionsmängel akut einsturzgefährdet. Die Politik wäre daher gut beraten, die Förderung der Photovoltaik schleunigst aufzugeben, anstatt diese noch weiter bis zum Erreichen der Obergrenze von 52 000 MW zu fördern. Generell sollte sie den Ausbau der Erneuerbaren verlangsamen. Es ist nicht sinnvoll, durch den ungebremsten und unkontrollierten Ausbau der alternativen Stromerzeugungstechnologien die Statik des Neubaus noch weiter zu verschlechtern.

Vielmehr sollte die Politik nicht zuletzt aus Kostengründen bestrebt sein, den für das Jahr 2020 avisierten Erneuerbaren-Anteil von 35% am Stromverbrauch punktgenau zu erreichen.

Die Förderung muss sich grundlegend ändernFür diese Punktlandung ist der baldige Wechsel des Fördersystems für erneuerbare Energietechnologien auf ein Quotenmodell empfehlenswert, wie es die Monopolkommission und die Wirtschaftsweisen seit Jahren fordern. Im Gegensatz zum Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) wäre ein Quotensystem kosteneffizient. Es hätte zudem den Vorteil, dass die Produzenten grünen Stroms sich nach der Nachfrage richten müssten.

Statt 20 Jahre lang eine feste und von der jeweiligen Nachfrage völlig unabhängige Vergütung zu erhalten, würden sie künftig nach Marktpreisen entlohnt. Demzufolge würde in einem Quotensystem in die kostengünstigsten alternativen Technologien investiert und wohl kaum mehr Ausbau betrieben, als zur Erreichung der Zielquoten notwendig ist.

Bei Beibehaltung des EEG wird das 35%-Ziel für 2020 hingegen sehr wahrscheinlich deutlich übertroffen werden. Damit käme der Energiewendeneubau nicht nur erheblich teurer. Wesentliche Stützpfeiler wie die Netzstabilität und die Versorgungssicherheit gerieten so noch mehr ins Wanken, solange der Netzausbau − auch über Grenzen hinweg − weiterhin nur schleppend oder überhaupt nicht vorankommt.

Welchem Verbraucher ist es da zu verdenken, wenn er schleunigst aus dem fragilen Gebäude flüchtet und seinen Strombedarf selbst deckt? Tatsächlich werden sich zur Deckung des Eigenbedarfs unter den gegebenen gesetzlichen Bedingungen immer mehr private Haushalte für die Solarstromerzeugung , immer mehr Eigentümergemeinschaften und Gewerbetreibende für Mini-Blockheizkraftwerke et cetera entscheiden, und einige große industrielle Verbraucher könnten ─ auch aus Gründen der Versorgungssicherheit ─ ihre eigenen Kraftwerke bauen. Am Ende erhöhen sich so die Finanzierungslasten der Energiewende für alle übrigen Verbraucher.

Damit der Energiewende-Neubau nicht einstürzt und die übrigen Verbraucher nicht vollständig unter dessen Trümmern begraben werden, wird die Politik wohl versuchen, die vor der EEG-Umlage, Netznutzungsentgelten und anderen Abgaben und Steuern Flüchtenden (wieder) einzufangen und weitere Fluchtversuche zu verhindern, indem die Eigenstromerzeugung künftig ebenfalls diese Lasten aufgebürdet bekommt.

Beim Festhalten am EEG dürfte die Politik womöglich mehr damit befasst sein, Fluchtversuche zu vereiteln, als den Energiewende-Neubau zu stabilisieren. Um den Zusammenbruch abzuwenden ist es daher dringend nötig, dass die Politik jetzt zu einer wohlüberlegten und soliden Bauweise findet, anstatt weiterhin hastig ein teures Kartenhaus zu errichten.

Bisher sind im Rahmen der Serie “Zukunft der Energiewende” erschienen:

Teil 1: Eicke Weber beschreibt darin, warum wir statt einer Strompreisbremse einen Masterplan für die Energiewende brauchen.

Teil 2: Rainer Baake erklärt, wie wir künftig Blackouts verhindern.

Teil 3: Felix Matthes stellt die Grundlagen einer erfolgreichen EEG-Reform vor

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